Jahrelang liess sich die zu 90 Prozent albanische Mehrheit im
Kosov@ mit Versprechungen hinhalten: Der gewaltfreie Widerstand unter Führung der
Demokratischen Liga des Kosova LDK werde zu einem unabhängigen Staat führen, denn die
Welt sei auf der Seite der unterdrückten AlbanerInnen gegen die serbische Unterdrückung.
Heute glaubt niemand mehr daran und der Widerstand gibt seine Gewaltfreiheit auf. Wie
konnte es soweit kommen und vor allem: Was ist zu tun, damit im Balkan nicht das nächste
Pulverfass explodiert?Frustrierte Gewaltfreiheit
Die Machthaber in Belgrad weigern sich standhaft, den Konflikt im Kosov@ als
internationale Angelegenheit zu behandeln und zu diskutieren. Sie halten daran fest, dass
der Kosov@ integraler Bestandteil des jugoslawischen Territoriums sei. Das Problem liege
einzig im albanischen Separatismus. Die politische Führung der Kosov@-AlbanerInnen
andererseits hält daran fest, dass eine Lösung des Konflikts nur möglich sei, wenn das
Recht auf staatliche Unabhängigkeit anerkannt werde. Das alte Jugoslawien existiere nicht
mehr. Die Gründung der heutigen Bundesrepublik Jugoslawien sei ein illegaler Akt gewesen
und gegen ihren Willen vollzogen worden. Die LDK und Kosov@s inoffizieller Präsident
Ibrahim Rugova betonen zwar, sie seien zu konkreten Massnahmen bereit, verhärten ihre
Position aber auf der Unabhängigkeit als Voraussetzung für Verhandlungen.So blockieren
sich zwei extremistische Maximalpositionen gegenseitig und verhindern einen Dialog, der zu
konstruktiven Lösungen führen könnte. Beide Seiten haben Angst, durch die Eröffnung
eines Dialogs ohne Vorbedingungen eigene Macht aufzugeben und sehen Kompromisse einzig als
Aufgabe eigener Interessen. Dass auch Lösungen möglich sein könnten, die beiden Seiten
Vorteile bringen, scheint der politischen Führung beider Seiten ausserhalb des Denkbaren.
Das Vertrauen in die politische Strategie der LDK und des gewaltfreien Widerstandes
schwand während der letzten Jahre ständig, da die herrschende Diskriminierung und die
politische Unterdrückung sich verschärfte, während die politische Führung des Kosov@
behauptete, man komme mit internationaler Unterstützung der (Los-)Lösung ständig
näher. Aus diesen Frustrationen nährt sich die Gewaltbereitschaft vor allem bei
Jugendlichen und den Schichten der albanischen Bevölkerung, die jede Hoffnung auf eine
politische Lösung aufgegeben haben. Trotzdem hält der studentische Protest im Kosov@,
der sich in seiner Dynamik der politischen Kontrolle der LDK entzogen hat, bisher
mehrheitlich an gewaltfreien Protestformen fest. Auch hier werden die Fronten aber
härter: Der serbische Patriarch Pavle verurteilte in einem über die Medien
veröffentlichten Brief an die albanischen StudentInnen die serbische Polizeigewalt gegen
die friedlichen Kundgebungen. Er nahm Bezug auf die Erklärung der StudentInnen über die
Ziele ihres Protestes und schrieb: "Ich denke darüber nach, wie ihr die Plätze in
den Gebäuden der staatlichen Universitäten wieder einnehmen könnt, die euch zustehen.
Aber wie wollt ihr dahin zurückkehren, wenn ihr den Staat nicht anerkennt, dessen
Universitäten das sind?"
