Anfang Oktober ging in Prishtina eine
Konferenz mit dem Titel "Media Development in Kosova" über die Bühne. Auf
Einladung der Soros-Stiftung und der OSZE trafen sich rund 100 VertreterInnen von
internationalen und lokalen Regierungs- und Nicht-Regierungs-Organisationen, um ihre
Arbeit zur Gestaltung und Unterstützung der Medienlandschaft in Kosova aufeinander
abzustimmen. Zur Diskussion stand die von der internationalen Gemeinschaft in Kosova
betriebene Medienpolitik und die konkrete Projektarbeit. Die Unmik hat, neben allen
anderen Herausforderungen, auch die Aufgabe, diese Politik zu steuern und zu ordnen. Der
Journalist Roland Brunner nahm an der Konferenz als Vertreter der Medienhilfe
Ex-Jugoslawien teil. Der folgende Beitrag ist eine Zusammenfassung des Gesprächs, das Jan
Poldervaart mit ihm nach seiner Rückkehr führte.
von Jan Poldervaart*
"Die drei Tage in Prishtina haben einen grundsätzlichen Konflikt
blossgelegt", fasst Roland Brunner das Resultat der Konferenz zusammen. "Auf der
einen Seite stehen die Vertreter der Regierungen und einiger internationaler
Organisationen, auf der anderen Seite die lokalen Medienschaffenden in Kosova selber mit
den Vertretern von internationalen NGOs. Im Konflikt stehen zwei unterschiedliche
Ansätze, wie der Aufbau einer funktionierenden, vielgestaltigen Medienlandschaft
begleitet und unterstützt werden soll. UNMIK, OSCE und Kfor verfolgen mehrheitlich eine
top down-Strategie." Die international definierte Politik wird mit groben
Strukturen versehen und in Kosova eingepflanzt, wo sie mühsam den Begebenheiten vor Ort
angepasst werden muss. Douglas Davidson, von Bernard Kouchner eingesetzter
Verantwortlicher für die "Implementierung" der Medienpolitik in Kosova, prägte
dafür den bezeichnenden Begriff "Kosovarisation". NGOs und unabhängige
kosovarische Medienschaffende wie RTV21-Chefredaktorin Afërdita Kelmendi Saraçini
verfolgen dagegen einen "bottom up"-Ansatz: Lokal vorhandene Medien, Personen
und Projekte sollen gestärkt, der Aufbau auf Bestehendem anhand klarer Kriterien wie
Unabhängigkeit, Professionalität, inhaltlichen Richtlinien gefördert werden.
Mediengerangel statt Medienvielfalt
Mittlerweile hat sich bei einigen internationalen Projektverantwortlichen die
Erkenntnis durchgesetzt, dass die lokalen Medienschaffenden einbezogen werden müssen,
wenn die Projekte überhaupt funktionieren sollen. "In der Praxis allerdings läuft
internationale Projektarbeit meist von oben nach unten", sagt Brunner. "Die
lokalen Kfor-Einheiten haben eigene Radiostationen, die UNO betreibt einen Radiosender,
die OSCE hat eigene Programme und alle machen sich Ressourcen, MitarbeiterInnen und
nicht zuletzt das Publikum streitig.
"Natürlich haben all diese Organisationen ein legitimes Interesse daran, sich
direkt an die Bevölkerung wenden zu können. Die Frage ist aber, über welche Kanäle
dies geschehen soll. Müssen dafür eigene Radiostationen aufgebaut werden, oder könnte
nicht mit den vorhandenen lokalen Sendern gearbeitet werden?" Erste Gehversuche der
UNO, fertig produzierte Sendungen über lokale Radiostationen zu verbreiten, schlugen
fehl. Einige Redaktionen weigerten sich schlicht, die Sendungen zu übernehmen: Weder
technisch noch inhaltlich entsprachen sie dem erforderlichen Niveau. Sie wurden von
westlichen Journalisten ohne Landeskenntnisse gefertigt und übersetzt und verlesen von
Kosovaren, die kaum eine Ausbildung als Radio-Sprecher hatten.
Anstatt nach diesen Erfahrungen enger mit lokalen Medienschaffenden zusammen zu
arbeiten und die Qualität der Sendungen zu verbessern, wurde eine eigene Station
aufgebaut. Im Hauptquartier der Unmik wird nun mit finanzieller und personeller
Unterstützung durch die Schweizer Regierung "Radio Blue Sky" betrieben.
