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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Medienunterstützung international

Regierungen und Nichtregierungsorganisationen arbeiten zusammen für Südosteuropa

In den letzten Jahren hat auch auf Ebene der Regierungen und der internationalen Politik die Erkenntnis Einzug gehalten, dass Medien und die Art ihrer Berichterstattung für den Verlauf von Konflikten entscheidend sind. Die konkrete Unterstützung für unabhängiges Medienschaffen hat sich vervielfacht. Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien engagiert sich mit Regierungen und Nichtregierungs-Organisationen in einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

Von Roland Brunner, Geschäftsführer Medienhilfe Ex-Jugoslawien

 Im Mai 1999 entstand auf Initiative des „Open Society Institute“, einer Stiftung des Multimilliardärs und Finanzakrobaten George Soros, ein Netzwerk von Organisationen mit Medienprojekten, das seither ständig wächst. Da die Soros-Stiftung alleine für Medienprojekte in Südosteuropa praktisch soviel Geld investiert wie alle europäischen Staaten zusammen, sahen auch die Vertreter der Regierungen sich herausgefordert, an dieser Koordination teilzunehmen. Beim ersten Treffen in Brüssel – noch während die Nato-Bomben auf Serbien fielen – wurde so praktisch zum informellen Vorläufer des Stabilitätspaktes.

  •  Enge Zusammenarbeit der NGOs

1999 fanden vier Treffen von Regierungs- und Nichtregierungs-Vertretern statt, im Jahr 2000 waren es noch zwei und mit zwei Treffen pro Jahr wird diese Koordination auch weitergeführt. Zwischen diesen grossen Treffen koordiniert sich aber der kleinere Kreis der im Medienbereich aktiven Nichtregierungsorganisationen: Swedish Helsinki Committee, Norwegian Peoples Aid, Press Now (Niederlande), Media Development Loan Fund (Prag), IREX ProMedia (USA), lokale Soros-Büros und das regionale Büro in Budapest sowie die Medienhilfe Ex-Jugoslawien. Vor allem in diesem kleineren Kreis geht die Projektarbeit sehr effizient voran, teilen doch alle beteiligten Organisationen die gleichen Kriterien und Leitlinien der Arbeit. Bei den grösseren Treffen kommt es dagegen immer wieder zu schärferen Auseinandersetzungen, wobei sich meist die Vertreter der NGOs und die Regierungsvertreter der skandinavischen Staaten auf der einen Seite und die Vertreter der anderen Regierungen gegenüberstehen.

Die Schweizer Regierung steht irgendwo zwischen diesen beiden Ansätzen. Erst seit Mai 2000 beteiligen sich überhaupt Vertreter des Schweizer Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA an diesen Treffen. Während für den Kosov@ wie früher schon für Bosnien-Herzegowina fast ausschliesslich auf multilateriale und intergouvernamentale Projekte gesetzt wird, die von oben herab beschlossen und „implementiert“ werden, konnte in Serbien auf die Wahlen von Ende September hin äusserst erfolgreich der umgekehrte Ansatz von unten her verfolgt werden.

  •  Konflikte um Staatsinteressen

Während die nordischen Staaten häufig sowohl die Strategieentwicklung als auch die Projektrealisierung ihren NGOs überlassen und diesen Globalbudgets für ihre Arbeit zur Verfügung stellen, folgen andere Staaten über ihre eigenen Agenturen häufig mehr ihren einen Nationalinteressen als den Anforderungen professionellen Medienschaffens und unabhängiger Medienprojekte. Ein Beispiel? Im Bulgarien bestehen heute vier Medien-Zentren. Die erste solche Struktur wurde von der Soros-Stiftung finanziert. Dann kam die Regierung Dänemarks und leistete Finanzhilfe zur Gründung des zweiten Medienzentrums, ohne sich auch nur umzusehen, ob so etwas schon existiert. Als nächstes kam die deutsche Regierung mit dem gleichen Projekt und als dann auch noch die Schweizer Regierung ein viertes Medienzentrum unterstützte, war das Chaos perfekt. Heute müssen diese Regierungen versuchen, die vier unabhängig voneinander operierenden und nicht miteinander kommunizierenden Medienorganisationen zu einer einzigen, professionell funktionierenden Struktur zusammenzuführen.