Pavle erhielt eine drastische Abfuhr. Die albanischen StudentInnen hielten fest, das
Regime in Belgrad habe "1989 ganz Kosova besetzt" und 1991 "die
Universitätsgebäude mit Gewalt unter seine Kontrolle gebracht". Sie wollten heute
nicht an eine serbische Uni zurück, sondern sie wollten ihre eigenen albanischen
Universitäten anerkannt wissen, liess man im Antwortbrief dem Patriarchen über die
Presse mitteilen. Sowohl auf serbischer als auch auf albanischer Seite wurde in den
letzten Jahren die innere Opposition, die Hand bieten könnte zu einer politischen Lösung
des Konflikts, an den Rand gedrängt. Gleichzeitig hat die Strategie der albanischen
Führung, mit gewaltfreiem Widerstand zur Unabhängigkeit zu gelangen, offensichtlich
versagt.Von der politischen Schwächung der LDK profitieren heute Kräfte, die sich
radikal geben. In den letzten Monaten hat vor allem die "Befreiungsarmee des
Kosova" (Ushtria Çlimitare es Kosoves, UÇK) stark an Gewicht gewonnen. Mit
terroristischen Anschlägen gegen serbische Polizisten aber auch gegen albanische
"Kollaborateure" scheint sie einen Ausweg aus der festgefahrenen Situation und
der Passivität der politischen Führung zu bieten. Die Waffenlager der UÇK sollen vor
allem aus geplünderten Militärbeständen in Albanien stammen, während die politische
Führung und die finanziellen Quellen in der Schweiz sitzen sollen. Obwohl die UÇK heute
behauptet, Teilgebiete des Kosov@ zu kontrollieren und inzwischen auch im benachbarten
Mazedonien zu agieren, bestehen Zweifel, ob sie über eine wirkliche Basis im Land
verfügt. Als "Instrument von serbischen Provokateuren" bezeichnete Ibrahim
Rugova die UÇK noch vor kurzem.
Beantwortet werden die Terroranschläge der UÇK von den radikalsten serbischen
Nationalisten: Leute wie der Kriegskriminelle Vojislav Seselj drohen offen damit, den
Krieg aufzunehmen und das Kosovo-Problem militärisch zu lösen.
Politisches Loch nach Dayton und Tirana
Solange der Krieg in Bosnien tobte, konnte die albanische Bevölkerung hoffen, dass
ihre Sache im Rahmen einer gesamt-jugoslawischen oder gar gesamt-balkanischen Lösung
beantwortet werde. Die politische Führung des Kosov@ vertraute darauf, für ihren
Verzicht auf Gewalt mit der Unabhängigkeit belohnt zu werden. Rugova erklärte, wenn die
serbische Republik in Bosnien eine Föderation mit Serbien eingehen dürfe, dann werde der
Kosova das gleiche mit Albanien tun. Der Abschluss des Waffenstillstandes von Dayton im
Dezember 1995 warf die Kosov@-AlbanerInnen aus dieser Bahn und auf sich selber zurück.
Statt das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" durchzusetzen und den bosnischen
Serben eine "selbstbestimmte" Trennung von Bosnien zu erlauben, setzte der
Dayton-Waffenstillstand zumindest verbal auf ein vereintes und multiethnisches Bosnien.
Zudem legte das Erdut-Abkommen, eine Teilbestimmung des Vertrages von Dayton, deutlich
fest, dass das Problem der serbischen Bevölkerung in Kroatien mit politischen Mitteln
innerhalb des kroatischen Staates gelöst werden müsse und dass ein Anschluss der
serbisch kontrollierten Gebiete Kroatiens an Serbien nicht infrage komme. Die
internationale Politik erklärte damit implizit auch den Kosov@ zur inneren Angelegenheit
der Bundesrepublik Jugoslawien. Trotzdem hielt die LDK an einer gross-albanischen Lösung
fest, indem die Vereinigung der albanischen Gebiete Jugoslawiens und Mazedoniens mit dem
Staat Albanien angestrebt wurde.
Die politische Krise in Albanien Ende Februar 1997, ausgelöst durch den Zusammenbruch
der Anlagepyramiden, die bürgerkriegsähnlichen Zustände und der politische Machtwechsel
zurück zu den Sozialisten liessen auch diese Seifenblase platzen. Albanien war plötzlich
nicht mehr das gelobte Land und Ziel der politischen Unabhängigkeitsbestrebungen des
Kosov@, sondern eine Krisenregion im wirtschaftlichen Zusammenbruch. Dies führte zu einer
politischen Orientierungs- und Perspektivelosigkeit im Kosov@ und lähmte die
Bestrebungen, einen gewaltfreien Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Um so mehr eskalierte
die Konfrontationsstrategie.
