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Aargauer
Zeitung, 29.10.2001 05:24 Doppelte Wahrheiten in Mazedonien
Manipulierende Medien Zeitungen und TV schüren mit ethnisch verzerrter
Berichterstattung den Konflikt
Wahrheit wird in den Medien häufig schon geopfert, bevor der «Krieg der
Worte» zum Krieg der Waffen wird. Ein Erfahrungsbericht aus Mazedonien.
von Claude Nicolet Am 22. März wurden in Tetovo zwei Autofahrer von der
Polizei erschossen, als einer von ihnen versuchte, eine Handgranate zu zünden.
Mazedonische Medien zeigten tagelang die Bilder des zufällig anwesenden
Kamerateams. Während slawisch-mazedonische Medien die zwei Männer im Auto
umgehend als Terroristen verurteilten, retuschierte die im Kosovo meistgelesene
und auch in Mazedonien vertriebene albanischsprachige Zeitung «Bota Sot» die
Handgranate mithilfe von Computertechnik weg. Die Attentäter wurden in Bild und
Text zu zivilen Opfern der extremistischen mazedonischen Sicherheitskräfte
stilisiert. Der «Zwischenfall» sorgte für die nächsten Tage für erregte
Diskussionen. Journalisten als Medienkrieger
Die Ungeheuerlichkeit gegenseitiger Beschuldigungen in den
Medien steigt exponentiell mit der Eskalation der Krise. Auffallend ist die
rasch einsetzende Unterscheidung zwischen dem «Wir» und den «Anderen». Während
der Verhandlungen um einen Waffenstillstand fragte ein Journalist der
albanischsprachigen Zeitung «Flaka» einen UCK-Kommandanten: «Sind sie
Optimist, dass wir bald zusammen in Tetovo Kaffee trinken werden?» Vor allem
die Bezeichnung «wir» ist in diesem Beispiel vielsagend: Die Verbrüderung des
Journalisten mit dem Kommandanten war sprachlich vollzogen. Medien unter massivem Druck
Medien in Mazedonien arbeiten in einem beinahe rechtsfreien
Raum. Die eigens für Medien geschaffenen Gesetze sind oft mit anderen Gesetzen
unvereinbar, was zu einer Lähmung bei ihrer Durchsetzung führt. Zudem stehen
die Medien unter massivem wirtschaftlichem und politischem Druck. Versuche der
politischen Bevormundung von Medien stehen auf der Tagesordnung. Eine Vielzahl
illegal operierender Piratensender drückt auf die Preise für Werbeminuten. Da
sie weder Steuern bezahlen noch sonstige Abgaben entrichten, können sie Werbung
zu Dumpingpreisen anbieten. Den legalen Stationen gehen Einnahmen verloren, die
für einen regulären journalistischen Betrieb wesentlich wären. Da der
Werbemarkt während der Krise eingebrochen ist, können viele dieser Medien nur
dank internationaler Unterstützung überleben. Brücken der Verständigung bauen
Multiethnische Projekte finden kaum Unterstützung. Die
Kontrolle über Medien und ihre Berichterstattung wird Teil des politischen
Machtkampfes. Doch Medien spielen nicht nur für den Krieg, sondern auch für
den Frieden eine wichtige Rolle. Die Schweizer Medienhilfe Ex-Jugoslawien setzt
zur Bekämpfung von Nationalismus und Chauvinismus auf unabhängige Medien und
professionellen Journalismus. Im Rahmen der Schweizer Friedensförderung
engagiert sie sich mit substanzieller Bundesunterstützung auch in Mazedonien.
Zusammen mit sechs internationalen Organisationen bildet sie den «International
Media Fund». Das Programm reicht von der Ausrüstung lokaler Medien mit
kugelsicheren Westen für die Konfliktberichterstattung und Kursen zum Verhalten
in Krisengebieten über Beiträge an die Betriebs- kosten von neun ausgewählten
Radio- und Fernsehstationen in mazedonischer, albanischer und Roma-Sprache bis
hin zu einem regelmässigen Medien-Monitoring. Die Direktion für Entwicklung
und Zusammenarbeit (DEZA) und die Politische Abteilung IV (Menschliche
Sicherheit) ermöglichen diese Aktivitäten mit einem Betrag von rund 300 000
Franken. Ein wichtiger Beitrag und für die konkrete Friedensförderung sicher
gut eingesetztes Geld. Claude Nicolet arbeitet für die Medienhilfe
Ex-Jugoslawien und ist zurzeit als Koordinator des International Media Fund in
Skopje, Mazedonien, tätig. Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien unterstützt seit
1992 unabhängige, private Medien in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. source: MHxJU |
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