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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Neue Zürcher Zeitung NZZ vom 24. Januar 1999:

Neue Rolle für neues Kosovo-Fernsehen  

Schweizer Beitrag zum Aufbau eines «service public»  

Mit Schweizer Hilfe und unter Schweizer Leitung wird das Fernsehen von Pristina neu aufgebaut. Es soll als «service public» funktionieren, als unabhängiges Informationsmedium für eine Bürgergesellschaft, nicht als Propagandainstrument für eine Regierung oder Partei.

awy. Pristina, im Dezember

Das Fernsehstudio steht im Stadtzentrum von Pristina. Das Hochhaus gehört zu den Monumenten kommunistischer Herrschaft und Repräsentation. Es wurde errichtet in den frühen siebziger Jahren, im Zeichen des sozialistischen Aufbaus in der Anfangszeit der Kosovo-Autonomie, zusammen mit all den andern Klötzen: Bankenturm, Postturm, Zeitungsturm, Hotelturm, Sporthalle, Fussballstadion, Einkaufszentren, Regierungsgebäude, Polizeiwache, Universitätsbibliothek sowie Wohntürmen für die Nomenklatura. Das Fernsehgebäude hat die Zeit des Abbaus unter Milosevic und den Krieg einigermassen überstanden. Zehn Jahre lang stand es grösstenteils leer, es wurde darin nicht mehr gearbeitet. Die Räume waren entsprechend verwahrlost. In einem Gebäudeteil gab es einen Brand, verursacht durch einen Bombentreffer der Nato. Der Lift steht still.

  Abschied vom sozialistischen Moloch  

Seit September wird hier mit bescheidensten Mitteln wieder Fernsehen gemacht, ein Rumpfprogramm von zwei Stunden am Tag, hauptsächlich in albanischer Sprache, einige Minuten auch in serbischer und türkischer. Im Haus selbst werden Nachrichten und Reportagen zu Kosovo produziert. Das Studio besteht aus einem kleinen Raum mit zwei «Bühnen»: In einer Ecke steht ein Pult für den Nachrichtensprecher, in einer andern stehen zwei Sessel und ein Tischchen für Gesprächsrunden, dazu Kamera und Lampen – mehr hat nicht Platz. Auf grosses Interesse stossen offenbar Diskussionssendungen mit Prominenten der Politik: Thaci, Rugova, Demaci und weitere sassen schon im Studio und erhielten viele Anrufe von Zuschauern. Für Exkursionen ins Feld gibt es zwei alte Reportagewagen. Auslandnachrichten werden von Sky-News übernommen, auf englisch. Das Programm wird ausschliesslich über Satellit verbreitet, und zwar über denjenigen Satelliten, den auch das albanische Fernsehen benützt. Die Sendeanlagen am Boden sind durch Bomben zerstört.

Das Fernsehen von Pristina heisst neu «Radio Television Kosovo» (RTK 1). Es hat eine Konzession der Uno-Verwaltung und arbeitet als eigenständige Firma mit öffentlichem Auftrag nach dem in Europa üblichen Modell. Generaldirektor ist Eric Lehmann, sonst Präsident des öffentlichen Schweizer Fernsehens. Er hat die Aufgabe, das Fernsehen in Kosovo aufzubauen; nach einem Jahr will er sich wieder seiner Arbeit in der Schweiz zuwenden. Derzeit hat RTK 1 insgesamt etwa 100 Angestellte, einschliesslich Radio und Verwaltung. Der Personalbestand soll auf 400 ausgebaut werden. In den alten Zeiten, bis 1990, war das ein Grossbetrieb. Er hatte im Zeichen sozialistischer Aufblähung insgesamt etwa 3000 Angestellte, wovon 1300 in der Fernsehabteilung. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich Konfliktpotential. Die alten Angestellten wurden im Zeichen ethnischer Diskrimination auf unrechtmässige Weise entlassen. Jetzt sind sie der Meinung, dass sie Anspruch auf eine Stelle haben. Aber für so viele Leute gibt es keinesfalls genug Arbeit und also auch nicht genug Stellen in einem Unternehmen, das später finanziell selbsttragend sein soll. Zudem sind Journalisten, die unter sozialistischen Bedingungen ihr Handwerk erlernten, für Medienarbeit unter demokratischen Vorzeichen nur beschränkt zu verwenden.