Der deutsche Aussenminister Kinkel erklärte anlässlich einer Bosnien-Konferenz in
Bonn Ende 1997, die heisse Krise im Kosov@ müsse gelöst werden, bevor es zu spät sei.
Nur scheint niemand auf dem internationalen Parkett der hohen Diplomatie so recht zu
wissen, wie dies denn geschehen soll, ohne dass man den jugoslawischen Führer verärgert
und dies ist immer noch oberstes Ziel der Diplomaten. Obwohl beispielsweise die
Generalversammlung der Uno Mitte Dezember 1997 einmal mehr eine Resolution verabschiedet
hat, in der das Belgrader Regime aufgefordert wird, die Unterdrückung und Diskriminierung
der AlbanerInnen im Kosov@ zu beenden, unternahm die internationale Politik keine
konkreten Schritte. Auch die Aussenminister der Nato-Mitgliedsländer, der OSZE und der
Europäischen Union befassten sich regelmässig mit dem Kosov@ und legten in ihren
Berichten ein sehr düsteres Bild der Lage vor, ohne dass konkretes Handeln beschlossen
wurde.
Wie Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre hat man den Konflikt lange ausgesessen und
verpennt. Angesichts der "unerwartet und plötzlichen Gewalt" ist die
internationale Politik dann in hektische Betriebsamkeit verfallen und ruft nach
Massnahmen, Boykotten, Konferenzen oder gar "Friedenstruppen", um uns
weiszumachen, wieviel Frieden man da (militärisch) stiften werde. Während internationale
Politik für den Beginn der Jugoslawienkriege 1991 als Ausrede noch vorweisen kann, man
sei mit den Veränderungen in der Sowjetunion, mit Michail Gorbatschow und mit dem Fall
der Berliner Mauer zu beschäftigt gewesen, um die dramatische Lage in Jugoslawien
wahrzunehmen, kann heute niemand mehr solche Ausreden geltend machen. Oder steckt doch
Absicht und nicht Nachsicht hinter der Nicht-Politik? Der Krieg in Jugoslawien und vor
allem in Bosnien-Herzegowina hat der Nato einen Jungbrunnen verschafft. Das militärische
Verteidigungsbündnis, nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Warschauerpaktes
plötzlich ohne Feind und Sinn, konnte sich eine neue Aufgabe und Legitimation im
"Peacekeeping" zuschanzen. Hofft man darauf, durch Abwarten und Nichtstun im
Kosov@ ein zweites Becken des Brunnens ewiger Jugend zu finden?
Den Krieg verhindern
Während sich die internationale Diplomatie an unzähligen Konferenzen mit dem akuten
Problemstau im Kosov@ befasst und den eskalierenden Konflikt mit Erklärungen kommentiert,
bleiben konkrete Lösungsvorschläge in den Schubladen liegen. In den letzten zwei Jahren
haben einige bedeutende Treffen stattgefunden, an denen VertreterInnen von
Nichtregierungs-Organisationen aus dem Kosov@, aus Serbien und aus anderen Ländern nach
Ansätzen gesucht und umfassende Handlungsangebote entwickelt haben.
- Vor bald zwei Jahren, am 22. Mai 1996 veröffentlichte die unabhängige Zeitschrift KOHA
ein Interview mit Dr. Barnett Rubin, Direktor des Center for Preventive Action am
US-amerikanischen, regierungsunabhängigen Council of International Relations. Rubin, der
als Spezialist für Menschenrechte und Konfliktmanagement gilt, betonte: "Beide
Seiten verschliessen die Augen vor der Eskalation der Gewalt im Kosova. Die albanische
Bevölkerung fühlt sich unterdrückt, während die Serben verängstigt in einer
Verteidigungshaltung sitzen." Im Abschlussbericht ("Towards a Comprehensive
Peace in Southeast Europe"), der am 18. September in KOHA dokumentiert wird, werden
konkrete Empfehlungen an die US-amerikanische Aussenpolitik und an die beteiligten
Konfliktparteien formuliert.
