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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Unabhängiges Medienschaffen in Serbien

Licht ins Mediendunkel

Nach drei Monaten Nato-Bomben und Kriegsrecht beginnt sich die Medienwelt in Serbien zu erholen.

Die Zeit der Nato-Angriffe auf die Bundesrepublik Jugoslawien war die schwierigste Periode für unabhängige Medienschaffende in Serbien. Eine strikte militärische Zensur während der Zeit des Kriegsrechtes machte professionelle Berichterstattung praktisch unmöglich. Wer den neu auferlegten Regeln nicht gehorchen wollte, wurde verboten: Radiosender in Novi Sad, Kinkinda, Senta, Cacak, Nis, Negotin und natürlich auch Radio B92 in Belgrad. Andere beschlossen von sich aus, ihre Arbeit einzustellen, wie z.B. Radio Boom 93 in Pozarevac. Wer während der Nato-Bombardierung weitermachte, musste sich den staatlich kontrollierten Medien anpassen. Berichte über ethnische Säuberungen und Kriegsverbrechen in Kosov@ oder kritische Beiträge über das serbische Regime waren unmöglich. Trotzdem haben einige unabhängige Medien grossen Mut bewiesen und sind ihrer Linie treu geblieben – angedrohte Konsequenzen hin oder her. Zwei solche Medien – beides Partner der Medienhilfe Ex-Jugoslawien – sind die Zeitschrift Republika und die Radiostation Bajina Basta, die für ihre Kriegsberichterstattung den Jahrespreis von Radio Free Europe erhielt.

Bitterer Nachgeschmack

Nach Beendigung des Krieges und Aufhebung der Bestimmungen über die Einschränkung der Pressefreiheit kehrten die unabhängigen Medien über Nacht zu ihrem Vorkriegs-Profil zurück. Bei vielen JournalistInnen blieb aber ein bitterer Nachgeschmack. Es besteht grosser Diskussionsbedarf: Was wurde unterlassen? Wie wäre es möglich gewesen, während dieser drei Monate des Kriegsrechts die Werte aufrechtzuerhalten, die zuvor während Jahren Grundlage des unabhängigen Medienschaffens waren? Kann die schwierige Situation das Verstummen der unabhängigen Medien entschuldigen oder nur erklären? Gab es neben der staatlichen Zensur eine Selbstzensur, die manchmal weiterging als nötig? Eine erste Diskussion über diese Fragen fand schon im Juli statt. Die nächste Runde, an der auch BerufskollegInnen aus Montenegro und Kosov@ teilnehmen werden, ist für Ende September geplant.

Schonungslose Öffentlichkeit

Parallel zu dieser ernsthaften Selbstkritik muss aber der Wiederaufbau der unabhängigen Medien und des professionellen Medienschaffens betrieben werden. Die Bevölkerung Serbiens muss über die im Kosov@ begangenen Verbrechen aufgeklärt werden, denn ohne schonungslose Öffentlichkeit ist ein Zusammenleben und eine Versöhnung undenkbar. Die Widerstandsbewegungen und Bürgerparlamente, brauchen Mittel und Wege, um ihre sozialen Energien für eine Demokratisierung einsetzen zu können und um ihre gesellschaftlichen und politischen Vorschläge und Visionen für die Zukunft des Landes zu verbreiten. Ohne ein aktives, lebendiges unabhängiges Medienschaffen – vor allem über die einflussreichen elektronischen Medien – ist dies unmöglich.

Das Wiederertönen des alten, ursprünglichen Teams von Radio B92 unter der neuen Bezeichnung B2-92 ist sicher ein Schlüsselereignis. Dank einem Vertrag mit dem dritten Programm von Studio B, der B2-92 volle redaktionelle Unabhängigkeit garantiert, kann die Station heute wieder ein 12-Stunden-Programm senden und damit ganz Belgrad und Umgebung bedienen. Auch viele andere unabhängige Radiostationen des Netzwerks unabhängiger elektronischer Medien ANEM, die während des Krieges von den Behörden verboten wurden, sind wieder im Äther – obwohl sie dazu keine Bewilligung erhalten haben. Die professionell gemachte Nachrichtensendung von B2-92 wird von rund 30 lokalen Stationen weiterverbreitet. Auch das ANEM-Fernsehnetzwerk aus 18 lokalen Sendern hat mit einem einstündigen Programm zweimal wöchentlich wieder begonnen. Verantwortlich für dieses Programm ist Bojana Lekic, die Anfang März zusammen mit Aferdita Kelmendi aus Pristina unser Gast war für Veranstaltungen unter dem Titel Kosov@media. B2-92 und ANEM produzieren zudem täglich drei Stunden Fernsehnachrichten. Die Abendnachrichten beginnen um 19.30 Uhr, zeitgleich mit und alternativ zu den Abendnachrichten des Staatssenders RTS. Damit haben die 1,6 Millionen ZuschauerInnen eine Alternative zur staatlichen Propagandamaschinerie.

Mediengeneratoren für Serbien

All diese neuen Ansätze stehen aber noch auf schwachen Beinen. Infolge der Zerstörungen an der Stromversorgung wurden schon jetzt Beschränkungen eingeführt. Im Winter droht die Stormversorgung endgültig zum Problem zu werden. Unabhängigen Radio- und Fernsehstationen werden mit Sicherheit zu denjenigen gehören, die als erste von den Einschränkungen betroffen sind. Das Regime hat damit wieder ein "elegantes" Mittel in der Hand, unabhängiges Medienschaffen zu unterdrücken ohne es zu verbieten. ANEM hat deshalb ein Projekt erarbeitet und internationalen Organisationen unterbreitet, mit dem die unabhängigen Medien mit Generatoren versorgt werden sollen. Wenn diese alternative Stromversorgung nicht zustande kommt, werden die BürgerInnen Serbiens einen Winter nicht nur in Kälte, sondern auch in absoluter Dunkelheit verbringen müssen – ohne Lichtblicke darüber, was in ihrem Land geschieht.

Nena Skopljanac, Medienhilfe Ex-Jugoslawien

FREE B92

Der unabhängige Radiosender B92 kämpft auch mit rechtlichen Mitteln gegen die Übernahme durch den Staat. Eine Petition soll zeigen, wie breit die Unterstützung für diese Station ist: "No radio exists without its listeners." Die Petition kann unterschrieben werden
auf ihrer Homepage.

REPUBLIKA

Die in Belgrad alle vierzehn Tage erscheindende Zeitschrift Republika ist das mutigste Blatt der serbischen Medienszene. Auch während des Ausnahmezustandes und der staatlich verordneten Zensur wich das Blatt nicht von seinen scharfsinnigen und hintergründigen Analysen ab. Das war ein guter Grund für die Medienhilfe Ex-Jugoslawien, die Zeitschrift mit 10’000 Franken zu unterstützen.

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