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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Serbien vor der Diktatur?

Der Jahresrückblick des serbischen Regimes kann zwei "Errungenschaften" aufführen: den Krieg im Kosov@ und die Zerschlagung der Hochburgen der demokratischen Opposition in Serbien selber, der unabhängigen Medien und der Universitäten. Die Verbindung der beiden Angriffe ist wohl weniger Zufall als ein konzertierter Angriff.

Der Anpfiff wurde Mitte Februar mit der Ausschreibung neuer Vergaben für Radio- und Fernsehfrequenzen gegeben. Ungenaue und unvollständige Angaben in der Ausschreibung, Konflikte in der Rechtsgrundlage zwischen den Gesetzen auf Ebene der Republik Serbien und der Bundesrepublik Jugoslawien (zu der auch Montenegro gehört), das Fehlen wesentlicher Gesetzesteile, Widersprüche zwischen der Verfassung und internationalen Abkommen, die Jugoslawien unterzeichnet hat... Missbräuchen und willkürlichen Entscheiden durch die politischen Instanzen standen Tür und Tor offen.

Willkür und Chaos in der Vergabepolitik

Statt "law and order" in die "chaotischen Verhältnisse in der Telekommunikation" zu bringen, wie die offizielle Absicht verlautete, nutzte das Ministerium für Telekommunikation die Ausschreibung zu einer Kampagne gegen unabhängige elektronische Medien. Frequenzen wurden vor allem an Stationen vergeben, deren Programm- und Sendepolitik sich nach den Bedürfnissen und Interessen der herrschenden Parteienkoalition richtet oder die nur kommerzielle Unterhaltung bieten. Am meisten betroffen waren die Stationen, die sich im Netzwerk unabhängiger elektronischer Medien ANEM zusammengeschlossen hatten. Gegründet und präsidiert wird ANEM vom Belgrader Sender B92.

Obwohl diese Stationen alle identische, vollständige Bewerbungen einreichten, erhielten nur drei der bisher operierenden Medien eine neue Lizenz. Zudem sind im Moment immer noch 11 von 18 neuen Fernsehstationen und 16 von 33 neuen Radiosendern ohne Frequenz und Kanal. Alle Eingaben für den Kosov@, die auch über ANEM eingereicht wurden, wurden abgelehnt: Radio&TV Koha Ditore, Radio&TV 21 und Radio Kontakt. Noch während der laufenden Vergabe wurden zudem drei Stationen verboten: TV Pirot, Radio Kontakt und Radio City.

Mit dem Krieg kommt die Diktatur

Mit dem Beginn des Krieges im Kosov@ wurden die unabhängigen Medien zur Zielscheibe für das Regime. Wer objektive Information anbietet, statt die Staatspropaganda zu verbreiten, wird für die Behörden zur Gefahr. Schon die ersten unabhängigen Berichte im März wurden als "unpatriotisch" deklariert. Sie verstiessen gegen die "nationalen Interessen", wurde den ChefredaktorInnen der unabhängigen Tageszeitungen Nasa Borba, Danas, Blic und Dnevni Telegraf sowie der Wochenzeitschrift Vreme mitgeteilt, als sie zum "informellen Gespräch" vorgeladen wurden. Der Grund? In ihrer Berichterstattung über die Ereignisse in Drenica sprachen sie von "Massakern an der Zivilbevölkerung". Gemäss Behörden war dies aber reine Desinformation der Öffentlichkeit, da es im Kosov@ nur "legale Massnahmen des Staates gegen Terroristen" angewendet worden seien. Zum Glück blieb es bei den "informellen Gesprächen" und es wurden keine Prozesse eingeleitet. Damals noch nicht.

