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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Medienhilfe-Projektreise 1998

Die Traumen des Krieges gingen nicht spurlos vorüber

Kroatien scheint wieder ein ganz normales Land geworden zu sein. Gravierender als die materiellen Zerstörungen des Krieges ist das, was in den Seelen der Menschen zerbrochen wurde. Ein Blick in die unabhängige Medien- und Kulturszene des Landes zeigt, dass trotz einer lähmenden Stimmung und Gefühlen tiefer Resignation da und dort Neuanfänge gewagt werden.

Wer nach Kroatien reist, muss sich die Frage gefallen lassen: "Ist das nicht gefährlich?" Nach sieben Jahren bewaffneter Konflikte auf dem Balkan hat ein durchschnittlicher Medienkonsument verständlicherweise Mühe, den Überblick zu wahren. Nein, Kroatien ist ein mehr oder weniger normales Land im Übergang vom alten, staatssozialistischen System zur kapitalistischen Marktwirtschaft – wenn da nicht dieser Krieg gewesen wäre, der seine sichtbaren, vor allem aber unsichtbare Spuren hinterlassen hat.

Zagreb ist eine verschlafene Provinzstadt. Abseits des Hauptplatzes läuft nicht viel. Das Regierungs- und Parlamentsviertel in der Altstadt macht den Eindruck eines k.k. Operettenstaates. Ohne das herrschende Personal überhaupt zu Gesicht zu bekommen, kann man es doch spüren: Hier sind Möchtegerne an den Hebeln der Macht – die man allerdings ernst nehmen muss. Die Regierungspartei HDZ hat das Land fest im Griff, und die Opposition macht hauptsächlich durch ihre Uneinigkeit von sich reden. Das Bewusstsein der KroatInnen wird in erster Linie durch das staatliche Fernsehen kontrolliert, das für die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung die einzige Informationsquelle ist. Über die drei Kanäle kommt nichts, was dem Präsidenten Tudjman und seinen Vasallen nicht gefallen könnte.

Das Staatsfernsehen als Schlüssel zur Demokratie

Mit einigermassen rechtsstaatlichen Verhältnissen sind solche Strukturen kaum vereinbar. Die europäische Gemeinschaft in Form der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit, OSZE setzt deshalb Druck auf, um die Medien zu demokratisieren. Der OSZE-Delegierte für Kroatien, der Schweizer Diplomat Tim Guldimann, spricht undiplomatisch offen, wenn die Rede auf die Staatsmedien des Landes kommt: Sollte sich die Regierung nicht an die Empfehlungen internationaler Experten halten, die den Umbau des staatlichen Fernsehens HTV in einen "service public" vorgeschlagen haben, dann sei für Kroatien der Zug in Richtung einer engeren Zusammenarbeit mit der Europäischen Union erst einmal "abgefahren". Kroatien steht auf der Traktandenliste der EU-Aussenministerkonferenz vom 6. Oktober. Man darf gespannt sein, wie ernst es die internationale Gemeinschaft mit der Demokratisierung meint.

JournalistInnen unter Druck

Unter Druck stehen in Kroatien die JournalistInnen unabhängiger Medien, gegen die rund 500 Gerichtsverfahren laufen. Die Umstände dieser Verfahren wiederholen sich: Die immer gleichen Medienleute bei den gleichen Zeitungen werden von führenden Vertretern der Regierungspartei und Angehörigen der Präsidentenfamilien, die sich durch Berichte und Kommentare in ihrer Ehre verletzt fühlen, angezeigt. Die Summen, um die es in diesen Prozessen geht, sind enorm. Das zermürbt die regierungskritischen JournalistInnen moralisch und materiell. Im Gespräch mit Boris Dezulovic, einem der stellvertretenden Chefredaktoren des polit-satirischen Wochenmagazins Feral Tribune, wird deutlich, wie dieser Druck an den Nerven zerrt. Der Mittdreissiger hat schon eine Menge erlebt: In den 80er-Jahren arbeitete er für das Jugendmagazin Iskra, das unter dem Dach der staatlichen Jugendorganisation viel Spielraum für einen, angesichts real-sozialistischer Verhältnisse, unkonventionellen Journalismus bot.

