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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Interview von Marcel Hänggi*

Im März weilten auf Einladung der comedia und der "Medienhilfe Ex-Jugoslawien" zwei Journalistinnen in der Schweiz, die in Belgrad beziehungsweise in Pristina trotz massiver Repressionen seitens des Milosevic-Regimes unabhängigen Journalismus machen. Aferdita Kelmendi ist Journalistin und Leiterin des Medienprojekts Pristina. Zu ihren Aktivitäten gehören Fernsehproduktionen, das Radio 21, das über Internet und seit Januar 1999 über ein täglich 15-minütiges BBC-Fenster sendet, eine Frauenzeitschrift sowie Workshops in Konfliktbearbeitung. Bojana Lekic ist Redaktorin des Informationsprogramms von Radio B92 in Belgrad, der wichtigsten unabhängigen serbischen Informationsquelle. Radio B92 gewann 1998 den MTV-Free You Mind-Award. Im Rahmen des Netzwerks unabhängiger elektronischer Medien ANEM arbeiten das Medienprojekt und B92 zusammen.

m: Bojana und Aferdita: Könnt ihr in wenigen Sätzen die Mediensituation in Jugoslawien skizzieren?

Bojana Lekic: Das wichtigste ist das neue serbische Mediengesetz vom Oktober 1998. Dieses Gesetz ermöglicht es den Behörden, gegen missliebige Medien und JournalistInnen willkürlich hohe Bussen oder Gefängnisstrafen auszusprechen, was etwa gegen die Zeitung "Evropljanin" auch geschehen ist. Der wichtigste Effekt des Gesetzes ist es, die Medien via die "Schere im Kopf" der JournalistInnen zu zensurieren. Die meisten unabhängigen Medien sind seither braver und weniger politisch geworden. Aber Probleme haben wir, seit Milosevic an der Macht ist. Ich verstehe nicht, weshalb die internationale Gemeinschaft nicht mehr Wert auf Medienfreiheit in Jugoslawien legt. Eine demokratische Zivilgesellschaft ohne freie Medien ist unmöglich.

Aferdita Kelmendi: Ich fühle mich nicht angesprochen, wenn du von Jugoslawien sprichst...

m: Betrifft euch das Mediengesetz im Kosova nicht?

A.K.: Doch, natürlich. Eine Medienfreiheit in Serbien würde eine bessere Zukunft für Serbien bedeuten - und ein besseres Verständnis für den Kosova. Uns KosovarInnen betrifft die Situation in Serbien sehr. Aber das Gesetz wurde vom serbischen Parlament verabschiedet. Das ist nicht unser Parlament.

m: Das serbische Gesetz könnte auch im Kosova angewendet werden!

A.K.: Ja. Aber psychologisch ist die Situation für uns anders. Wir empfinden das nicht als unsere Sache. In einem gewissen Sinne sind wir AlbanerInnen im Kosova freier als die SerbInnen, denn wir haben unsere eigenen Parallelstrukturen.

m: Trotz der Repressionen könnt ihr beide arbeiten.

B.L.: Ja. Die Behörden wagen es nicht, gegen uns vorzugehen. Wir sind zu stark. Durch das Mediennetzwerk ANEM haben wir zwei Millionen HörerInnen in ganz Jugoslawien - und wir haben eine weltweite Lobby. Wir sind für Milosevic auch ein Alibi. Dank uns kann er zu Holbrooke sagen: Aber sieh, wir haben doch freie Medien! Während der Demonstrationen im Dezember 1996 wurde unser Radio abgeschaltet. In dieser Zeit haben Leute in Belgrad, welche uns über Internet trotzdem empfangen konnten, die Lautsprecher ihrer Computer ans Fenster gestellt, so dass unser Programm in den Strassen von Belgrad zu hören war. Später behaupteten die Behörden, sie hätten uns gar nie abgeschaltet; wir hätten nicht senden können, weil Wasser in den Leitungen war...!

A.K.: Wir arbeiten viel und haben wenig Lohn, manchmal gar keinen. Aber wir haben Energie, wir haben eine Vision. Je nach Unterstützung, die wir gerade erhalten, arbeiten wir eben langsamer oder schneller auf unser Ziel hin. Wenn ich gefragt werde: Was machst du, wenn dir alles zerstört wird, so sage ich: Ich beginne wieder von vorn. Obwohl unsere Reichweite gering ist, werden wir wahrgenommen. Einmal, als wir das BBC-Sendefenster noch nicht hatten, rief ein Hörer aus einem kleinen Dorf an. Seine Verwandten in der Schweiz empfingen uns über Internet, sie riefen ihn an und hielten den Telefonhörer gegen die Computerboxen!

m: Das Medienprojekt Pristina bietet neben der Medienarbeit Workshops in Konfliktbewältigung. Das ist eine spezielle Kombination...

A.K.: Ich denke, das gehört zusammen. Unser Ziel ist der Aufbau einer Zivilgesellschaft. Wir versuchen, neben der Berichterstattung über die politische Situation Werte zu fördern, welche im Krieg untergehen. Wenn wir beispielsweise ein Interview mit einem elfjährigen Mädchen ausstrahlen, welches Gedichte schreibt, rufen uns die HörerInnen an und sagen: Das ist es, was wir brauchen. So sehen wir mit den Augen eines Kindes, wie wunderbar das Leben sein kann. Ich brauche meine Erfahrung aus der Konfliktbearbeitung auch im Berufsalltag. Wenn ich zum Beispiel mit dem Gewehr eine Stunde lang gegen eine Mauer festgehalten werde, kann ich dem Gewehr nur meine intellektuelle Kraft entgegensetzen. Natürlich habe ich in solchen Situationen Angst. Aber ich weiss, dass der Soldat mit seinem Gewehr genauso Angst hat.

m: Wie finanziert ihr euch?

A.K.: Durch Unterstützung von Stiftungen und Organisationen wie der "Medienhilfe".

B.L.: Wir haben zwei Millionen HörerInnen. Das wäre ein ausgezeichneter Markt. Aber es gibt diesen Markt nicht. Wer bei uns Werbung macht, wird von den Behörden schikaniert. Das können sich fast nur internationale Unternehmen wie Coca Cola leisten, doch heute ist es nicht mehr opportun, in einem serbischen Sender Werbung zu machen - auch wenn wir oppositionell sind. Wir sind auf internationale Unterstützung angewiesen. Dabei brauchen wir gar nicht viel Geld: Für einen einzigen Panzer kann man mehr Kameras kaufen, als wir je brauchen können...

Die "Medienhilfe Ex-Jugoslawien" unterstützt unabhängige Medien in Kroatien, Bosnien, Jugoslawien und im Kosova. Informationen über ihre Arbeit sowie Links zu ihren Partnern - darunter B92 und das Medienprojekt Pristina - finden sich unter www.medienhilfe.ch.

© Marcel Haenggi, Pressebuero zyPRESSE, marcel.haenggi@suisse.org
Marcel HänggiBüro zyPRESSE Zypressenstr. 76 8004 Zürich Phone +41 1 291 56 14 Fax +41 1 291 33 05privat Neunbrunnenstr. 130 8046 Zürich Phone +41 1 371 71 89marcel.haenggi@suisse.org

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