Die Drohung eines militärischen Eingreifens seitens der Nato im Oktober führte zu einer neuen Welle von Übergriffen gegen Medien, die nicht unter Staatskontrolle stehen. Um die eigene Macht zu erhalten und jegliche Verantwortung für die Entwicklung der Situation weit von sich zu weisen, wurden unabhängige Medien in wilder Hysterie selbst von höchsten Vertretern der herrschenden Regierungskoalition als "fremde Söldner", "Spione", "fünfte Kolonne" und "Verräter" bezeichnet. Offen wurde mit physischer Gewalt gedroht und zur Lynchjustiz aufgerufen: "Vielleicht können wir nicht jedes Nato-Flugzeug abschiessen, aber wir können uns sicher ihre Agenten hier schnappen." Solche Aussagen wurden nicht von betrunkenen Chaoten in einer dunklen Kneipe gemacht, sondern fielen an den Sitzungen des serbischen und des jugoslawischen Parlamentes. Obwohl der Ausnahmezustand nicht ausgerufen wurde, erliess die serbische Regierung verfassungswidrig "spezielle Massnahmen anlässlich der Nato-Drohungen mit militärischen Angriffen gegen unser Land". Damit wurden alle unabhängigen Medien verboten, die laut willkürlicher Festlegung "Angst, Panik und Defätismus stiften, einen negativen Einfluss auf die Bereitschaft der Bevölkerung zur Verteidigung des Territoriums und der Souveränität haben und die die Anstrengungen der Regierung Serbiens für spezielle Massnahmen gegen die Drohungen von Militärangriffen auf unser Land lächerlich machen". Innerhalb weniger Tage wurden zwei Radiostationen (Radio Senta und Radio Index) und drei Tageszeitungen (Danas, Dnevni Telegraf und Nasa Borba) verboten.

Legaler Verfassungsbruch

Am 20 . Oktober wurde vom serbischen Parlament im Dringlichkeitsverfahren ein neues "Gesetz über öffentliche Information" verabschiedet. Der Entwurf lag zuvor weder den Parteien im Parlament zur Diskussion vor, noch wurde er von der zuständigen Parlamentskommission begutachtet. Der unabhängige JournalistInnenvrband wurde genau so wenig um seine Meinung gefragt wie der offizielle, staatshörige Verband. Was steht in diesem Dokument, das "top secret" von der herrschenden rot-braunen, faschokommunistischen Koalition durchgepeitscht worden ist?

Nachrichten mit "Propaganda-Inhalt" sind verboten. In keinem Artikel wird irgendwie geklärt, was als Propaganda zu gelten habe. Willkürliche Entscheide der Behörden sind damit programmiert. Eine Grundsatz professioneller Berichterstattung, die Wahrheit der Information, wird vollständig pervertiert: Wird eine öffentlich gemachte Aussage zitiert, die falsche Tatsachen beinhaltet, so können die JournalistInnen und VerlegerInnen bestraft werden. Nicht die Personen, welche Falschaussagen machen, kommen also an die Kasse, sondern diejenigen, die diese Aussage publizieren. Zudem gilt das Prinzip "Im Zweifel gegen den Angeklagten": Das Gericht geht von der Schuldigkeit der angeklagten JournalistInnen aus. Das Gerichtsverfahren wird nicht an einem regulären Gericht durchgeführt, sondern in einem Anklägerverfahren. Damit müssen nicht Beweise für die Schuld der JournalistInnen und VerlegerInnen beigebracht werden, sondern diese müssen ihre Unschuld beweisen können. Für das ganze Verfahren bleiben 24 Stunden Zeit. Die Verurteilung geht von sehr hohen Geldstrafen bis zu völligen Verboten. Keine Haft? Nein, so klug war das Regime doch, da man sonst heftige internationale Reaktionen befürchten müsste. Die Rechnung des Regimes scheint wieder einmal aufzugehen; die Proteste der internationalen Staatengemeinschaft halten sich in Grenzen.

