|
| |
Kein Stammeskrieg
Allan Little berichtete als Kriegsreporter für BBC aus Sarajewo. Er gehört zu jenen
westeuropäischen Medienschaffenden, die das politische und humanitäre Establishment
ständig genervt haben mit ihrer professionellen und "antineutralen"
Berichterstattung. Auszüge aus einem Interview in der Zeitschrift "Dani" vom 5.
Januar '98.
Sie haben als Journalist lange aus Bosnien berichtet. Über den Zerfall
Jugoslawiens haben Sie ein Buch geschrieben. Gibt es eine Geschichte, die die Quintessenz
dieses Krieges beinhaltet?
Allan Little: Die Journalisten, die länger als einige Tage in
Sarajewo waren, hatten ständig Streit mit ihren Kollegen in der Redaktion, die diesen
Krieg z.B. aus London verfolgten. Wir haben versucht, ihnen beizubringen, dass es sich
nicht um einen Stammeskrieg zwischen Muslimen, Serben und Kroaten handelt. Wir wollten der
Welt erklären, dass in Bosnien zwei verschiedene Bestrebungen existieren: eine, die für
eine rassistische und faschistisch-nationale Reinheit kämpft und die andere, die für
eine moderne, europäische, multiethnische Gesellschaft eintritt.
Eines Tages lernte ich drei junge Männer aus dem Stadtteil Grbavica kennen. Alle waren um
die 20 und seit Jahren Freunde. Jetzt kämpften sie in der bosnischen Armee. Anfang 1993
erzählten sie mir, die serbischen Nationalisten hätten im Mai 1992 ein Büro geöffnet,
bei dem sich alle Serben im Alter zwischen 18 und 45 anmelden mussten. Sie entschlossen
sich zur Flucht über den Fluss, weil sie nicht gegen ihre Stadt kämpfen wollten. Sie
bezeichneten sich als Bosnier, als "Sarajilier" (Einwohner Sarajewos) und
sprachen darüber sehr artikuliert und emotional. Während des Gesprächs erfuhr ich, dass
es einen vierten Freund gegeben hatte, der wegen seiner Mutter auf der "anderen
Seite" geblieben war und mobilisiert wurde. "Jetzt seid ihr Feinde", sagte
ich ihnen. "Das stimmt nicht. Wir werden nie Feinde sein. Er ist aus persönlichen
Gründen dort, und wir sind hier. Eines Tages, wenn das alles vorbei ist, werden wieder
alle Sarajilier und Freunde sein."
Diese Episode zeigt sehr gut, wie dieser Krieg choreografiert und geführt wurde. Immer
wieder tauchen die alten westeuropäischen Vorurteile über die Bosnier auf, die
"sich seit Jahrhunderten bekriegen", und ähnliche Dummheiten. Deswegen mussten
wir immer wiederholen, dass die Völker in dieser Region seit Jahrhunderten zusammenleben
- im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Völkern -, und dass es in der
Geschichte Bosniens jeweils nur kurz zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, die meist
von aussen verursacht worden wurden.
Übersetzung: Almir Gazic
|