Später kam er zur Tageszeitung Slobodna Dalmacija und musste während des Krieges als Berichterstatter an der Front arbeiten. JournalistInnen, die die nationalistische Kriegspropaganda nicht nachbeteten, waren dort nicht gern gesehen. So entkam er nur durch Glück und Zufall ein paar gefährlichen Situationen, die ihn das Leben hätten kosten können. 1993 stellte die Verlagsleitung alle MitarbeiterInnen der Satirebeilage Feral auf die Strasse. Da überlegte sich Boris, ob er nicht besser Fischer werden sollte. Doch er blieb dabei, als Feral Tribune als eigenständige Wochenzeitung aufgebaut wurde, die heute zwischen 50'000 und 60'000 Exemplare verkauft. Allerdings macht er sich keinerlei Illusionen über die Zukunft: "Ich habe eine fünfjährige Tochter, und ich möchte nicht, dass sie in diesem Land gross wird. Hier gibt es für sie kein sinnvolles Leben."

Pessimisten und Post-Pessimisten

Die materiellen Schäden des Krieges sind noch an manchen Stellen sichtbar. Viel nachhaltiger wirken die immateriellen Folgen, die sich allerdings erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennen lassen. Ljiljana Filipovic ist Redaktorin beim Dritten Programm des staatlichen Rundfunks und macht Kultursendungen. Beim Publikum finden diese nicht viel Resonanz, obwohl sie inhaltlich durchaus dem Standard westlicher Kulturprogramme entsprechen. Die Frau in den Fünfzigern drückt ihre Enttäuschung über die geistige Enge ihres Landes aus, die durch die Zeiten des Krieges und danach noch spürbarer geworden sei. Auf Reformen von "oben" setzt sie keine Hoffnung: Es gibt ein paar Leute in Radio und Fernsehen, die sich "Forum 21" nennen und Veränderungen des verkrusteten Medienapparates anstreben. Ljiljana hält sie für Wendehälse, die sich bereits auf die Nach-Tudjman-Ära einstellen, ohne allerdings zu viel riskieren zu wollen: "Die haben doch früher genau die gleichen nationalistischen Parolen verbreitet wie ihre immer noch regierungstreuen Kollegen."

Unter einigen Angehörigen der jüngeren Generation, die wir auf unserer Reise trafen, gibt es auch noch andere Haltungen. Da entsteht beispielsweise in Zagreb ein alternatives Kulturzentrum, das bereits über 400 Mitglieder zählt, von denen rund 50 in verschiedenen Arbeitsgruppen mitmachen. Bis vor kurzem war dieses Zentrum in einer stillgelegten Fabrik untergebracht. Inzwischen logiert es in einer gutbürgerlichen Wohnung mit grossen Zimmern. Finanziert wird das Ganze vorerst vom Open Society Institute, das sein Geld von George Soros, dem bekannten Devisenspekulanten, erhält. Ohne Soros würden viele regierungsunabhängige Projekte in Kroatien nicht funktionieren. Die InitiatorInnen hoffen auf Unterstützung durch die Stadt, die verschiedene Kulturhäuser unterhält, in denen aber nicht viel läuft. Sie sind sich bewusst, dass ohne Druck sich nichts bewegen lässt. Und sie glauben an ihre Sache.

Ein anderer Zirkel nennt sich "Post-Pessimisten". Sie arbeiten mit Gruppen ähnlich Gesinnter in anderen Ländern Post-Jugoslawiens zusammen. Da entstehen Keime einer neuen Gesellschaft, die mit den Traumen des Krieges zu leben lernen – weil das Leben weitergehen soll.

Kurt Seifert

Projektreise nach Kroatien

Zwischen dem 28. August und dem 5. September besuchten fünf Mitglieder der Medienhilfe Ex-Jugoslawien auf eigene Kosten verschiedene unabhängige Medien- und Kulturprojekte in Kroatien, u.a. das alternative Kulturzentrum ATTAK in Zagreb, die Nachrichtenagentur Stina sowie die Redaktion der Wochenzeitung Feral Tribune in Split. Ausserdem trafen sie mit Tim Guldimann, dem Chef der OSZE-Mission in Kroatien, zusammen.

Die TeilnehmerInnen der Medienhilfe-Projektreise (v.l.n.r.: Dario Venutti, Nena Skopljanac, Kurt Seifert, Ursula Trunz. Foto: Roland Brunner

Gespräch mit OSZE-Missionschef Tim Guldimann (links) und Medienverantwortlicher Mark Thompson in Zagreb

Feral-Tribune-Gründungsmitglied und -Redaktor Boris Dezulovic

Graffitti in Split

Sascha Milosevic, Medienverantwortlicher des Open Society Instituts (Soros-Foundation) in Kroatien

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