- Am 5. Juni 1996 präsentierte KOHA ein politisches Konzept der Regionalisierung im
ganzen Balkan, das von den HerausgeberInnen des geopolitischen Magazins Limes erarbeitet
wurde. Die Autoren Korinman und Carciolo entwickeln ihre Antwort auf den Kosov@konflikt
anhand des politischen Status der deutschsprachigen, aber zu Italien gehörenden Region
Südtirol. Zusammen mit Predrag Simic vom Institut für internationale Politik und
Wirtschaft und dem ehemaligen jugoslawischen Aussenminister Ilija Djukic betonen sie, dass
mehr Mauern mehr Krieg bedeuten ("more walls, more wars") und dass eine Lösung
deshalb nur durch eine grenzübergreifende Regionalisierung möglich sei. Sie bauen dabei
auf einem Projekt "Balkania" auf, das der kosov@albanische
Menschenrechtskämpfer und heutige Präsident der Parlamentarischen Partei Adem Demaci
entwickelt hat. Gefordert wird konsequenter internationaler Druck auf alle Beteiligten, um
diese Regionalisierung durchzusetzen.
- Am 26. Juni dokumentierte KOHA ein Projekt, das von der Hellenic Foundation for European
and Foreign Policy ELIAMEP mit Unterstützung durch die amerikanische Ford Foundation
erarbeitet wurde unter dem Namen "Einen weiteren Balkan-Krieg verhindern: Strategie
der Konfliktvorsorge im Kosova". Ausgehend von drei Missionen ins Konfliktgebiet 1995
wurde nach gewaltfreien Massnahmen gesucht. Die AutorInnen geben nicht vor, sie hätten
Patentrezepte, sondern sehen sich als Teil einer gemeinsamen Suche zusammen mit allen
gesellschaftlichen Kräften, die an der Verhinderung eines Krieges interessiert sind. Sie
schreiben in ihrem Bericht: "Wenn Serbien will, dass Serben im Kosovo leben können
und dass der Kosovo in der Bundesrepublik Jugoslawien bleibt, dann muss es eine Politik
entwickeln, die von den Kosova-Albanern akzeptiert wird. Wenn die Kosova-Albaner hoffen,
aus ihrer jetzigen Lage herauszukommen, dann muss dies auf Prinzipien, Ideen und Praktiken
beruhen, die für Serbien akzeptabel sind." Es werden Szenarien des weiteren
Konfliktverlaufes entwickelt (Verhandlungen, bewaffneter Kampf, gewaltfreier passiver
Widerstand), um daraus Folgerungen und Forderungen zu ziehen. Der Bericht schlägt
konkrete Schritte und Sofortmassnahmen vor, um einen Dialog in Gang zu bringen, der für
beide Konfliktseiten Vorteile bringt. Um zu diesem Dialog zu kommen, heisst es: "Die
Rolle der internationalen Gemeinschaft in diesen Verhandlungen wird entscheidend
sein."
- Am 18. September 1996 berichtete KOHA von einem Treffen zwischen Kosov@albanern und
Serben in Rhodos. Die Konferenz, organisiert von der deutschen Bertelsmann-Stiftung, hält
fest, dass der Kosov@ in einer Situation zwischen Krieg und Frieden schwebe, die nicht
anhalten könne. Drei Arbeitsgruppen bearbeiteten mögliche Entwicklungsszenarien: Eine
Gruppe durchdachte ein Modell, das eine Verbesserung der Lage bei gleichzeitigem
politischem Status quo, d.h. ohne politische Lösung als Rahmen setzte. Die zweite Gruppe
hatte zur Aufgabe, Modelle für eine politische Lösung des Konflikts innerhalb der
international anerkannten Grenzen der Bundesrepublik Jugoslawiens zu erarbeiten
(Autonomiestatus). Die dritte Arbeitsgruppe sollte Modelle einer möglichen
Unabhängigkeit durch gewaltfreie Massnahmen ausloten. In den Ausgaben vom 5. und 12.
Februar 1997 dokumentiert KOHA die Erarbeitungen der zweiten Arbeitsgruppe. Predrag Simic
betont, dass der "Kosova-Knoten" nicht ohne Demokratie aufgelöst werden könne:
"Die Demokratisierung der Gesellschaft ist eine conditio sine qua non für die
Lösung ethnischer Probleme. Und der Schutz individueller Menschenrechte stellt die
Grundlage jeder Politik zum Schutz kollektiver Rechte ethnischer Gemeinschaften dar."
