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Medien in MazedonienZwischen Kriegshetze und Friedensförderung
Mazedonien taumelt zwischen Krieg und Frieden, zwischen ethnischem Hass und multiethnischem Zusammenleben, zwischen rechtsstaatlicher Integration und radikalem Separatismus. Welchen Weg Politik und Gesellschaft in Mazedonien einschlagen werden, beeinflussen die Medien entscheidend mit.Von Claude Nicolet[*]
Im März
2001 rückten albanische Rebellen über die Berge der Sar Planina im Norden Mazedoniens
Richtung Tetovo vor. Eines der ersten Ziele ihrer Militäraktionen war die
Sendeanlage der regionalen Radio- und Fernsehstationen. Als diese am 14. März
beschossen und zerstört wurde, herrschte im Raum Tetovo während Tagen ein Nachrichten-Blackout.
Bei der Zerstörung handelte es sich offensichtlich nicht um einen sogenannten
„Kollateralschaden“, sondern um eine gezielte Aktion der Rebellen. Das
Fehlen aktueller Informationen über die Krisensituation beschleunigte die
Fluchtbewegungen der lokalen Bevölkerung, sah diese doch keine Möglichkeit
mehr, Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende Einnahme der Stadt durch
die Rebellen zu überprüfen. Verunsicherung und Angst durch
Informationsnotstand waren Teil der Kriegsstrategie. Internationale
Organisationen, die im Bereich Medienentwicklung in Mazedonien tätig sind,
beschlossen gemeinsamen Beistand und die Beschaffung neuer Sendeanlagen. Ein
gemeinsamer International Media Fund[+]
und staatliche Mittel erlaubten schnelles Handeln. Am 1. Mai konnten die
betroffenen Radio- und Fernsehstationen in der Region Tetovo wieder auf Sendung
gehen. Das Beispiel verdeutlicht die wichtige Rolle von Medien in
Krisensituationen. Aber
Medien können in Kriegssituationen auch konfliktverschärfend wirken. Ruanda
bleibt in Erinnerung: Radio Mille Collines rief 1994 offen zur Vernichtung der
Tutsi-Bevölkerung und damit zum Genozid auf. Das wohl bekannteste Beispiel aus
Mazedonien ist zwar weniger extrem, aber ebenfalls gefährlich. Am 22. März
2001 wurden im Stadtzentrum von Tetovo zwei Autofahrer von der Polizei
kontrolliert. Einer der beiden Kontrollierten versuchte, eine Handgranate zu zünden
und wurde von der Polizei dabei erschossen. Mazedonische Medien zeigten
tagelang die Bilder des zufällig anwesenden Kamerateams. Während slawisch-mazedonische
Medien die zwei Männer im Auto umgehend als Terroristen verurteilten,
retouchierte die im Kosovo meistgelesene und auch in Mazedonien vertriebene
albanisch-sprachige Zeitung Bota Sot die Handgranate mit Hilfe von
Computertechnik weg und stellte die Männer als zivile Opfer von extremistischen
mazedonischen Sicherheitskräften dar.[1]
Die erregten Diskussionen der nächsten Tage in Mazedonien belegen die Macht der
Medien, die Bevölkerung zu polarisieren und völlig gegensätzliche
Wahrnehmungen der Geschehnisse und der Realität in den sprachlich getrennten
Gemeinschaften zu verankern. Gemäßigte, unabhängige und professionelle Medien
als Gegengewicht zu den extremistischen Medien zu fördern, um Nationalismus und
Chauvinismus mit journalistischer Professionalität entgegenzutreten, wird da um
so wichtiger. Rechtsfreie Medienräume
Die
Voraussetzungen für unabhängiges, professionelles Medienschaffen sind in Mazedonien
zumindest auf dem Papier nicht so schlecht wie in anderen, vergleichbaren
Krisengebieten des ehemaligen Jugoslawien. 1997 verabschiedete die Regierung in
Skopje ein Radio- und Fernsehgesetz, das unabhängigen elektronischen Medien
breite Rechte gewährt und auch ethnischen Minderheiten zum Aufbau von Medien
verhilft.[2]