Mit der Keule gegen "Europäer"

Das erste Opfer des neuen Gesetzes, die Wochenzeitung Evropljanin (Europäer), bekam für die angeklagten JournalistInnen, Chefredaktor, Direktor und Verleger eine Busse von insgesamt 330’000 Franken aufgebrummt. Wessen war die Zeitung schuldig? Mitglieder der Patriotischen Liga Belgrads fühlten sich beleidigt durch das Editorial der Zeitung. Die Patriotische Liga ist eine der vielen regierungsabhängigen Phantom-Organisationen, mit denen das Regime die Existenz einer demokratischen Zivilgesellschaft "beweist". Viele dieser Wurmfortsätze der Regierung bestehen knapp aus einem Präsidenten und einigen "Vorstandsmitgliedern". Evropljanin schrieb, in den letzten Jahren hätten Hunderttausende junger und gut ausgebildeter Menschen Serbien verlassen, weil sie dazu gezwungen waren, um dem Kriegsdienst zu entkommen und weil es keine Perspektive für ein anständiges Leben gibt. Laut Patriotischer Liga ist das eine Beleidigung. In Wirklichkeit seien diese Leute abgehauen, weil sie keine Patrioten, sondern Verräter sind. Evropljanin bezifferte die Arbeitslosigkeit in Serbien auf 40 Prozent und zitierte dabei die veröffentlichten Angaben des Wirtschaftsinstituts der Universität Belgrad. Auch dies: eine Beleidigung. Zudem veröffentlichte Evropljanin ein Bild von Adem Jasari, dem im Frühling getöteten UÇK-Kommandanten. In der Bildlegende fehlte das "sogenannt" vor der "Befreiungsarmee des Kosova"...

Der Fall der Tageszeitung Dnevni Telegraf einige Tage später war noch absurder. Die Frauenvereinigung der Bundesrepublik Jugoslawien reichte Klage ein, weil ein Inserat der StudentInnenorganisation Otpor (Widerstand) zum gewaltsamen Sturz der verfassungsmässigen Ordnung aufgerufen habe. Vier StudentInnen dieser Organisation waren verhaftet worden, als sie versuchten ihr Zeichen, eine geballte Faust, auf eine Wand zu sprayen. Im Artikel darüber verwendete Evropljanin das Signet der geballten Faust, und das war’s dann. Strafmass: 160’000 Franken Busse.

Den unabhängigen Medien bleibt die Wahl: Entweder akzeptieren sie die neuen Spielregeln des Regimes, auferlegen sich Selbstzensur und verlieren so ihre Glaubwürdigkeit als freie, unabhängige Medien. Oder sie kämpfen weiter gegen das Regime. Sie haben die zweite Option gewählt. Ein breites Spektrum von Selbstverteidigungs- und Solidaritätsaktivitäten wird entwickelt. Die renommierte Anwaltskanzlei Cavington&Burling wurde engagiert, das Gesetz auf seine Verfassungsmässigkeit hin zu untersuchen. Das Ergebnis: Das Gesetz sei "eine eklatant verfassungswidrige Übung in Medienzensur (sic!), Einschüchterung und Bestrafung. Das Gesetz ist eine extreme und illegale Verabschiedung aus den Standards der serbischen und jugoslawischen Verfassung und von den internationalen Normen, denen europäische Mediengesetze entsprechen müssen."

Breiter Widerstand formiert sich

Inzwischen ist eine Unterschriftensammlung zur Abschaffung dieses Gesetzes gestartet worden. Die Unterschriftsbogen werden regelmässig in allen unabhängigen Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt, Radiospots und Jingles werden auf den unabhängigen Radio- und Fernsehstationen ausgestrahlt. Gemäss serbischer Verfassung können 15’000 stimmberechtigte BürgerInnen mit ihrer Unterschrift ein parlamentarisches Verfahren zur Abschaffung des Gesetzes einleiten. Die herrschende Koalition verfügt allerdings über eine klare Mehrheit im Parlament, um diesen Vorstoss abzuwehren. Aber schon die Tatsache, dass ein solches Verfahren aufgenommen werden müsste, wäre ein Beitrag zur Stärkung der demokratischen Kräfte im Land.