Simic legt seinen Lösungsvorschlägen wieder das Modell Südtirol zugrunde und folgert:
"Die internationalen Rahmenbedingungen sind von grosser Bedeutung für die Lösung
dieser Probleme. Im Falle von Italien war die Internationalisierung des Problems 1969 das
entscheidende Moment, das zur Annahme des Pakets (pachetto) und seinen 137
Massnahmen für die Autonomie des Südtirols geführt hat, wie dies von einer Resolution
der Vereinten Nationen empfohlen wurde. Der Streit wurde aber nicht wirklich beigelegt bis
1992, als Italien als Mitglied der Europäischen Union und Österreich, das sich um eine
Mitgliedschaft bewarb, ihre gemeinsamen Interessen darin sahen, dieses Problem aus den
zwischenstaatlichen Beziehungen zu beseitigen. Die Mitgliedschaft Italiens und
Österreichs in der Europäischen Union haben den Status der ethnischen Gemeinschaft im
Südtirol grundlegend verändert, ohne dass eine Veränderung der Grenzen nötig gewesen
wäre." Simic empfiehlt deshalb dringend, für den ganzen Balkan eine ähnliche
Lösung anzuzielen, in der die politischen und territorialen Rahmenbedingungen in einem
föderativen Konzept grenzüberschreitend geklärt würden.
Professor Gazmend Pula, der in der gleichen Gruppe mitarbeitete, betonte dagegen, dass ein
"ausgewogener Kompromiss" nur möglich sei, wenn die
"Minderheiten-Terminologie" mit Begriffen wie "Volk",
"staatstragende Nation" oder "Minderheit" vermieden würde. Gemäss
seiner Einschätzung wird der Begriff "Autonomie" im Raum des ehemaligen
Jugoslawien rein negativ verstanden. Pula setzt dem den Begriff der "inneren
Selbstbestimmung" entgegen und erläutert den Zusammenhang von Selbstbestimmung und
staatlicher Souveränität, wie er in einer Deklaration der Uno-Vollversammlung festgelegt
wurde (Friendly Relations Declatation): "Die Priorität der Selbstbestimmung über
die Souveränität steigt proportional zur ethnischen Distanz der beteiligten
Subjekte." Zu deutsch: Je weniger Beziehungsfähigkeit zwischen den Konfliktparteien
besteht, um so legitimer wird das Einfordern des Selbstbestimmungsrechts gegen die
territorialen Souveränitätsansprüche. Eine Bedingung zur Diskussion der Kosov@frage
wäre laut Pula die Anerkennung der Tatsache, dass die Bundesrepublik Jugoslawien ein
Staat verschiedener Nationalitäten ist, in dem die AlbanerInnen die zweitgrösste
Minderheit darstellen. Pula entwickelt das Konzept eines Föderalismus, der sowohl auf
territorialen als auch auf ethnischen Prinzipien aufbaut, und liefert einen langen und
detaillierten Katalog sehr konkreter Massnahmen spezifisch für die serbische, für die
albanische und für die internationale Seite.
- Der Bericht der Nato-Mission ("Unfinished Peace"), der am 2. Oktober 1996 in
KOHA veröffentlicht ist, schlägt fünfzig militärische, politische und wirtschaftliche
Massnahmen vor, um sofort einen internationalen Prozess zur Lösung des Kosov@konfliktes
auszulösen. Der bestehende Zustand könne nicht stabil sein. Die "Kombination von
pazifistischer Strategie und maximalistischen Forderungen" der Kosov@führung trage
zur Verhärtung bei. "Langsam steigt der Druck für eine aggressivere,
Intifada-ähnliche Strategie, die auch wenn sie am Anfang ohne Waffengewalt
geführt wird zu einem serbischen Schlag und damit zu einer Explosion führen
könnte", wird die Lage analysiert. Der Bericht zweifelt daran, dass die LDK die
Leute noch lange mit Beschwichtigungen kontrollieren könne. "Das Kosovoproblem
besteht hier und heute. Eine Lösung mag noch weit entfernt sein. Aber je länger sie
verzögert wird, um so grösser ist die Gefahr eines Flächenbrandes, der schnell über
die Grenzen des Kosovo hinausgreifen wird." Der Bericht schliesst mit der Aussage,
dass die Demokratie in Serbien und im Kosov@ zusammenhängen und dass ein Dialog zwischen
der serbischen und der albanischen Seite über eine starke, aufrichtige und andauernde
Vermittlung durch den Westen erreicht werden muss. Um diesen Prozess ingangzusetzen werden
konkrete Prinzipien und Durchsetzungsstrategien aufgelistet.