Obwohl das Gesetz weit entfernt von idealeren Beispielen aus Westeuropa ist,
gilt es in Südosteuropa doch als vergleichsweise fortschrittlich. Das
Hauptproblem liegt denn auch weniger im Gesetzestext als in der Unvereinbarkeit
etlicher Artikel dieses Gesetzes mit anderen Gesetzen. Eine Vielzahl rechtlicher
Schlupflöcher zwischen den verschiedenen Gesetzen führt zur Lähmung in der
Durchsetzbarkeit der Paragraphen und damit zu einem rechtsfreien Raum. Es ist
beispielsweise den Behörden nicht zuletzt wegen dieser gesetzlichen
Unklarheiten bisher nicht gelungen, die Schließung einer Vielzahl von rein
kommerziellen und ohne Konzession illegal arbeitenden Radiostationen
durchzusetzen.[3]
Da sie als Piratensender keine Abgaben und Steuern entrichten, können sie ihre
Sendezeit und damit Werbeminuten zu Dumping-Preisen verkaufen und den
regulären Medien das Wasser abgraben. Da Unternehmen angesichts der Krise
sowieso kaum Werbeausgaben tätigen und ihr Geld sparen, kann solche unfaire
Konkurrenz für legale, professionelle und informative Sender tödlich sein. Aber
auch die staatlich kontrollierten Medien verschärfen den kommerziellen Druck
auf die privaten Anbieter. Sie profitieren von der Finanzierung durch staatliche
Behörden und nutzen dies ebenfalls aus, um Unternehmen kommerzielle Werbespots
weit unter dem Preis zu verkaufen, den private Stationen in Rechnung stellen müssen.
Andererseits sehen sich die Staatsmedien ständig der politischen Bevormundung
ihrer Redaktionspolitik ausgesetzt. Der Generaldirektor und die gesamte Leitung
des Mazedonischen
Radio und Fernsehen (MRTV) werden vom Parlament anhand
politischer Kriterien wie Parteizugehörigkeit gewählt. Diese wiederum
bestimmen die programmverantwortlichen Redaktoren und Redaktorinnen. Bis auf die
technischen Angestellten wird MRTV mit jeder neuen Regierung vollständig
umgebaut. Viele Beispiele zeigen, dass MRTV immer noch wie ein politisch
kontrollierter Teil des Staatsapparates im Dienste der herrschenden Parteien
funktioniert, statt als öffentlich-rechtliche Anstalt verschiedenen Meinungen
und Sichtweisen einen Platz zu bieten.[4] Nationalistischer Druck
auf Minderheiten
Die
starke Politisierung der Staatssender ist nicht der einzige Grund, weshalb
Medien von sprachlichen und ethnischen Minderheiten oft in die Defensive gedrängt
werden. Die Konkurrenz auf dem Werbemarkt betrifft Minderheiten-Medien stärker
als mazedonisch-sprachige Medien. Die immer breitere Kluft zwischen Mehr- und
Minderheiten im Land führt auch zu fehlender Bereitschaft einer Betriebsführung,
Inserate in Medien der anderen Ethnien zu platzieren. Am stärksten sind davon
die Medien der Roma-Bevölkerung betroffen. Obwohl die Roma in der heutigen
Krise nicht direkt mit den slawischen Mazedoniern in Konflikt stehen, werden sie
von diesen seit Jahren als minderwertiger Teil der Gesellschaft betrachtet. Es
gelingt den Roma-Medien denn auch selten, Unternehmen und Geschäfte zu
Werbeinvestitionen zu bewegen, die nicht von Roma geführt werden und selber
hochverschuldet sind. Die
Spaltung der Gesellschaft entlang ethnischer Linien hat aber nicht nur die
Medien, sondern auch die Kontrollinstanz befallen. Der dem Verkehrs- und
Transportministerium unterstehende Macedonian Broadcasting Council
MBC waltet als Aufsichtsbehörde, indem er mit Hilfe eines
Monitoring-Mechanismus zur Professionalität und Fairness der Medien ermahnen
will. Die Erfahrung der letzten Monate zeigt allerdings, dass das Monitoring,
auf dem die Ermahnungen und Warnungen an die Medien beruhen, selber eher Teil
des Problems als der Lösung ist. Der zentrale MBC beauftragt in den Regionen