Häufig fehlt es den RegierungsvertreterInnen schlicht an der nötigen Kenntnis und der Zeit, sich diesen Fragen seriös anzunehmen, sind sie doch meist für ein sehr weites Gebiet an Projekten verantwortlich: von der humanitären Soforthilfe bis zur nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit, von Nahrungsmittelverteilung über Landwirtschafts-, Frauen-, Jugend- oder Erwerbslosenprojekte bis hin zum Aufbau einer unabhängigen und professionell arbeitenden Medienlandschaft – und dies häufig auch noch in mehreren Ländern...

Bei so dicken Dossiers kann es schon geschehen, dass mal was schief geht, wie beispielsweise bei einem Medienprojekt der französischen Regierung, das zu scharfen Reaktionen führte. In bestem Willen und mit bester Absicht beschloss die französische Regierung eine grosszügige Unterstützung für Radio Rilindija in Kosov@. Nun ist diese Station zwar schon länger auf Sendung, verfügt aber damals nicht über eine gültige Lizenz aus dem Hause Kouchner und gehört zu den Stationen, die sich durch radikalen Militarismus und Nationalismus auszeichnen. Die verantwortliche Person seitens der französischen Regierung hatte dies schlicht nicht gewusst und musste denn auch schnell korrigierend eingreifen, indem man die Geldvergabe an restriktive Bestimmungen knüpfte. Das Beispiel zeigt aber, dass profunde Kenntnisse der Mediensituation nötig sind, wenn aus guter Absicht nicht schlechte Politik werden soll. Dies gesteht inzwischen auch die internationale Gemeinschaft indirekt ein, indem das Projekt „Open Broadcast Network“ OBN in Bosnien per Ende Jahr beerdigt wird. Für Dutzende Millionen Euros hat hier vor allem die Europäische Union ein Fernsehprojekt verfolgt, das wir von allem Anfang an zum Untergang verurteilt sahen. Das Eingeständnis in die gemachten Fehler rettet allerdings weder die verschleuderten Millionen, noch nutzt es den lokalen Medienprojekten, die sich durch OBN in ihrer eigenen Arbeit und Vernetzung um fünf Jahre betrogen sehen. Hoffentlich ebnet das Ende des von aussen auferlegten internationalen Megaprojektes allerdings jetzt endlich den Weg für eine stärkere Unterstützung an lokales professionelles Medienschaffen.

  •  Gedränge Richtung Serbien

Schon im Hinblick auf die Bundeswahlen von Ende September stieg die Bereitschaft der internationalen Gemeinschaft, Projekte unabhängiger Medien und zivilgesellschaftlicher Organisationen zu unterstützen. Aus dem Nato-Krieg gegen Serbien hatte man gelernt, dass Friede nicht herbeigebombt und ein Diktator nicht von oben gestürzt werden kann. Innerhalb eines Jahres seit Ende des Nato-Krieges flossen denn auch mehr Gelder an oppositionelle und dissidente Strukturen als in allen zehn Jahren zuvor – auch wenn der Betrag angesichts der Kosten eines einzigen Kriegstages immer noch bescheiden war. Auch im Hinblick auf die serbischen Parlamentswahlen vom 23. Dezember wurde wieder eine grosszügige Unterstützung möglich – auch dank Geldern aus der Schweiz.

Aber auch hier mischen die Regierungsvertreter schon wieder ihre eigenen Karten. Wie in Bosnien und im Kosov@ wollen einige europäische Regierungsvertreter um jeden Preis die Idee der öffentlich-rechtlichen Medien aufrechterhalten. Der Umbau der alten Staatsmedien soll vorangetrieben werden. Nun entspricht aber diese Idee weder den lokalen Traditionen noch bestehen die gesellschaftlichen, juristischen und politischen Voraussetzungen dazu. Wenn man zudem weiss, dass die Eigentumsverhältnisse dieser Staatsmedien alles andere als klar sind, dass Dutzende von Prozessen gegen diese Medien hängig sind und dass sie mit Millionenbeträgen verschuldet sind, dann kann man erahnen, dass der Weg zu professionellem Medienschaffen nicht über diese alten Staatsmedien gegangen werden kann.