- Am 16. Oktober 1996 veröffentlicht KOHA ein Interview mit Dana Allin, Vizedirektorin
des Berliner Aspen-Instituts, das einen Bericht über die Lage im Kosov@ verfasst und
Massnahmen vorgeschlagen hat.
- Am 29. Januar 1997 liefert der KOHA-Chefredaktor Veton Surroi unter dem Titel
"Dialog Wege aus dem Teufelskreis" einen Überblick über die
Konfliktsituation, die anstehenden Probleme und die Schritte, die unternommen werden
müssten.
- Vom 7. bis 9. April 1997 kam es in New York zu einer weiteren Runde von
Kosov@-Gesprächen und Drago Hiber, Vertreter des oppositionellen serbischen Bündnisses
"zajedno" (gemeinsam) und Autor eines Konzeptpapiers zur Kosov@frage erklärte:
"Wir glauben, dass der Dialog ohne Vorbedingungen aufgenommen werden muss.
Bedingungen verschliessen die Möglichkeiten für Lösungen eines Problems. Dialog ohne
Bedingungen bedeutet auch die Teilnahme aller Leute, Gruppen und Parteien, Meinungen und
Ideen. Es gibt nur eine Grenze für diesen Dialog: Da gibt es keinen Platz für
diejenigen, die nicht für eine gewaltfreie Beilegung des Problems sind." (KOHA vom
9. April 1997).
- Im Juni 1997 kam es veranlasst durch das American Council on Foreign Relations zu
direkten Gesprächen zwischen der serbischen und der albanischen Seite in Ulcin,
Montenegro. Mehr als vierzig Intellektuelle und Vertreter von politischen Parteien und
Nichtregierungs-Organisationen entwickelten einen Aktionsplan. Der serbische Historiker
Ivan Djuric hielt fest: "Es ist wahr, dass Jugoslawien der Staat ist, zu dem Kosova
einst gehörte. Aber dieser Staat existiert heute nicht mehr. Den Namen Jugoslawien zu
streichen, würde uns helfen, einige Probleme zu überwinden." (KOHA vom 2. Juli
1997). Djuric forderte eine "Schritt-für-Schritt-Lösung" und erklärt:
"Wer eine Alternative in Serbien bieten will, muss Antworten geben auf das Problem
der Autonomie der Vojvodina und des Sandzak, das Problem der Flüchtlinge, das Problem von
Bosnien, von Kroatien, Montenegro und am wichtigsten: eine klare Vorstellung über die
Zukunft des Kosova."
Sprechen statt schiessen
Wenn internationale Politik glaubt, sie könne das Kosov@problem loswerden, indem man
die Kosov@albanerInnen ausschaffe, wird sie sich bald vor einen neuen Krieg gestellt sehen
(siehe Kasten). Ein klarer politischer Wille, der sich weder den wirtschaftlichen
Interessen noch den diplomatischen Gepflogenheiten unterordnet, muss vorhanden sein, um
mit allen zur Verfügung stehenden und zur Verfügung zu stellenden Mitteln den Konflikt
zivil zu bearbeiten, bevor er in einen Bürgerkrieg abkippt. Positive und negative
Sanktionen gegenüber den politischen und gesellschaftlichen Kräften beider Seiten sind
notwendig, um die Machthaber von ihrem Maximalismus runterzuholen respektive vor allem, um
die gesellschaftlichen Kräfte zu stärken, die eine politische Alternative zu den
heutigen Machthabern darstellen könnten.
Es besteht eine unglaublich reiche Vorarbeit, auf die sich konkrete politische Schritte
heute abstützen könnten. Neben und zusätzlich zu allen politischen Konzepten gibt es
sowohl auf serbischer als auch auf kosov@albanischer Seite eine Vielzahl von Leuten und
Gruppierungen, die bereit sind, miteinander an einer politischen Lösung zu arbeiten und
einen Krieg zu verhindern. Oppositionelle Parteien, unabhängige Gewerkschaften,
Organisationen der StudentInnen, Bürgerrechts- und Jugendgruppen stehen in ständigem und
engem Kontakt und geben so den Boden ab, auf dem politische Lösungen gangbar werden.
