| Die Versorgung mit Information für die Vertriebenen und Flüchtlinge in
Albanien und Mazedonien erwies sich für die vom Terror gezeichneten Menschen als ebenso
lebenswichtig wie die humanitären Güter. Medien boten durch ihre Informationen Halt und
Perspektive für Menschen, die ihrer Wurzeln beraubt vor einer unsicheren Zukunft standen. Im
Mai und Juni fanden zwei informelle internationale Treffen statt, an denen internationale
Organisationen unter ihnen die Medienhilfe Ex-Jugoslawien mit lokalen
Projektpartnerinnen die benötigte Unterstützung diskutierten. Die dringlichste Nothilfe
zur Aufrechterhaltung des Medienschaffens im Exil konnte so gesichert werden. Nun geht es
um den längerfristigen Wiederaufbau vor Ort.
Ungleiche Voraussetzungen
Drei Monate nach ihrer Rückkehr in den Kosov@ haben die unabhängigen Medien erst
einen Bruchteil der versprochenen und dringend benötigten Hilfe erhalten (siehe Kasten
nebenan). Weiterhin müssen Zeitungen und Zeitschriften in Mazedonien gedruckt werden, was
sowohl Produktions- wie auch Transport- und Verteilkosten erhöht. Keine Publikation kann
von ihren Verkaufseinnahmen leben und einen Inseratemarkt gibt es schon gar nicht. Zudem
kämpfen alle Medien darum, gute Leute zu behalten und sie nicht an internationale
Organisationen zu verlieren, die für unqualifiziertere Jobs wie Fahrer, Übersetzer oder
Bürohilfen mit hohen Löhnen locken.
Anderen Medien fällt es viel leichter, an Geld zu kommen. Die ehemalige staatliche
Zeitung Rilindja wird heute kontrolliert von der provisorischen
Übergangsregierung unter UÇK-Chef Hashim Thaçi. Bota sot, eine Tageszeitung in
Schweizer Privatbesitz, liefert inzwischen auch im Kosov@ die Position des
extrem-nationalistischen Teils der Diaspora, verpackt mit viel Sensationsjournalismus. Der
ehemalige "Premierminister" der kosov@-albanischen Exil-Regierung, Bujar
Bukoshi, der die millionenschweren Bankkonten mit den Auslandguthaben der Regierung Rugova
kontrolliert, hat die Zeitung Dardania Express gegründet.
Leerstelle internationale Politik
Medienexperten sind sich einig, dass alle drei Zeitungen, Rilindja, Bota sot und
Dardania Express, Sprachrohre der jeweiligen Politiker sind. Trotzdem werden die letzten
beiden Publikationen von OSZE und UNMIK als unabhängige Zeitungen eingestuft. Das
formelle Kriterium der privaten Eigentumsrechte scheint zu genügen. Damit wird aber
unabhängiges Medienschaffen und längerfristig die Demokratisierung des Kosov@
untergraben: Wenn die internationale Gemeinschaft nur auf formelle Kriterien setzt und
sich nicht nach inhaltlichen Bestimmungen eines professionellen Journalismus ausrichtet,
wird sie die Projekte unterstützen, die Medien und Demokratie nur als Mittel für ihre
eigene Machtsicherung verstehen. Unabhängige Medien, die Distanz zu allen politischen
Kräften halten, werden dagegen keine finanzielle Unterstützung erhalten und ihre Rolle
beim Aufbau einer unabhängigen Öffentlichkeit nicht spielen können.
UNMIK und OSZE sind auch zuständig für die Schaffung eines gesetzlichen und
gesellschaftlichen Rahmens für Medienfreiheit und Meinungsvielfalt. Dabei scheint aber
jegliches systematische Verständnis und jegliche klare Vision zu fehlen. Nach mehr als
zwei Monaten ist noch keine einzige Gesetzesvorlage oder auch nur vorläufige Bestimmung
vorgestellt worden. Radio Prishtina sendet acht Stunden pro Tag in drei Sprachen
(albanisch, serbisch und türkisch), ohne dass für den Einsatz des ehemaligen staatlichen
Senders eine gesetzliche Grundlage besteht. Lokale Fernseh- und Radiostationen erhalten
Sendefrequenzen, ohne dass Sendebestimmungen definiert sind. Alle sprechen von der
Notwendigkeit eines professionellen Journalismus, aber die Arbeit an den dazu notwendigen
Mediengesetzen hat noch nicht einmal begonnen...