Die VertreterInnen der NGO-Koordination stellen Professionalität vor Eigentumsfragen. In den letzten zehn Jahren haben viele unabhängige private Medien und Medienschaffende bewiesen, dass sie auch mitten in Kriegshetze und nationalistischer Propaganda fähig sind, professionellen Journalismus zu betreiben. Über die Stärkung dieser Medien ist die Idee einer öffentlich-rechtlichen Medieninstitution sicher besser zu vertreten, als durch die Unterstützung von Wendehälsen, die noch gestern dem alten Herrscher applaudierten, nur um nun vor dem neuen Herrscher auf die Knie zu fallen.

 

Koordinationstreffen in Brüssel

Vom 29. November bis 1. Dezember traf sich das internationale Netzwerk von VertreterInnen der Regierungen und der Nichtregierungs-Organisationen im Medienbereich in Brüssel. Am 2. Dezember dann fand anschliessend das Koordinationstreffen des NGO-Kreises statt. Daran beteiligte sich auch Mark Thompson, Beauftragter des Stabilitätspaktes für den Medienbereich. Folgende Themen wurden diskutiert:

  • Feral Tribune, die ewig ätzende Satirezeitung mit politischem Schwergewicht in Kroatien, sieht sich sinkenden Verkaufszahlen gegenüber. Gemeinsam mit der Tageszeitung Novi List wird eine Neulancierung mit modernisiertem Layout geplant. Während die Zeitung im laufenden Betrieb selbsttragend ist, benötigt sie für die Lancierung finanzielle Unterstützung.
  • Das Ende des „Open Broadcast Network“ OBN in Bosnien-Herzegowina stellt lokale und regionale Sender vor neue Fragen. Entsprechende Projekte für die Modernisierung der Infrastruktur und eine Vernetzung von unten liegen auf dem Tisch und werden von der NGO-Koordination unterstützt.
  • Das Alternative Fernsehen ATV Banja Luka, die professionell und kommerziell erfolgreichste Station in Bosnien-Herzegowina hat Probleme, weil die Regierung das Gebäude, in dem die Station untergebracht ist, im Rahmen der Privatisierungen verkaufen will. Das NGO-Netzwerk wird ATV helfen, dieses Problem zu lösen.
  • Das Radionetzwerk DRINA in Ostbosnien wird von der Medienhilfe Ex-Jugoslawien schon seit längerem unterstützt. Die positiven Resultate dieser Arbeit führen dazu, dass auch andere Organisationen Unterstützung zusagen.
  • ANEM, das Netzwerk unabhängiger elektronischer Medien in Serbien, geht angesichts der verbesserten Rahmenbedingungen zielstrebig auf eine Strukturreform zu. Entscheidungsstrukturen werden geklärt und entflochten, Mitgliederreglemente angepasst usw. ANEM erhält in diesem Prozess finanzielle und rechtliche Unterstützung.
  • Die unter anderem von der Medienhilfe Ex-Jugoslawien finanzierte Rotationsdruckerei RotoSlog in Montenegro wird per Gerichtsbeschluss auf die Strasse gestellt. Der alte Mietvertrag wurde gekündigt und RotoSlog muss schnell eine neue Lösung finden. Geplant ist der Kauf eines günstigen Stücks Land ausserhalb der Stadt und der Aufbau einer Aluminiumkonstruktion für den Produktionsbetrieb.
  • Das Radionetzwerk unabhängiger Stationen in Montenegro UNEM präsentiert verschiedene Projekte zur elektronischen Vernetzung der beteiligten Sender. Der Verband der Printmedien MontPress ist zudem auf finanzielle Unterstützung in der Beschaffung von Druckpapier angewiesen.
  • In Mazedonien kommen unabhängige Medien immer mehr unter Druck der Regierung. Vor allem im Bereich der Mediengesetzgebung besteht dringender Handlungsbedarf. Zudem bestehen verschiedene interne und grenzüberschreitende Vernetzungsprojekte elektronischer Medien, die um Unterstützung anfragen.

 

Für alle diese Projekte bitten wir auch um Ihre Unterstützung. Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien trifft sich am 15. Dezember erneut mit ihren Partnerorganisationen in Brüssel, um die Unterstützungsleistungen zu konkretisieren. Mit Ihrer Hilfe kann auch aus der Schweiz viel für den Aufbau eines unabhängigen und professionellen Medienschaffens getan werden. Für Ihre Spende auf PC 80-32253-9, Medienhilfe Ex-Jugoslawien, bedanken wir uns bestens.

 

 

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