Internationale NGOs wie das Balkan Peace Team BPT begleiten und unterstützen diese
Kräfte nach Möglichkeit. Die AktivistInnen des BPT entwickelten eine ausgebaute
"grass-roots Shuttle-Diplomatie" zwischen Belgrad und Prishtina: Sie laden
VertreterInnen einer Vielzahl von serbischen Organisationen in den Kosov@ ein und
organisieren dort Treffen mit albanischen Kontakten, um so gegenseitiges Verständnis und
Vertrauen zu fördern. Serbische StudentInnen in Prishtina hielten bei einem solchen
Treffen fest: "Lasst uns lieber zehn Jahre miteinander reden, als einen Krieg
führen."
Vielleicht ist es heute schon wieder zu spät, um mit Reden endlich anzufangen. Eine
gewaltfreie Bearbeitung des Konflikts im Kosov@ droht im Sog des doppelten Terrorismus von
albanischer "Befreiungsarmee" und serbischer "Staatsmacht"
unterzugehen. Zu lange haben die internationalen Machthaber auf ihre diplomatischen
Gepflogenheiten des Händeschüttelns mit anderen Machthabern vertraut. Zu lange wurden
die Hardliner beider Konfliktseiten als Partner für den Frieden akzeptiert und
verständigungswillige Kräfte marginalisiert. Zu lange lagen wichtige Konzepte
regierungsunabhängiger Organisationen in den Schubladen, während die Regierungen keine
Einheit und keinen Willen zum Handeln fanden. Uns muss es darum gehen, die Politik auf den
Dialog zu verpflichten. Asyl- und Wirtschaftspolitik müssen strategischen
friedenspolitischen Interessen untergeordnet werden, um mit klaren Zeichen die zivile
Option zu stärken. Wir müssen einen Beitrag leisten, damit die Schweiz über das
notwendige Wissen und die nötigen Mittel verfügt, mit einem solidarischen Beitrag auf
der "Baustelle des Friedens" mitzuarbeiten. "Frieden nicht nur konsumieren,
sondern produzieren", lautet ein Bonmot des helvetischen Oberverteidigers. Mit der
Initiative für einen freiwilligen Zivilen Friedensdienst ZFD schafft die Gruppe für eine
Schweiz ohne Armee GSoA die qualifizierten Fachleute, um unseren kleinen Beitrag zu dieser
grossen Aufgabe zu leisten.
* Siehe den Artikel "Hallo Europa, wo bist du? Die StudentInnen in Kosov@ haben
genug" in der GSoA-Zitig Nr. 73. Auszüge des hier vorliegenden Artikels erschienen
in der GSoA-Zitig Nr. 74 Anfang Februar.
Quellen für diesen Beitrag:
- Belgrade Biweekly. Informationen des Balkan Peace Teams.
- Humanitarian Law Center Belgrad: Reports and Investigations.
- KOHA. unabhängige Wochenzeitschrift aus dem Kosov@ (heute KOHA Ditore, Tageszeitung).
- Kosova Communication. Bulletin des Informationsministeriums der Republik Kosova.
- Nasa Borba, unabhängige Tageszeitung aus Belgrad, Jugoslawien.
- Stina Press Agency, Netzwerk für unabhängige JournalistInnen in Zentral- und
Osteuropa.
- WarReport, Zeitschrift des Institute for War & Peace Reporting, London.
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Kosov@ keine
Apartheid, aber...
Der Kosovo (serbisch: Kosovo und Metohija, albanisch Kosova) ist formal eine autonome
Region der Bundesrepublik Jugoslawien. Die Schreibweise Kosov@ stellt
eine neutrale Form dar, um weder den serbischen noch den albanischen Namen verwenden zu
müssen, da die Sprachregelung Teil des politischen Streites ist.