des Landes Freiwillige, Programme aufzuzeichnen, die ihrer Meinung nach gegen
Gesetze und Bestimmungen verstoßen. Die Auswahl der aufgezeichneten Programme
und damit der gemeldeten möglichen Verstöße wird so Leuten überlassen, die
nach Gutdünken handeln und nicht die nötigen professionellen Voraussetzungen
mitbringen. Obwohl diese Freiwilligen keine Entscheidungsgewalt haben, können
sie doch dem MBC Ratschläge erteilen und auf angebliche Gesetzesverletzungen
hinweisen. Dies hat fatale Folgen, wenn man bedenkt, wie einseitig in
Krisenzeiten die Berichterstattung verschiedener Ethnien aufgenommen wird. Es überrascht
nicht, dass sich die Quote der ermahnten und gewarnten Stationen während der
letzten Monate zuungunsten der albanisch-sprachigen Medien verschoben hat. Auch
wenn etliche dieser Interventionen des MBC gerechtfertigt waren, ist es
beunruhigend zu sehen, was in mazedonisch-sprachigen Medien ohne Verzeigung
erlaubt bleibt. Als eine Journalistin von Channel 5 vor laufender Kamera
eine Granate gegen eine UÇK-Stellungen bei Tetovo abfeuerte – mit dem
Kommentar, dies sei die Antwort der Mazedonier auf die Rebellen –, verweigerte
der MBC eine Verurteilung. Es habe sich dabei doch nur um einen Witz gehandelt,
lautete die höhnische Rechtfertigung. Solche
Vorfälle zeigen, wie wichtig der Aufbau rechtsstaatlich funktionierender
Strukturen ist. Es müssen unabhängige Gremien geschaffen werden, die im Rahmen
professioneller Selbstkontrolle allmählich die Funktionen der Staatsinstanzen
übernehmen können. An erster Stelle stehen dabei gesamt-mazedonische
Journalistenverbände und Mediengewerkschaften, die multiethnisch
zusammengesetzt sind und somit eine angemessenere Minderheitenvertretung
aufweisen als dies im MBC der Fall ist.[5]
Die umgehende Verurteilung des Channel 5 -Vorfalles durch den
Journalistenverband weist denn auch in die richtige Richtung.[6]
Auch die
Medienorganisationen sind jedoch vor den Gefahren der Teilung entlang ethnischer
Linien nicht gefeit. Anfang Juli wurden vier Journalisten der
albanisch-sprachigen Zeitung Fakti von der Polizei verhaftet. Tags darauf
kündigte die Zeitung in einer Kurzschlussaktion ihre Mitgliedschaft in der
Vereinigung der Printmedien und Nachrichtenagenturen auf. Fakti warf der
Vereinigung vor, sie habe nicht dafür gesorgt, dass mazedonisch-sprachige
Medien eine entsprechende Meldung am Tag nach den Ereignissen abdrucken würden.
Während die albanisch-sprachige Zeitung die Vereinigung der Einseitigkeit
bezichtigte, behaupteten die angeprangerten Medien lediglich, die Nachricht der
Verhaftung sei erst nach Redaktionsschluss eingegangen. Da solche Vorfälle nie
isoliert bleiben, überrascht auch die kurz darauf beschlossene Gründung eines
eigenen, ethnisch albanischen Medienverbandes nicht. Statt stärkere
interethnische Kooperation anzustreben, zielen beide Seiten auf eine zunehmende
Teilung von Institutionen. Kluft sprachlich
bestimmter Wirklichkeit
Multiethnische
Projekte finden in einem Land wie Mazedonien kaum Unterstützung. Die
politischen Parteien der ethnischen Gruppen ringen am Verhandlungstisch um mehr
Rechte ausschließlich für ihre eigene Volksgruppe. Die Auseinandersetzung um
Medien wird zum Teil des politischen Machtkampfes. Ein dritter Kanal des
staatlichen Fernsehens soll beispielsweise als Zugeständnis in den
Verhandlungen die albanisch-mazedonische Seite zufrieden stellen. Dieser dritte
Kanal wäre von Vertretern der albanisch-sprachigen Minderheit geführt und
ihren Anliegen gewidmet. Die Besetzung der entsprechenden Posten ist Teil der
Pfründe, welche die albanischen Parteien als Verhandlungserfolg vergeben können.
