Noch während in Paris um das Einlenken für
eine gewaltfreie Lösung im Kosovo-Konflikt gerungen wurde, erzählten am Mittwoch abend
im Restaurant Toscana zwei Journalistinnen aus ihrem Alltag unter Kriegsbedingungen.
BRIGITTE SCHMID-GUGLER*
Eine der ersten Massnahmen in einem Krieg ist die Kontrolle der Medien durch die
Regierung, Denn Zeitung, Radio und Fernsehen bedienen die Zivilbevölkerung mit
Informationen. Wenn ein Regime die Meinung eines Volkes manipulieren will, lässt es
Meldungen, die sich diesem Ziel widersetzen, nicht verbreiten. Besser noch: Man verbietet
einer Zeitung, weiter zu erscheinen oder belegt sie mit hohen Geldstrafen. Radio- und
Femsehsender, die sich dem staatlichen Diktat nicht unterwerfen wollen, erhalten keine
Lizenz bzw. Sendefrequenzen, sie müssen also illegal senden. Mit derartigen Problemen
konfrontiert sind zahlreiche Medienschaffende im Kosovo und in Serbien. Aferdita Kelmendi
aus Pristina und Bojona Lekie aus Belgrad berichteten von den Schikanen und Hindernissen,
denen sie ausgesetzt sind. Der Anlass wurde organisiert von der Medienhilfe
Ex-Jugoslawien, dem Heks Ostschweiz sowie von der Mediengewerkschaft comedia.
Nicht resignieren
Arne Engeli vom Heks Ostschweiz betonte, die Anwesenheit von zwei Frauen sei
nicht ganz zufällig, seien es doch gerade sie, «die eine andere Vision von politischer
und öffentlicher Arbeit haben und sich dem Dialog und der Aufklärung verpflichtet
fühlen». Die Entscheidung, an einem friedlichen Weg festzuhalten, werde den Menschen
dadurch genommen, dass kriegstreiberische Propaganda in den staatlichen serbischen Medien
die Werte und Meinungen der Menschen prägten, erklärte Aferdita Kelmendi. Sie war 1990
mit 1300 weiteren Angestellten - aus einem Sender in Pristina vertrieben worden.
Die Erklärung des serbischen Regimes lautete, alle diese Leute hätten sowieso kündigen
wollen.
1995 gründete die Journalistin ein Mediaprojekt für Frauen in Pristina. Mit
ihrem Team lancierte sie eine auf Frauenthemen ausgerichtete Monatszeitschrift, und seit
1998 sind ihre Informationen über Internet abrufbar. Über einen BBC-Satelliten senden
sie pro Tag 15 Minuten Nachrichten über und aus dem Kosovo. Seit Ausbruch des Konflikts
ist der Anteil der Frauen in öffentlichen Ämtern auf zwei Prozent geschrumpft.
Ohne Lizenz
«Der Zensur immer wieder ein Schnippchen schlagen», unter diesem Motto
bewältigt auch Bojana Lekic ihre Arbeit bei Radio B92 in Belgrad. Sie hatte die Wahl
gehabt bei einem staatlichen Sender «sämtliche Annehmlichkeiten zu geniessen»,
entschied sich jedoch gegen das serbische Regime und gilt seither als Verräterin. Als
Verrat gelte unter anderem, dass sie über ihren Privatsender den flüchtenden Menschen
aus der bosnischen Krajina Hilfe angeboten hätte. Ohne Lizenz haben sie seit Ausbruch des
Krieges zehn Abteilungen aufgebaut, darunter ein Video- und Fernsehprogramm, einen
Buchladen und eine CD-Produktion. Zweimal wurde der Sender bereits von der Regierung
geschlossen. Die letzte Umfrage zeigte allerdings, dass mindestens zwei Millionen Menschen
zuhören, obwohl «nur» Informationen gesendet und keine Kommentare abgegeben werden.
«Unter dem Informationsgesetz leiden nicht nur die Medienschaffenden im Kosovo, sondern
auch die unabhängigen serbischen Medien», betont Bojana Lekic. Der einzige Weg, die
rigorose Beschneidung der öffentlichen Meinungsbildung zu umgehen, sei die Ankoppelung an
ausländische Satellitenprogramme oder ans Internet, weil diese nicht der staatlichen
Lizenzverordnung unterliegen.
Nicht wegschauen
Bedrückender als die zahlreichen Hindernisse bei der Arbeit bezeichnen die
beiden Frauen die zum Alltag gewordene Angst im Kriegsgebiet. Schon lange gehe es nicht
mehr um die Lebensqualität, sondern ums nackte Überleben, sagt Aferdita Kelmendi. Als
Mutter, Frau und Bürgerin des Kosovos bittet sie dringend um die Aufmerksamkeit der
internationalen Gemeinschaft. Der serbische Präsident Milosevic strebe eine ethnische
Säuberung an im Kosovo; sein Regime sei die Ursache dieses Konflikts, die Befreiungsarmee
im Kosovo UCK die Konsequenz.
© St. Galler Tagblatt, Mittwoch, 17. März 1999