Statt sich mit diesen wichtigen Aufgaben zu beschäftigen, kümmern sich die
internationalen Organisationen um ihre eigenen Programme: OSZE, UNMIK, UNHCR und selbst
die KFOR produzieren eigene Radio- und Fernsehsendungen. Verschiedene KFOR-Einheiten haben
sogar einen eigenen Sendebetrieb aufgenommen. Die in Genf domizilierte Media Action
International produziert eine halbe Stunde Radioprogramm pro Tag, genauso wie die in
Lausanne beheimatete Fondation Hirondelle, die unter Aufsicht der UNMIK und mit Geldern
des Schweizer Aussendepartements EDA/DEZA das im Moment wohl teuerste Radio der Welt
macht: Zwei Millionen Franken pro Jahr für die Einrichtung eines Radiostudios und die
Produktion einer halbstündigen Sendung pro Tag! (siehe Hinweis nebenan und unsere
entsprechende Internet-Seite.) Ob die lokalen unabhängigen Medien diese Programme dann
noch aussenden können, oder ob sie inzwischen an Geldmangel eingegangen sind, scheint
keine Überlegung wert.
Verantwortung wahrnehmen
Internationale Radiomacher kämpfen um ihre Programme und den Preis dafür bezahlen
lokale unabhängige Medienschaffende. Ist das wirklich der richtige Weg, um
Meinungsvielfalt und Medienfreiheit im Kosov@ zu schaffen? Kann diese Gesellschaft ihren
Weg zur Demokratie gehen, wenn nicht einmal ihre unabhängigen Medien überleben können?
Die internationale Politik hat mit der Nato-Intervention und mit dem UN-Protektorat die
Verantwortung für die Entwicklung des Kosov@ auf sich geladen. Bis jetzt wurde sie nicht
wahrgenommen.
Nena Skopljanac, Roland Brunner, Medienhilfe Ex-Jugoslawien |
Medienprojekte im Kosov@
Media Project RTV21: RTV21 von Media Project gehört seit
langen Jahren zu den Partnerinnen der Medienhilfe Ex-Jugoslawien. Im Moment strahlt RTV21
ein 24-Stunden-Radioprogramm aus, das in ganz Kosov@ empfangen werden kann. Über Internet
wird zusätzlich eine englische Zusammenfassung der Nachrichten angeboten. Der für
September geplante Beginn der Fernsehsendungen von RTV21 muss verschoben werden, weil die
Finanzierung noch nicht gesichert und die technische Ausrüstung noch nicht geliefert ist.
Dafür hat Media Project Aktivitäten aufgenommen, die an den Ursprüngen anknüpfen:
Ausbildung junger Frauen in Journalismus und gewaltfreier Konfliktbearbeitung sowie die
Herausgabe der Frauenzeitschrift Eritrea. Auch für diese Projekte ist die Finanzierung
allerdings noch nicht gesichert.
Mehr Infos über Media Project
RTV21
Tageszeitung Koha Ditore: Die weltweit wohl bekannteste Zeitung aus
dem Kosov@, ebenfalls seit vielen Jahren eine Projektpartnerin der Medienhilfe, erreicht
im Moment eine Auflage von 20000 Exemplaren. Die Auflage ist beschränkt durch die
vorhandenen Mittel. In nächster Zeit sollte Koha Ditore wieder eine eigene Druckerei
erhalten, womit die Kosten gesenkt und die Verbreitung gestärkt werden kann. Auch hier
fehlen aber noch Projektmittel.
Mehr Infos über Koha
Ditore
Wochenzeitschrift Zeri: Chefredaktor Blerim Shala war in letzter Zeit
mehrmals als Gast der Medienhilfe Ex-Jugoslawien in der Schweiz. Um die Kosten der
einzigen unabhängigen Wochenzeitschrift im Kosov@ zu decken, plant Zeri eine europäische
Ausgabe. Zudem hofft man, die Mittel für eine Tageszeitung Zeri i dites zu finden.
Mehr Infos über Zeri
Diese drei Medienprojekte erhielten von der Medienhilfe Ex-Jugoslawien je eine
Unterstützung von 15000 Franken für ihren Neuanfang.
Die Tageszeitung Kosova sot kämpft ums Überleben, weil sie die laufenden
Kosten nicht decken kann. Vordringlich ist der Wiederaufbau der Druckerei, um laufende
Druckkosten zu senken. Andere Medien wie das Frauenmagazin Teuta oder Radio
Kontakt haben die Mittel noch nicht beschaffen können, um ihre Arbeit wieder
aufzunehmen. |