Andere Minderheiten Mazedoniens bleiben von diesem Kanal ausgeschlossen. Statt
auf eine Integration der sprachlich und ethnisch getrennten Wahrnehmung der
Probleme des Landes und der nötigen Antworten hinzuarbeiten, verschärft ein
solcher Kanal die Wahrnehmungsunterschiede weiter und institutionalisiert die
ethnisch-sprachliche Trennung des Landes. Experten befürchten, dass dieser
dritte Kanal, der voraussichtlich 2002 auf Sendung gehen soll, sozial und
politisch eher trennend als vereinend wirken wird. Es sind
aber nicht nur politische Schachzüge, die über polarisierende oder verbindende
Projekte entscheiden. Auch in der Gesellschaft ist die Toleranz nicht nur für
die Anliegen der anderen ethnischen Gruppen gesunken, sondern sogar für die
Darstellung einer anderen Sichtweise in den Medien. „Wir erhalten oft Anrufe
von wütenden Mazedoniern, weil wir auch den Standpunkt der Albaner
darstellen“, wurde der Chef des privaten Fernsehsenders A1 zitiert.[7]
Für Eran Fraenkel, Leiter des Büros der Nichtregierungsorganisation Search
for Common Ground in Skopje ist klar, dass die Medien heute nicht in
verbindender Arbeit des „bridge-building“ engagiert sein wollen, um sich
nicht diesem Druck auszusetzen.[8] Professionalität als
Risiko
Der Zorn
des Publikums oder der Leserschaft, die eine Darstellung der Ereignisse rein
nach ihrem ethnisierten Geschmack vorfinden wollen, ist bei weitem nicht die
einzige Schwierigkeit und Einengung der Journalistinnen und Journalisten in
solchen Zeiten. Dazu kommen physische Bedrohungen beim Versuch, mit
professioneller Berichterstattung vor Ort der Flut von Gerüchten und Panikmache
entgegen zu treten. Professionelle Berichterstattung direkt aus dem Krisengebiet
ist aber nur möglich, wenn Medienschaffende entsprechend ausgebildet und geschützt
sind. Der International Media Fund hat sich dies als eine der höchsten
Prioritäten gesetzt. Aus Großbritannien wurden für fünf Ausbildungskurse
Experten eingeflogen, die Medienschaffende über Minengefahren und
Waffensysteme, Erste-Hilfe-Maßnahmen, Verhaltensregeln im Kriegsgebiet und
Rechte und Pflichten gegenüber Militär, Polizei und Behörden unterrichteten.
Zusätzlich werden mit Geldern aus dem Fonds kugelsichere Westen und Helme
gekauft, die über den Journalistenverband Medienschaffenden leihweise für ihre
Arbeit im Krisengebiet zur Verfügung gestellt werden. Wenn die
Medienteams in die Krisenregionen vorstoßen, treffen sie dort auf weitere
Arbeitsbehinderungen. Checkpoints der Armee wie auch der UÇK-Streitkräfte
verhindern oft den freien Zugang zu den Operationsgebieten. Nicht selten werden
Journalistinnen und Journalisten Opfer von willkürlichen Übergriffen,
Schikanen, Verhaftungen oder Prügel. Bei solchen Vorkommnissen ist es meist äußerst
schwierig, die Sachlage festzustellen und die Unschuld der Medienschaffenden zu
beweisen. Medienteams
oder -besitzer wurden verschiedentlich mit Erpressungsbriefen und Todesdrohungen
gewarnt, gewisse Reportagen nicht zu senden. Ein sozusagen umgekehrtes Schicksal
erfuhr ein Fernsehsender der Roma-Minderheit. Die größte und nationalistische
Regierungspartei der slawischen Mazedonier, VMRO-DPMNE, versuchte den Besitzer
der Station zu einer Reportage zu zwingen, die das angeblich friedliche
Zusammenleben der Roma-Bevölkerung mit den slawischen Mazedoniern in der
Tetovo-Region unterstreichen sollte. Die Reportage hätte den slawischen
Sicherheitskräften und Parteien als Propaganda gegen den albanischen
Separatismus dienen sollen. Der Besitzer der Station befürchtet aber wohl
zurecht, dass sich ein ähnliches Verhaltensmuster wie im Kosovo entwickeln könnte:
Roma wurden zuerst zur Kooperation mit dem serbischen Regime genötigt, um
danach von der ethnisch-albanischen Bevölkerung als Sündenbock vertrieben zu
werden. Noch ist es ihm gelungen, den Druckversuchen zu widerstehen. Ethnisch verzerrte
Wahrnehmungen
Ob es
sich bei diesem Druckversuch um einen Einzelfall handelt, ist zu bezweifeln.