Zahllose Treffen der ChefredaktorInnen, Medienkonferenzen und öffentliche Diskussionen finden statt. Strategien werden gesucht, wie die internationale und die einheimische Öffentlichkeit einbezogen werden kann. Alle informieren ihre LeserInnen, HörerInnen und ZuschauerInnen über die Angriffe gegen die anderen Medien. Rechtsberatung und -beistand werden aufgebaut. Druckereien stellen den verbotenen Medien Kapazitäten zur Verfügung, Zeitungen ihre Seiten, Radios und Fernsehstationen ihre Sendeminuten.

Veran Matic, rühriger Präsident von ANEM und Chefredaktor von Radio B92, schreibt tagtäglich Erklärungen und Aufrufe und verschickt sie an eine lange Liste von EmpfängerInnen rund um die Welt: JournalistInnen-Verbände und Medienkonzerne, Menschenrechtsorganisationen, Botschaften und PolitikerInnen, internationale Organisationen und lokale Initiativen. B92 veranstaltete ein Rockkonzert "For the Free Air and Life without Pressure", an dem rund 5000 Menschen teilnahmen. Das Konzert war Teil der Kampagne "Silence does not become Serbia" von B92 und ANEM zum 50. Jahrestag der UNO-Menschenrechtsdeklaration.

Warten auf internationale Taten

Was hat die internationale Gemeinschaft bisher unternommen angesichts dieser alarmierenden Mediensituation? Die ständigen Bestrebungen, das kontinuierliche Lobbying der unabhängigen Medienschaffenden zeigt erste Resultate. Langsam wächst das Bewusstsein auch bei denjenigen, die die Geschicke der Region über die internationale Politik wesentlich mitbestimmen. Man darf hoffen, dass der verbalen Unterstützung bald auch Taten folgen. Es geht nicht nur um das Überleben des freien, unabhängigen Medienschaffens in Serbien, sondern um die Perspektive für Demokratie und einen stabilen Frieden in der ganzen Region. Den Kosov@konflikt mit politischen Mitteln lösen zu können und den Frieden in Bosnien-Herzegowina zu stärken, ist nicht möglich ohne den Aufbau von demokratischen, offenen Gesellschaften. Dies gilt für alle Länder der Region, auch für Serbien. Die Freiheit der Medien und die Meinungsfreiheit der BürgerInnen sind Grundsteine, die auf diesem langen Weg gelegt werden müssen.

Nena Skopljanac, Medienhilfe Ex-Jugoslawien

 

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Ihre Mitgliedschaft 1999 und Ihre Spende für die Arbeit der Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Wir bedanken uns bei allen Mitgliedern und SponsorInnen des Vereins Medienhilfe Ex-Jugoslawien für die Unterstützung, die Sie uns 1998 haben zukommen lassen.

Unsere Arbeit, die Unterstützung unabhängiger, nicht-nationalistischer, professioneller Medien, kann auch 1999 nur dank Ihrer Zuwendung weitergeführt werden.

Jahresbeitrag 1999 und Spenden an:

Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Postfach, 8031 Zürich

PC 80-32253-9

 

Lesetips

"Shallow Graves. In Kosovo, good reporting has fallen in the war" von Dejan Anastasijevic, und "Five Years of Irreverence. The story of a bold and geleaguered Croatian weekly" von Pero Jurisin; in: Transitions, Vol. 5/No. 10, October 1998.

"Serbiens freie Medien unter Druck"; von Andres Wysling, in: NZZ, 15.10.98.

"Der Rundfunk unseres Vertrauens. B92 – die multimediale Stimme gegen Serbiens Machthaber"; von Drinka Gojkovic, in: NZZ, 30.10.98.

"Kosovo – die Schlacht auf dem Bildschirm. Blutige Realität und virtuelle Internet-Propaganda"; von Andres Wysling, in: NZZ, 6.11.98.

"Eine Oase der Medienfreiheit. In Serbien verbotene Zeitungen erscheinen in Montenegro"; von Peter Fürst, in: Tages-Anzeiger, 19.11.98.

"Serbien versinkt im Faschismus. Belgrader Regime kämpft gegen die letzten ‘Widerstandsnester’ der bürgerlichen Gesellschaft"; von Stephan Israel, in: Südostschweiz, 20.11.98

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