Allerdings bedeutet das nicht, dass die Medienpolitik deshalb transparenter ist. Die
Konzessionierung von neuen oder neu in Betrieb genommenen Radiostationen ist bis jetzt
nicht geregelt. Zuerst verteilte die Kfor provisorische Konzessionen und übertrat damit
ihren Kompetenzbereich. Verantwortlich für Bewilligung und Sendefrequenzen ist die OSZE,
die aber bisher keine Gesuche entscheiden konnte, weil unter dem Grundlagen-Papier noch
immer die Unterschrift von Bernard Kouchner fehlt.
Chaotischer Aufbruch
"Bei den lokalen Medien, vor allem den Radiostationen, herrscht ein ziemliches
Gerangel, wobei oft mit viel gutem Willen und wenig professionellem Know-how gearbeitet
wird", sagt Roland Brunner, der im Auftrag der Medienhilfe Ex-Jugoslawien eine
ausgedehnte Reise durch den Kosova unternommen und verschiedene Projekte besucht hat.
"Neben RTV21 mit seinem jetzt schon spannenden, professionell produzierten und
vielseitigen Programm, das weit herum gehört und geschätzt wird, gibt es einige
Projekte, die Entwicklungs-Potenzial haben. Dann gibt es aber auch eine Vielzahl von
Stationen, die mehr den politischen Bedürfnissen der lokalen Machthaber entsprechen, als
dass sie einen eigentlichen Informations-Auftrag erfüllen würden."
Der Aufbruch in eine pluralistische Medienvielfalt ist sichtbar, aber er geschieht
chaotisch. Alles ist im Moment möglich, und die verschiedensten Positionen versuchen sich
durchzusetzen. Es wird sich zeigen, inwieweit sich dabei verschiedene politische Meinungen
und gesellschaftliche Optionen in einer demokratischen Auseinandersetzung Gehör
verschaffen können. In der albanischen Gesellschaft ist das eine wichtige Frage, die vor
allem im Hinblick auf die Wahlen artikuliert wird. "Ob es diesen Pluralismus in der
Gesellschaft geben wird, und ob er auch über die Medien unter die Leute gebracht werden
kann, ist noch nicht entschieden", sagt Roland Brunner. "Ein am 2. Oktober von
der Nachrichtenagentur Kosovapress veröffentlichter Angriff auf Veton Surroi und Baton
Haxhiu (Verleger bzw. Chefredaktor der Tageszeitung "Koha Ditore") ist kein
gutes Zeichen. Surroi und Haxhiu wurden darin als serbische Agenten und als untragbar für
den Kosova bezeichnet (siehe
Kasten), weil sie sich gegen die kosovarischen Übergriffe auf Angehörige ethnischer
Minderheiten und gegen den albanischen Faschismus stellten (vgl. letztes
Medienhilfe-Info). Intoleranz ist nicht einfach aus nachvollziehbaren Rachegefühlen
gegenüber den Serben gewachsen. Das Konzept der Toleranz ist in Teilen der kosovarischen
Gesellschaft selbst noch nicht sehr tief verankert. Viele sehen in Menschen mit anderer
Ethnie, Religion oder Meinung in erster Linie einen Gegner."
Ist es da nicht von Vorteil, wenn Projekte wie das von der OSZE angeleitete Radio und
Fernsehen Kosova RTK von aussen in diese Gesellschaft hineinwirken können, ohne in diesen
lokalen Verflechtungen gefangen zu sein? "Diese Medien können eine positive Rolle
spielen. Die Idee, demokratische Kräfte zu stärken, indem man verschiedene Meinungen
präsentiert, ist gut und richtig. Die Umsetzung dieser Idee muss aber immer im konkreten
Zusammenhang mit der Medienumgebung stattfinden. Kosova war vor dem Krieg kein weisser
Fleck auf der Landkarte, es gab und gibt eine pluralistische, zum Teil auch professionelle
Medienkultur und sehr gute unabhängige Medienschaffende. Die Auswirkungen, die
"importierte" und "implementierte" Projekte auf das gesellschaftliche
Umfeld haben, müssen sehr genau beobachtet und berücksichtigt werden. Wenn lokale
Medienschaffende gegen solche Projekte scharf protestieren, wie das im Kosova zum Teil der
Fall ist, muss das ernst genommen werden." Die verantwortlichen Projektleiter bringen
nebst Erfahrungen aus Bosnien, Russland oder Afrika viel guten Willen mit. Die
gesellschaftlichen Verhältnisse und die Kommunikations-Kultur in Kosova sind ihnen aber
oft neu. Einem Aussenstehenden wird es erst nach intensiver Beschäftigung mit einem Land
und seiner Kultur ansatzweise gelingen, in die Tiefen einer Gesellschaft vorzudringen.