Alle Seiten versuchen die Medien zu beeinflussen, ihre politisch gefärbte
„Wahrheit“ zu verbreiten. Man erhält zwei völlig verschiedene
Darstellungen und Wahrnehmungen der Krise der letzten Monate, wenn man mazedonisch-sprachige
oder aber albanisch-sprachige Medien verfolgt. Man könnte meinen, hier werde über
zwei völlig verschiedene Konflikte geschrieben. Der Chefredaktor der
Wochenzeitschrift Lobi, Iso Rusi, behauptete schon wenige Tage nach der
militärischen Eskalation der Krise Mitte März, er beobachte eine Sprache des
Hasses, die sich langsam aber sicher durch die Medien fresse.[9]
Anfang April beklagte sich sein Kollege Kim Mehmeti darüber, dass seine Texte
nach jahrelanger Zusammenarbeit in den mazedonisch-sprachigen Zeitungen nicht
mehr abgedruckt würden, obwohl er wie immer für Mäßigung und Zusammenarbeit
plädierte.[10]
Kurz
nachdem die Verhandlungen zu einer politischen Lösung des Konfliktes auf der
Ebene der Regierungsparteien begannen, wurde der Parteipräsident der größten
ethnisch albanischen Partei DPA als „Engelsgesicht des Teufels“ bezeichnet
und es verging nach Angaben eines deutschsprachigen Journalisten kein Tag, an
dem nicht ein albanisches Regierungsmitglied des Hochverrats bezichtigt wurde.[11]
Die
Ungeheuerlichkeit der Beschuldigungen stieg proportional mit der Eskalation der
Krise. Als westliche Truppen den Rückzug ethnisch albanischer Kämpfer aus dem
Ort Aracinovo eskortierten, veröffentlichte die wohl meistgelesene mazedonisch-sprachige
Zeitung Dnevnik die Behauptung eines ehemaligen Beamten. Danach sei die Rückzugsoperation
von westlichen Diplomaten aufgezwungen worden, um Drogenlabore zu schützen, die
Drogen an Kinder abgeben würden. Auf der anderen Seite bezeichnete die
albanisch-sprachige Zeitung Fakti den Rückzug als einen Versuch der
Rebellen und Diplomaten, die Sklaven der blinden Kriegseuphorie der mazedonischen
Regierung zu bezwingen.[12]
Während
der Verhandlungen um einen Waffenstillstand fragte ein Journalist der
albanisch-sprachigen Zeitung Flaka einen UÇK-Kommandanten: „Sind sie
Optimist, dass wir bald in Tetovo Kaffee trinken werden?“[13]
„In Tetovo Kaffe trinken“ stand bildlich dafür, dass in Tetovo für mazedonische
Albaner Ruhe herrsche, weil die Stadt von der UÇK kontrolliert werde. Vor allem
die Bezeichnung „wir“ ist in diesem Beispiel aber vielsagend: Die Verbrüderung
des Journalisten mit dem Kommandanten war sprachlich vollzogen. Es ist
frappant, wie Medien bewusst zur Trennung der Öffentlichkeit beitragen, indem
sie zwischen „eigen“ und „fremd“, zwischen „wir“ und „sie“
unterscheiden. Einige mazedonisch-sprachige Medien haben beispielsweise aufgehört,
den Feind als „albanische Terroristen“ zu bezeichnen. Sie sprechen jetzt
einfach von den „Albanern“.[14]
Umgekehrt ist auffallend, wie Anliegen der anderen ethnischen Gruppen in den
Nachrichten nicht mehr berücksichtigt werden. Das staatliche Fernsehen lehnte
es ab, den Tod von sieben ethnisch-albanischen Zivilisten zu erwähnen, die im
Dorf Poroj Ende Juli bei Kämpfen umgekommen waren. Auch in albanisch-sprachigen
Medien findet man kaum Meldungen über slawisch-mazedonische Opfer. In
Zeitungen wird mit Hilfe von Bildern auf die Emotionen der Leserschaft gesetzt.
