Mit der Serbin Bojana Lekic und der Kosovo-Albanerin Aferdita Kelmendi
sprach Agathe Näf über die schwierigen Bedingungen einer unabhängigen Berichterstattung
in Ex-Jugoslawien.*
PS.: Wie stark ist Ihre Arbeit als Journalistin gefährdet? Fühlen Sie sich
persönlich bedroht?
Alerdita Kelmendi: In Pristina sind die Medien stärker durch die
Regierung gefährdet als in Belgrad. Sie riskieren jederzeit die Schliessung. Die
Berichterstattung ist heikel. Kriegstreiber dürfen nicht beim Namen genannt werden. Wir
sammeln Quellen von allen Seiten für alle: Albanische, serbische, internationale.
Kommentare machen wir keine, das müssen die Leute selber tun. Wir wollen das Bewusstsein
stärken und Missbrauch verhindern. Als Journalistin setze ich mich für bessere
Verhältnisse ein, ob gefährlich oder nicht.
Bojana Lekic: Nein, Angst haben darf man nicht. Ich war
Kriegsjournalistin an vorderster Front und lebe noch. Im Winter 1996/97 wurde ich während
einer Demonstration zusammengeschlagen. Radio B92 war während des Krieges die
Untergrundstation des Widerstands, die sich für die Menschenrechte einsetzte. Zweimal
wurde die Produktion verboten. Heute ist B92 der einzige unabhängige Sender in Belgrad.
In Wahrheit sind wir sehr populär. Wir versuchen Aussenstationen aufzubauen und lehren
die Kollegen den Umgang mit Internet.
Gibt es eine Solidarität unter Journalistinnen verschiedener Ethnien?
Aferdita Kelmendi: Solidarität kann mans nicht nennen. Es sind unsere
beruflichen Prinzipien, die sich decken. Wir wollen keinen Sensationsjournalismus und sind
an professioneller Zusammenarbeit interessiert. Unsere politischen Meinungen und
Lösungsansätze können unterschiedlich sein.
Bojana Lekic: Uns interessiert der Austausch von Informationen,
technischem Wissen und Ausrüstungsmaterial, um die unabhängige Berichterstattung
aufzubauen. Wir haben mehr Probleme mit der eigenen Regierung als mit der albanischen
Führung.
Wie finanzieren Sie Ihre Projekte?
Aferdita Kelmendi: Radio 21 startete mit einem Computer. Wir leisteten
unbezahlte Arbeit; der Traum einer gewaltfreien Gesellschaft war wichtiger als Geld.
Gelegentlich erhalten wir Unterstützung von der Medienhilfe und ähnlichen
Organisationen.
Bojana Lekic: Das war Freiwilligenarbeit, da Werbung für die Firmen
immer schwieriger wurde. Während des Krieges bekamen wir Geld vom Ausland, jetzt haben
sie uns vergessen. Man steckt zur Sicherung des Friedens lieber Geld in Panzer als in
zivile Projekte. Der Vertrieb von Büchern und Videos sind heute eine Geldquelle.
Was versprechen Sie sich vom Abkommen von Rambouillet?
Beide: Wir würden sofort unterschreiben.
Aferdita Kelmendi: Falls sich die Serben weigern sollten, wird die
Gewaltspirale bis zur Explosion des ganzen Balkans weiterdrehen. Die Frist von drei Jahren
könnte beiden Seiten helfen, zur Normalität zurückzukehren. Die Medien können bei der
Demokratisierung eine entscheidende Rolle spielen.
Bojana Lekic: Nach jedem Krieg gibt es Abkommen. Referenden dagegen
werden meist nur aus Propagandagründen ergriffen und bringen eine Verschlechterung. So
geschehen in Dayton.
© 18. März 1999, P.S. |
Medien für den Frieden
Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien unterstützt seit Dezernber 1992 unabhängige Medien in
Kroatien, Bosnien-Herzogowina und Serbien/Montenegro, inklusive Kosovo. Die grossen
Tageszeitungen und überregionalen Radio- und Fernsehstationen stehen heute im Dienste der
Propaganda. Einige unabhängige Medien haben überlebt. Sie benötigen Unterstützung, da
Friede nur über eine Verständigung erreicht werden kann. Zwei JournalistInnen (eine
Serbin und eine Albanerin) aus Pristina und Belgrad beweisen, dass professionelle
Zusammenarbeit möglich und nötig ist. Am Dienstagabend fand mit ihnen eine
Podiumsdiskussion statt, die von Marlène Schnieper geleitet wurde und von der Medienhilfe
Ex-Jugoslawien und der Gewerkschaft comedia organisiert wurde.
Die Albanerin Aferdita Kelmendi ist Journalistin und Koordinatorin von Media Projekt
Pristina. Die Serbin Bojana Lekic Journalistin und Redaktorin des Informationsprogrammes
beim unabhängigen Radiosender B92, der verlässlichsten serbischen Quelle für
Informationen aus dem Kosova. |