"Die Herausforderung für die internationale Gemeinschaft besteht darin, eine
Gesellschaft zu unterstützen bei der Entwicklung von eigenen gesellschaftlichen Modellen
und Visionen in einer tolerant geführten, pluralistischen Diskussion", meint Roland
Brunner abschliessend. "Medien bilden für diesen Prozess eine wesentliche Grundlage.
Sie sind die Lehrbücher der Demokratie."
* Dieser Artikel erscheint in der Dezember-Ausgabe der
"info SHQIPTARE", einer monatlichen Informationszeitung für kosova-albanische
Flüchtlinge in der Schweiz. "info SHQIPTARE" wird von Medienschaffenden aus
Kosova und der Schweiz produziert und hat zum Ziel, die Flüchtlinge bei den
Vorbereitungen für ihre Rückkehr nach Kosova zu unterstützen und zu begleiten. Die
Zeitung kann bezogen werden über die Asyl-Organisation Zürich, Limmatstr. 264, 8031
Zürich oder per E-Mail: Info.Shqiptare@ajs.stzh.ch
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 Rund 100 VertreterInnen von
internationalen Regierungs- und Nichtregierungs-
Organisationen trafen sich Anfang Oktober in Prishtina zur Konferenz "Media
Development in Kosova"

Blerim Shala, Chefredaktor der Wochenzeitschrift ZERI (links),
und Veton Surroi, Herausgeber der Tageszeitung KOHA DITORE,
zwei Projektpartner der Medienhilfe Ex-Jugoslawien an der Konferenz.

Blerim Shala, Chefredaktor der Wochen-
zeitschrift ZERI, nach dem Gespräch mit VertreterInnen der Medienhilfe Ex-Jugoslawien und
Antoine Dubois (rechts), Vertreter der Schweizer Regierung für Entwicklungszusammenarbeit
in Prishtina. |
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rb Kosova-Press, die der selbsternannten Regierung von Hashim Thaçi
nahestehende Agentur, sprach in einem Artikel von Merxhan Avdyli unsere beiden
Projektpartner Veton Surroi und Baton Haxhiu ("Koha Ditore")
als "gospodin" an (serbische Bezeichnung für Herr), bezeichnete sie als
"bezahlte Spione des Milosevic-Regimes", als "Bastard-Pöbel",
"ordinäre Bande", "Müll der Geschichte", und meinte, sie
verbreiteten "slawischen Gestank", auch wenn sie "unglücklicherweise aus
albanischen Blut geschaffen wurden oder wenigstens zu solchem erklärt wurden, weil man ja
nie weiss, woher diese Pro-Serben wirklich kommen". Kosova-Press erklärte:
"Solche Kriminellen und versklavten Geister wie Veton Surroi und Baton Haxhiu
gehören nicht in einen freien Kosova. Wir wären nicht überrascht, wenn sie Opfer von
Vergeltungsangriffen werden würden. Das wäre mehr als nur verständlich. Die kriminellen
Machenschaften dieser beiden Mafiosi dürfen nicht unbestraft bleiben, vor allem weil ihr
idiotisches Benehmen einzig Slobodan Milosevic nützt."
Veton Surroi nannte den Artikel einen offenen Aufruf zur Lynchjustiz. Reporters
sans frontiers bezeichneten in einem besorgten Brief an Bernard Kouchner die Agentur
Kosova-Press als "Pseudo-Presse-Agentur kontrolliert von der UÇK" und
bezeichneten den betreffenden Artikel als "hate speech". William Houwen,
Medien-Koordinator der OSZE, meinte gar: "Goebbels hätte es nicht besser machen
können." Auch die Medienhilfe Ex-Jugoslawien protestiert scharf gegen diesen Angriff
und stellt sich voll und ganz hinter ihre beiden angegriffenen Freunde, die offen die
albanischen Vergeltungsaktionen gegen ethnische Minderheiten thematisiert und verurteilt
hatten (vgl. letztes Info oder unsere Homepage |