  Junge Leute mit moderner Einstellung  

Lehmann will nicht den alten Moloch neu aufbauen, sondern einen modernen «service public» schaffen. Er hat darum in der Startphase vorwiegend junge Leute beim Kosovo-Fernsehen angestellt, Leute mit moderner Einstellung, um mit ihnen von Anfang an ein modernes Klima zu schaffen, wie er sagt. Das Team unter dem Chefredaktor Avni Spahiu lobt er als «sehr offen». «Es gibt ein grosses intellektuelles Potential in diesem Land. Die Jungen haben Ideen, sie entwickeln Projekte, sie bewegen sich, sie arbeiten selbständig.» Neuerdings stossen vermehrt auch frühere Mitarbeiter zum Team. Zum Schluss soll das Verhältnis zwischen Jungen und Alten ausgewogen sein. Offenbar sind die Journalisten und auch andere Angestellte starkem Druck in der albanischen Öffentlichkeit ausgesetzt, einerseits von seiten früherer Angestellter, die keine Stelle haben, anderseits von politischen Kreisen, die Einfluss auf die Programminhalte nehmen wollen. Lehmann sieht dahinter einen Generationenkonflikt in der kosovo-albanischen Gesellschaft.

Die serbischen Mitarbeiter sind akut gefährdet. Sie haben Pristina verlassen und wohnen jetzt in der serbischen Enklave von Gracanica. Einige kommen noch zur Arbeit, sie brauchen aber Geleitschutz für den Arbeitsweg. Es mangelt an serbischen Fernsehpräsentatoren. Eine einzige Serbin getraut sich, ihr Gesicht auf dem Bildschirm zu zeigen. Sie ist mit einem Albaner verheiratet und hat einen albanischen Namen; zudem hat sie die Flucht nach Mazedonien mitgemacht. Sie ist daher wohl einigermassen sicher.

Die Berichterstattung orientiert sich an den Maximen Unabhängigkeit, Ausgewogenheit, Respekt für Minderheiten. So ist es im Regelwerk über die Rechte und Pflichten der Journalisten festgelegt. Aus- und Weiterbildung gehören zum Arbeitsalltag. Da geht es um das Handwerk und auch um die Haltung. Reflexe der Obrigkeitshörigkeit sind nur schwer aus den Köpfen zu verbannen. Die Journalisten müssen lernen, in eigener Verantwortung Gewichtungen vorzunehmen. Sie sollen zum Beispiel Bernard Kouchner als Chef der Uno-Verwaltung dann prominent ins Bild setzen, wenn er etwas Wichtiges getan oder gesagt hat, aber sie sollen nicht im alten jugoslawischen Stil die Nachrichten stets mit seinem Namen beginnen. Dasselbe gilt für die einheimischen politischen Koryphäen. Ihre Ämter und Titel werden von der Uno-Verwaltung nicht anerkannt und somit am Fernsehen nicht erwähnt. «On dit monsieur à tout le monde!» lautet die Hausregel nach Lehmann.

  Ausländische Starthilfe  

RTK 1 wird kein Monopolbetrieb sein. Es sind zwei neue Studios geplant, die auch andern Fernsehanbietern für eigene Produktionen zur Verfügung stehen sollen. Verschiedene lokale Medienunternehmen wollen ins Fernsehgeschäft einsteigen. Für die Ausrüstung hat die japanische Regierung eine Materialhilfe von acht Millionen Dollar zugesagt. Den laufenden Betrieb haben bisher vor allem die schweizerische, die niederländische und die norwegische Regierung finanziert, mit zusammen drei Millionen Mark. Lehmann hofft für die Zukunft auf regelmässige Einnahmen durch Fernsehgebühren; diese sollen nach seinem Vorschlag zusammen mit den Gebühren für Wasser und Strom erhoben werden. Weitere Einnahmen können mit Werbung und mit Vermietung von Büroraum erzielt werden. Der Fernsehturm wird derzeit von oben bis unten renoviert, Etage um Etage – die leere Gebäude-Hülse wird mit neuen Inhalten gefüllt.

 

siehe dazu die Kritik der Medienhilfe Ex-Jugoslawien an der Medienpolitik der internationalen Gemeinschaft im Kosov@.

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