| Aferdita Kelmendi, Sie sind Journalistin und Mitgründerin des
staatsunabhängigen "Media Project Pristina". Wie kam es zu diesem Projekt, das
heute Radio-Nachrichtensendungen, Fernseh-Produktionen, eine Frauenzeitschrift und
Lehrgänge für Journalismus und friedliche Konfliktlösung umfasst? A.K.:
Zur Zeit der Unabhängigkeit arbeitete ich als Programmgestalterin beim albanischen
Radioprogramm in Pristina. Als ehemalige Lehrerin spezialisierte ich mich dort auf
Bildungs- und Kultursendungen. 1990 wurde ich mit über 1000 albanischen Kolleginnen und
Kollegen von Radio und Fernsehen Pristina entlassen. Auch mein Mann, der ebenfalls
Journalist ist, wurde entlassen. Damit endete ein Leben für uns und ein anderes Leben
begann. Es war der Beginn des Kampfes ums Überleben, aber auch der Anstrengungen, uns
selbst weiterzuentwickeln. Wir waren damals sehr pessimistisch, wir mussten unsere
vierköpfige Familie ernähren und hatten weder Geld noch Arbeit.
In dieser Situation sagte einmal unser Vater zu uns: "Dies ist ein sehr wichtiger
Moment in Eurem Leben. Bis heute habt ihr in Sicherheit gelebt, jetzt müsst Ihr mit Eurem
eigenen Kopf überlegen, was Ihr mit Eurem Leben machen wollt. Ihr müsst Verantwortung
übernehmen für Euch selbst und für Eure Familie. Es ist sehr hart, aber vielleicht
erweist es sich auch als eine Chance. Ihr werdet neue Ideen entwickeln, wie Ihr Eure Leben
gestalten wollt. Um etwas für die Gesellschaft zu tun. Müsst Ihr etwas für Euch selbst
tun." Noch heute berührt es mich tief, wenn ich an diese Worte meines Vaters denke.
Ich verstand in jenem Moment, dass wir unser Leben selbst in die Hand nehmen müssen.
Ich setzte mich hin und überlegte und schrieb auf, was ich tun kann, was ich aufbauen
kann. Es war nicht einfach, aber ich fand einen grossen Reichtum an Möglichkeiten, gute
und nützliche Arbeit zu leisten. Zusammen mit meinem Mann und meinem Bruder, der
ebenfalls Journalist ist, begannen wir Projekte zu entwickeln. Wir suchten nach neuen
Sichtweisen, nach neuen Wegen für unsere Gesellschaft. Das erste Projekt, das ich
startete, waren die dreimonatigen Workshops für junge Frauen. Wir bildeten sie in den
Grundlagen des Journalismus aus und gleichzeitig in friedlicher Konfliktlösung. Ich
selbst hatte mich während vier Jahren in gewaltfreier Konfliktlösung ausgebildet.
Ihre Workshops richten sich an junge Frauen, aus welchem Grund?
A.K.: Junge Leute lernen sehr schnell und sie sind offen für neue Ideen. Zudem sind
sie die Zukunft unseres Landes. Die Veränderungen in der Gesellschaft beginnen in der
Familie, und da spielt die Stellung der Frau eine zentrale Rolle. Es ist uns wichtig,
Frauen zu fördern, ihnen zu beruflichen Qualifikationen zu verhelfen. Mit den
Kurs-Absolventinnen starteten wir die Publikation der monatlichen Frauenzeitschrift
"Eritrea". Eritrea ist der Name einer der 10 Sibyllen, einer Prophetin, die
gegen das Schlechte in der Gesellschaft kämpfte.
Später kamen die Nachrichtensendungen von Radio 21 hinzu. Weil wir keine Frequenz vom
Staat erhielten, begannen wir über Internet zu senden. Seit anfangs Jahr ermöglicht uns
nun BBC zusätzlich zweimal pro Tag ein 15minütiges Nachrichtenbulletin über Satellit zu
verbreiten. Da etwa 90 Prozent der Einwohner über Satellitenfernsehen verfügen, können
nun die meisten Leute unser unabhängiges Radio-Programm über TV empfangen. Der vierte
Teil des "Media Project Pristina" sind die Fernsehproduktionen über
Alltagsleben in Kosovo, welche von Privatsendern in Serbien und neu auch vom
amerikanischen Sender CNN ausgestrahlt werden.