Gewisse Publikationen sind voll mit Fotografien von geschwollenen und verbeulten
Gesichtern, die von Folterungen des jeweiligen Kriegsgegners stammen sollen. Von
all den slawisch-mazedonischen Flüchtlingen, die Ende Juli mit Bussen nach
Skopje vor das Parlamentsgebäude gefahren wurden, wurde immer wieder dieselbe
Mutter mit ihrem Sohn auf dem Arm abgebildet. Das Kind lag scheinbar regungslos
mit offenem Mund an die Schulter der Mutter gelehnt. Fast kein Blatt erwähnte,
dass es sich dabei um ein zerebralgelähmtes Kind handelte. Eine Zeitung ging
aber soweit, den Knaben als ein unter den Strapazen bewusstlos gewordenes Opfer
zu bezeichnen. Strategien für
friedensbildende Maßnahmen
Die
Liste solcher hetzerischer Berichterstattung und Propaganda ist schier endlos.
Jeden Tag kommen neue Beispiele hinzu. Organisationen wie die Medienhilfe
Ex-Jugoslawien versuchen – in Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen und
mit anderen internationalen Organisationen –, unabhängiges Medienschaffen und
professionellen Journalismus als Gegengewicht zu unterstützen. Diese Arbeit
beinhaltet verschiedenste Maßnahmen, deren Priorität von der Situation im Land
bestimmt wird. Die
schnellst mögliche Errichtung neuer Sendeanlagen nach der Zerstörung der alten
Installationen in der Region Tetovo wurde eingangs erwähnt. Diese Investition
ist als Nothilfe zu sehen. Finanzielle Mittel mussten möglichst rasch zur Verfügung
gestellt werden. Zur selben Zeit trafen sich Vertreter der am International
Media Fund IMF beteiligten Organisationen in Mazedonien, um sich ein Bild
der Krise zu machen. Das hier beschlossene Sofortprogramm zur Verbesserung der
Sicherheit der Medienschaffenden im Krisengebiet mit Kursen und Ausrüstung
wurde ebenfalls bereits erläutert. Die wichtigste beschlossene Maßnahme
bestand aber darin, finanzielle Unterstützung für professionell arbeitende,
von der Krise hart getroffene Sender zu gewähren. Angesichts des
krisenbedingten Zusammenbruchs der Werbeeinnahmen hängt die Existenz unabhängigen
Medienschaffens davon ab. Ein gemeinsames Crisis Assistance Program
bildet seit April dieses Jahres den Schwerpunkt des IMF. Damit soll das
Überleben der neun am Programm beteiligten Radio- und Fernsehstationen[15]
während der akuten Krise gesichert werden. Gleichzeitig muss jedoch nach
Perspektiven gesucht werden, um diese Medien nicht längerfristig von Unterstützung
abhängig zu machen. Die unterstützten Medien werden nur dann eine Zukunft
haben, wenn ihren grundsätzlichen Bedürfnissen, die ihnen eine konkurrenzfähige
Position im Medienwettbewerb geben, begegnet werden kann. Es ist
wichtig, der zunehmenden Polarisierung von Politik und Gesellschaft mit
interethnischen Kooperationsprojekten entgegenzutreten. Ein Grundsatz muss
jedoch bleiben, keine Projekte gegen lokale Medienpartner zu erzwingen, wenn
diese dazu (vorläufig) keine Möglichkeit sehen. Es gilt in erster Linie
Projekte zu unterstützen, die aus lokaler Initiative entstehen, denn nur sie
sind finanziell, politisch und gesellschaftlich wirklich tragfähig. Und es
mangelt nicht an Plänen und Projekten. Geplant sind unter anderem grenzübergreifende,
mehrsprachige Radio- und Fernsehsendungen, die im Verbund mit Stationen aus
benachbarten Ländern produziert und gesendet werden sollen, oder der Aufbau
eines Fernsehverbundes, der den beteiligten Fernsehstationen über Internet den
Austausch von Bildern und Berichten aus diversen Landesregionen ermöglicht. Gleichzeitig
geht die Suche weiter nach Medien, die zu echter, interethnischer Kooperation
bereit sind, etwa mit einer ethnisch gemischten Redaktion. Das Abwägen zwischen
der momentan prioritären finanziellen Unterstützung, um das nackte Überleben
gewisser Sender zu sichern, und der Ermutigung zur Lancierung längerfristiger,
kooperativer Projekte stellt eine der größten Herausforderungen an unsere
internationale Medienhilfe, aber vor allem auch an die lokalen Medienpartner.
Alle Bemühungen zielen aber darauf, verantwortungsbewussten Medien in Mazedonien
zu ermöglichen, mit vertrauens- und friedensbildender Berichterstattung ihre
Rolle im Aufbau der Zivilgesellschaft wahrzunehmen.