Die jugoslawische Verfassung von 1974 garantierte dem Kosov@ ausgehend vom damaligen
ethnisch-nationalen Kräfteverhältnis weitgehende Autonomierechte. Am 28. März 1989
wurde durch eine Verfassungsänderung in Serbien das Autonomiestatut des Kosov@
eingeschränkt. Mitte Januar 1990 erscheint der Entwurf einer Resolution zuhanden des 14.
Kongresses des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens seit dem 8. Kongress im Herbst
1987 unter strikter Kontrolle von Slobodan Milosevic. Die Resolution "für
Patriotismus, gegen Nationalismus, Separatismus und Chauvinismus" ruft die
BürgerInnen auf, den Kosovo vor dem albanischen Nationalismus zu retten. Durch die
Einschränkungen der Autonomie und eine "bessere Integration des Kosovo" sollen
die separatistischen Tendenzen bekämpft werden. Schon zuvor kam es zu harten
Auseinandersetzungen in den Strassen im Kosov@ gegen solche Töne und Massnahmen.
- Am 24. Januar 1990 wird der Ausnahmezustand im Kosov@ verhängt und am 1. Februar werden
Truppen stationiert. Am 24. März 1990 übernimmt Belgrad die direkte Kontrolle über die
Polizei.
- Am 2. Juli 1990 erklären die albanischen Vertreter des Regionalparlaments den Kosov@
zum unabhängigen Territorium innerhalb der jugoslawischen Föderation. Die serbische
Regierung verurteilt dies als Verfassungsbruch.
- Am 5. Juli 1990 enthebt das Parlament Serbiens ohne verfassungsmässige Grundlagen die
autonome Lokalregierung des Kosov@ ihrer Funktionen und löst das Lokalparlament auf.
- Am 3. September 1990 streiken im Kosov@ mehr als 100000 AlbanerInnen gegen die
serbische Herrschaft, gegen die Welle von Entlassungen albanischer Beschäftigter und
gegen die Übernahme albanischer Betriebe und Geschäfte.
- Am 13. September 1990 beschliessen die albanischen Vertreter des aufgelösten
Lokalparlaments eine eigene Verfassung und das Weiterfunktionieren ihres Parlaments bis zu
neuen Wahlen.
- Am 28. September 1990 nimmt das serbische Parlament eine Verfassungsänderung an, in der
Serbien als "Staat seiner Bürger" definiert ist, in dem die Gebiete über
territoriale Autonomie ohne staatliche Rechte verfügen. Die Autonomie des Kosov@ ist
damit faktisch beseitigt.
Das gesellschaftliche Leben, das Bildungs- und Erziehungswesen, die
Beschäftigungsverhältnisse usw. wurden von beiden Seiten auseinandergetrieben: Während
die serbischen Machthaber albanische Beschäftigte aus öffentlichen Bereichen
ausgrenzten, zogen sich die AlbanerInnen aus den ethnisch gemischten in ihre parallelen
Strukturen zurück. Trotzdem kann im Kosov@ nicht von einem Apartheidregime gesprochen
werden, auch wenn dieser Begriff heute von allen verwendet wird. Das Apartheidregime
zeichnete sich dadurch aus, dass die Rassentrennung in Verfassung und Gesetzen
festgeschrieben und reguliert war. Im Kosov@ herrscht aber ein Unrechtsregime, das sich
nirgends auf eine verfassungsmässige oder gesetzliche Grundlage berufen kann.
Im Kosov@ leben heute fast zwei Millionen AlbanerInnen. Weitere 34 Millionen
leben in Albanien selbst, rund 500000 bis 600000 in Mazedonien und weitere
60000 in der jugoslawischen Teilrepublik Montenegro. Der Kosov@ ist gefangen in
einem doppelten Minderheitenproblem: Während die AlbanerInnen im Kosov@ heute eine
8090prozentige Mehrheit der Bevölkerung stellen, sind sie mit 15 Prozent eine
Minderheit in der heutigen Bundesrepublik Jugoslawien (Volkszählung 1991. Geschätzte
Zahlen, da die Kosov@albanerInnen die Zählung boykottierten). Die SerbInnen dagegen, die
im Kosov@ 1961 noch 27 Prozent der Bevölkerung ausmachten, stellen heute eine Minderheit
von weniger als 10 Prozent dar, dominieren aber mit 62,6 Prozent der Bevölkerung das
gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben Jugoslawiens. |