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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Serbische Republik in Bosnien-Herzegowina

Gewalt gegen JournalistInnen

Der serbische Teil Bosniens bleibt für JournalistInnen ein gefährlicher Ort der Gewalt. Trotz der Gefahr will aber niemand aufgeben, sondern sich gemeinsam verteidigen.

Zeljko Kopanja ist Besitzer und Herausgeber der Tageszeitung Nezavisne Novine. Heute ist er in den Rollstuhl verdammt, nachdem ihm am 22. Oktober eine Autobombe beide Beine abgerissen hat.

Eine Serie von Gewaltakten

Die Hintergründe für den Gewaltakt gegen Kopanja ist in der Veröffentlichung einer Reihe von Artikeln über Kriegsverbrechen, begangen von Serben während des Krieges in Bosnien-Herzegowina, zu suchen. Die Tageszeitung und die Wochen-Publikationen von Kopanja haben die höchste Auflage aller Druckmedien in der bosnischen Serbenrepublik.

Die versuchte Ermordung Kupanjas ist nur die Spitze einer ganzen Serie von Gewaltakten gegen unabhängiges Medienschaffen, die am 6. März mit einer Bombe gegen die neue Radiostation Osvit in Zvornik begann. Hinter den Übergriffen werden unzufriedene Angehörige der Serbischen Radikalen Partei SRS vermutet. Nachdem der UN-Vertreter für Bosnien, Carlos Westendorp, seinen Beschluss bekannt gab, den Präsidenten der Serbischen Republik und zugleich Führer der SRS Nikola Poplasen als Präsident abzusetzen, wurden auch die Büros der oppositionellen Sozialdemokraten und der Sozialisten angegriffen. Poplasens Nationalisten wählten Radio Osvit als Ziel, weil diese Station Sendungen des Verrats und der Kollaboration ausstrahle. Die Radiostation und ihre technischen Einrichtungen wurden beim Angriff vollständig zerstört.

Mit dem Beginn der Nato-Bomben auf Serbien verschärften sich auch die Angriffe gegen unabhängige JournalistInnen. Dragan Gacic, Fotojournalist bei Nezavisne Novine, und Predrag Milasinovic, Kameramann von Alternative Television wurden vor der amerikanischen Botschaft in Banja Luka physisch angegriffen.

Zehn Tage nach dem Angriff auf Kopanja ging der Präsident der Gemeinde Doboj, Mirko Stojcinovic, auf Mirko Srdic, Korrespondent für TVBH und die Nachrichtenagentur Beta los, offensichtlich weil dieser eine Reihe von Berichten über die kriminellen Aktivitäten ranghoher Politiker in der Gemeinde Doboj veröffentlicht hatte.

Drohungen nicht ernst genommen

Laut Statistik wurden dieses Jahr rund 40 JournalistInnen angegriffen. Risto Basic, Vorsteher der Untersuchungsbehörde im Innenministerium der Serbischen Republik, nennt aber nur sieben Übergriffe, die der Polizei gemeldet wurden und in denen Anklage erhoben wurde. Basic stimmt aber zu, dass die Zahl der Übergriffe grösser sei, weil längst nicht alle Drohungen oder Gewaltakte gemeldet würden. Sinisa Karan, Chef der Verbrechensabteilung der Polizei, gibt zu, dass viele JournalistInnen kein Vertrauen in die Polizei hätten und sie oft zurückhaltend seien in der Zusammenarbeit bei Untersuchungen. "Journalisten nehmen die Drohungen oft nicht ernst. Selbst wenn sie anonyme Drohungen melden, sind sie nicht bereit und zu helfen, die Täter zu schnappen", beklagt sich Karan.

Radmilo Sipovac, Herausgeber der Wochenausgabe von Nezavisne Novine, ist einverstanden, dass Journalisten die Drohungen oft nicht ernst nehmen. "Zelko Kopanja hat oft anonyme Drohungen erhalten, aber er hat nie geglaubt, dass die wirklich ernst gemeint sind", erklärt Sipovac. Kopanja gibt zu, er habe nicht geglaubt, dass ihn jemand wegen "ein paar geschriebenen Worten" umbringen könnte.

Angst statt Solidarität

Der Angriff auf Kopanja hat die JournalistInnen endlich veranlasst, für den 12. November zu einem Runden Tisch über die Sicherheit der JournalistInnen nach Banja Luka einzuladen. KollegInnen der benachbarten Föderation Bosnien-Herzegowina haben sich an der Diskussion beteiligt. Senad Pecanin, Herausgeber von Sarajewos populärster Zeitschrift Dani, erklärte, dass "das Risiko, dem Journalisten ausgesetzt sind, hat die Grenze für Menschen überschritten, die an sich und an ihre Familie denken". Pecanin gab zu, dass er nach dem Angriff auf Kopanja ernsthaft überlegt habe, seinen Beruf an den Nagel zu hängen.

Borka Rudic, Sekretärin der Vereinigung Professioneller JournalistInnen in Bosnien-Herzegowina, argumentierte, mangelnde Solidarität unter den JournalistInnen verschärfe das Problem. Sie wies auf die Tatsache hin, dass die JournalistInnen-Vereinigung Bosnien-Herzegowinas keine Erklärung zur versuchten Ermordung Kopanjas abgegeben habe. "Wenn in den vergangenen Jahren mehr Solidarität unter den JournalistInnen in Bosnien-Herzegowina bestanden hätte, dann müsste Zeljko Kopanja vielleicht nicht durchmachen, was jetzt geschah", erklärte Rudic.

Alle JournalistInnen am Runden Tisch stimmten überein, dass sie für ihren Schutz nicht auf die Behörden vertrauen könnten. Zeljko Kopanja meinte: "Ich habe kein Vertrauen in die Polizei. Ich glaube nicht, dass die Polizei fähig oder willens ist, die Mörder zu finden."

"Wir geben nicht auf"

Pecanin ging noch weiter und erklärte, ohne die politische Unterstützung durch die Behörden Bosnien-Herzegowinas sei es nicht möglich, weder ein grösserer normaler Verbrecher oder ein grösserer Kriegsverbrecher zu sein.

Robert Menard, Präsident von Reporters Without Borders (Reporters sans frontières) hielt fest, dass "über 500 JournalistInnen in den letzten zehn Jahren getötet wurden und in 95 Prozent dieser Fälle wurden die Täter nie gefunden".

Am Schluss der Diskussion bestanden die JournalistInnen darauf, dass man sie mit Gewalt nicht mundtot machen könne. Sie nahmen eine Erklärung an: "Wir sind betroffen und wir sind besorgt. Aber wir sind nicht eingeschüchtert. Die Zeit arbeitet sicher nicht für diejenigen die meinen, dass wir aufgeben werden."

Branko Peric

Dieser Beitrag erschien im "Balkan Crisis Report" Nr. 93 vom 16. November 1999, herausgegeben vom Insitut for War and Peace Reporting IWPR, einer Partnerorganisation der Medienhilfe Ex-Jugoslawien.

Weitere Informationen auf unserer Homepage
http://www.medienhilfe.ch/News/security.htm
http://www.medienhilfe.ch/News/iwpr74.htm

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