Wie wird diese ganze Arbeit finanziert?
A.K.: Es steckt viel Freiwilligenarbeit von zahlreichen Menschen im Projekt, ohne geht
es nicht. Heute sind 45 Leute am Projekt beteiligt. In unserer Familie überlebten wir mit
den verschiedensten Jobs, mein Mann arbeitete beispielsweise als Kellner, als Angestellter
in Tourismusbüros usw. Das erste Geld, das wir für das "Media Project"
erhielten, kam von internationalen Frauenorganisationen, später auch von anderen
ausländischen Organisationen, wie beispielsweise der Medienhilfe Ex-Jugoslawien oder
amerikanischen Entwicklungsorganisationen, die uns Material für die Produktion der Radio-
und Fernsehsendungen beschafften.
Vor mehr als einem Jahr brach in Kosovo der Krieg aus. Wie beeinflusste dies Ihr
Leben, Ihre Arbeit?
A.K.: Der Krieg veränderte meine Überzeugungen nicht. Vielmehr stärkte er mich in
meinem Einsatz für eine friedliche Lösung des Konfliktes. Viele Leute starben und
sterben in diesem Krieg, und es war sehr schmerzhaft, als wir die Opfer nicht mehr mit
Namen, sondern nur noch als Zahlen nennen konnten. Weshalb müssen so viele sterben? Ich
bin überzeugt, dass es politische Möglichkeiten gegeben hätte, den Krieg gleich zu
Anfang zu stoppen.
Wie ist Ihr persönliches Fazit, wenn Sie auf die Arbeit von "Media
Project" zurückblicken?
A.K.: Ich bin heute überzeugt, dass wir alle für Unabhängigkeit und Freiheit hart
arbeiten müssen. Es braucht neue Ideen, neue Sichtweisen in der Gesellschaft. Von selbst
kommt die Unabhängigkeit nicht. Um Konflikte friedlich zu lösen, müssen wir fähig
sein, ein Problem aus der Sicht aller Beteiligten anzusehen und gemeinsam nach Lösungen
zu suchen. Dies versuchen wir mit unserer Berichterstattung und mit den Workshops.
In Kosovo sind wir seit langem mit Gewalt konfrontiert, und es hat sich viel Ärger
angestaut. Aber ich bin überzeugt, dass eine Versöhnung möglich ist, wenn wir nach
gegenseitigem Verständnis und nach den gemeinsamen Interessen.
© 11.3.99. Elisabeth Kaestli, Pressebüro Flüchtlingsinformation
Falkenhöheweg 8, Postfach 6175, 3001 Bern.
Tel. 031/301 15 35; Fax 031/301 15 45; flueinf@bluewin.ch
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Die Medienhilfe
Ex-Jugoslawien führt vom 10.3.-16.3. in Basel, Bern, St. Gallen und Zürich eine
Veranstaltungsreihe über die Mediensituation in Kosovo und Serbien durch mit
Podiumsdiskussionen und Filmvorführungen. Zwei Journalistinnen von staatsunabhängigen
Medien stellen ihre Arbeit vor: Die Serbin Bojana Lekic aus Belgrad ist Redaktorin des
Informationsprogramms beim unabhängigen Belgrader Radiosender "B92". Die
Kosovo-Albanerin Aferdita Kelmendi ist Journalistin und Koordinatorin von "Media
Project Pristina". Dieses Projekt umfasst tägliche Nachrichten von "Radio
21" über Internet und über Satellit, TV-Produktionen, eine Frauenzeitschrift sowie
dreimonatige Workshops über Journalismus und friedliche Konfliktlösung.
(Informationen: Medienhilfe Ex-Jugoslawien, Postfach, 8031 Zürich, Tel. 01/272 46 37 |