[*] Claude Nicolet arbeitet für die Medienhilfe Ex-Jugoslawien und ist zur Zeit als Koordinator des International Media Fund in Skopje, Mazedonien, tätig. [+] Der International Media Fund wird als gemeinsames Projekt von folgenden in Mazedonien tätigen Organisationen getragen: Foundation Open Society Institute Macedonia, IREX ProMedia (USA), Medienhilfe Ex-Jugoslawien (Schweiz), Norwegian People’s Aid NPA, Open Society Institute - Media Network Program (Budapest), Press Now (Holland), Swedish Helsinki Committee SHC. [1] Siehe die Dokumentation „Der Fall Bota Sot“ auf der Website der Medienhilfe Ex-Jugoslawien unter http://www.medienhilfe.ch/News/2001/BOTASOT/index.htm. Gegen die Zeitung, die ihre Redaktion in Zürich hat und in Deutschland gedruckt wird, läuft seit Ende März in der Schweiz ein Strafverfahren vor Bezirksgericht. Da sich die Zeitung auch immer wieder mit offen rassistischen Artikeln gegen Minderheiten im Kosovo wendet, lautet die Anklage auf Verstoß gegen das Antirassismusgesetz der Schweiz. [2] Siehe dazu: „Decree for Proclaiming the Law on Broadcasting Activity“ (24. April 1997) Official Bulletin of the Republic of Macedonia 20/97, 30. April 2001. [3] Hier ist die Stadt Veles im Zentrum des Landes eine positive Ausnahme. Zu den rechtlichen Fragen und Problemen des mazedonischen Mediensystems, siehe: Vesna Sopar und Emilija Jovanova, „The Media System in the Republic of Macedonia: Broadcasting between the Normative and the Real“ http://www.medienhilfe.ch/Reports/MAC2000.htm [4] Siehe dazu auch die Ausführungen auf der Homepage der Medienhilfe Ex-Jugoslawien: http://www.medienhilfe.ch/Projekte/2001/MAC2001.htm [5] Der Broadcasting Council hat im neunköpfigen Vorstand nur einen ethnisch albanischen Vertreter. [6] Eine weitere Verurteilung
erfolgte gegenüber der mazedonisch-sprachigen Zeitung Vecer, die
ohne Beweise albanische Medien der Zusammenarbeit mit der UCK bezichtigte. [7]
Zitiert in: Sonia Bakaric, “Mazedonische Medien säen Hass” afp-Meldung,
3. August 2001. [8]
Zitiert in: R. Jeffrey Smith, „Macedonia’s Press: A View of Strife
Through a Distorting Lens“ International Herald Tribune, 4. Juli
2001. [9] Iso Rusi, „Macedonia on Fire?” AIM Skopje, 19. März 2001. [10] Kim Mehmeti, „Ein Brief aus Skopje, den keiner druckt“ Tages-Anzeiger (Zürich), 2. April 2001. [11] Norbert Mappes-Niediek, „’Isolierung’ der UCK gescheitert“ Der Bund (Bern), 26. Mai 2001. [12]
Beide Behauptungen aus: R. Jeffrey Smith, „Macedonia’s Press: A View of Strife Through a
Distorting Lens“ International Herald Tribune, 4. Juli 2001. [13] „Soon We Will Drink Coffee in Tetovo: An Interview with Commander Shpetimi“ Flaka, 12. Juli 2001, Übersetzung C.N. aus einer englischen Version des Weekly Briefing des Euro-Balkan Institute of Macedonia, 11.–17 Juli 2001. [14]
International Crisis Group, „Macedonia: Still Sliding“ Balkans
Briefing, 27. Juli 2001, S. 2. [15]
TV ERA (der einzige albanisch-sprachige TV-Sender in Skopje), TV TERA
(mazedonisch-sprachiger Sender in Bitola), TV ART (albanisch-sprachiger
Sender in Tetovo), TV ZDRAVKIN (mazedonisch-sprachiger und einziger
TV-Sender in Veles), TV BTR (Roma-Sender in Skopje), TV SUTEL (Roma-Sender
in Skopje), RADIO CHERENJA (Roma-Sender in Stip), RADIO VAT (albanisch-sprachiger
Sender in Skopje), RADIO PLUS FORTE (mazedonisch-sprachiger Sender in Tetovo). source: Medienhilfe Ex-Jugoslawien |
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