Medienhilfe-info Nr. 5 (4/97)
Dezember 1997 / Januar 1998
Veranstaltungshinweis / Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien lädt ein
Bewegung in die Köpfe und die Beine:
DISCussiOn!
Freitag, 6. Februar 1998, in der Kanzleiturnhalle
(beim Helvetiaplatz) in Zürich
ab 19.30 Uhr: Medienapéro
Medien nach dem Krieg: Vorbei und vergessen?
Ein moderierter Medienapéro mit
- Marlene Schnieper (TagesAnzeiger) (angefragt)
- Andrea Müller (SFDRS 10vor10) (angefragt)
- Max Schmid (Radio DRS) (angefragt)
- moderiert von Ursula Trunz, Präsidentin Medienhilfe Ex-Jugoslawien
ab 22 Uhr: Radio Underground
WORLD-BEAT-PARTY
Transglobal Soundscape with Ambient - Afro - Beat - Dub - Reggae - Rai -
Oriental - Trance - Hip - Hop - Drum'n'Bass
mit den DJ's CAT, Punky & The Sultans of Swing
bis 04.00 Uhr. Eintritt: 25 Franken.
Solidaritätsdisco. Alle Einnahmen gehen zugunsten unabhängiger Medienprojekte im
ehemaligen Jugoslawien. |
Editorial
Journalistische Verantwortung
Wie wird Wasser zu Blut? In Luxor kommen 36 Schweizerinnen und Schweizer bei einem
Terroranschlag grausam ums Leben. Am Tag danach fotografiert Mohamed El-Dakhakhny für
Associated Press den Hatschepsut-Tempel, wo nichts mehr auf das Massaker schliessen
lässt. Auf dem Vorplatz des Tempels trocknet eine lang gezogene Lache Wasser, mit dem der
Boden abgespritzt worden ist. Wieder einen Tag später ist aus der Wasserlache eine
"Blutspur des Grauens" geworden. So schreibt der "Blick" in der
Bildunterschrift. Auch das Schweizer Fernsehen DRS zeigt das zu Blut gewordene Wasser. Ein
Fehler bei der Bildübermittlung? Ein Fehler beim Druck? Oder bewusste Manipulation? SF
DRS gibt die Manipulation zu und entschuldigt sich, der "Blick" sucht den Fehler
nicht bei sich.Zitat eines Medienschaffenden: "Verantwortung kann man nicht lernen.
Redliches journalistisches Handwerk hingegen muss man lernen."Wie wird eine
subjektive Meinung zu einer angeblich objektiven Geschichte? Mit Thesenjournalismus. In
der Tat gibt es Medienleute, die sich im Kopf eine Geschichte zurechtlegen und
anderslautende Tatsachen der vorgefassten Meinung zuliebe verkennen. Thesenjournalismus
hat darum ist das Wort auch entstanden da und dort Hochkonjunktur. Kürzlich
hat sich ein Redaktor einer renommierten Schweizer Tageszeitung ausdrücklich davon
distanziert - und damit gleich selber eine These aufgestellt, die sich mit Leichtigkeit
widerlegen liesse.Zitat eines weiteren Medienschaffenden: "Ein Journalist kann und
muss nicht alles wissen. Aber er muss sich bemühen, so viele Fakten wie möglich
zusammenzutragen.
"Wie wird ein Unbekannter zum Börsenspezialist? Es ist Abend in der Schweiz, und
in New York sinkt der Dow Jones in fürchterliche Tiefen. Hektik auf der Redaktion. Ein
Spezialist muss her, um die Situation in einem Interview zu kommentieren. Der gefragte
Mann ist zum Glück zuhause zu erreichen. Seine Aussagen werden später von anderen
Zeitungen zitiert. Nur war der gefragte Mann nicht der richtige. Dieser konnte sich an ein
nächtliches Interview nicht erinnern. Immerhin und das setzte dem Zwischenfall die
Krone auf teilte er die Einschätzung, die sein unbekannter Namensvetters zu
Protokoll gegeben hatte.
Die Medien tun sich schwer mit dem grossen Anspruch der Verantwortung. Selbst
Medienschaffende, die an sich und ihre Arbeit diesen Anspruch stellen, scheitern ab und zu
daran. Noch komplexer wird der Anspruch für die Medien in Ex-Jugoslawien, wo schreckliche
Bilder des Kriegs Emotionen wecken, die sich so schnell nicht dämpfen lassen. Wo jedes
Faktum je nach Ethnie eine andere Wahrheit hat. Wo Politiker grosse Worte in den Mund
nehmen, ohne deren Konsequenzen abzuschätzen. Zudem: Wer das journalistische Handwerk im
Krieg gelernt hat, muss jetzt umdenken.Immerhin einen kleinen Teil der Verantwortung
können wir bewusst wahrnehmen, indem wir uns weiterhin für die unabhängigen Medien in
Ex-Jugoslawien einsetzen. Verantwortung heisst in diesem Fall, sie nach wie vor moralisch
und finanziell zu unterstützen.
Dass Sie diese Verantwortung mittragen, freut uns sehr.
Ursula Trunz, Medienhilfe Ex-Jugoslawien |