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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Weltwoche, Ausgabe Nr. 18/00, 4.5.2000

http://www.weltwoche.ch/inframe.html?ref=http://www.weltwoche.ch/1800/18.00.au_medienhilfe.html

Wie sag ich’s meinem Feind?

Die Schweiz finanziert in Pristina ein freies Radio ­ die Kosovaren hören weg

Von Bernhard Odehnal

Meinungsvielfalt statt Hetzkampagnen: Fernsehstudio «RTK» in Pristina Kosovo im Jahre eins nach der Apokalypse. Alles ist zerstört. Die Medienlandschaft ein Trümmerfeld. Nationalistische Zeitungen geben den Ton an. Eine einzige Radiostation hat sich dem unabhängigen, multiethnischen Journalismus verpflichtet. Dank ihrer hochqualitativen Produktionen kann sich das Gute durchsetzen. Frieden und Toleranz gewinnen gegen Gewalt und Nationalismus.

Etwa so müssen sich die Mitarbeiter von «Radio Blue Sky» ihre Mission vorgestellt haben, als sie vergangenen September in Pristina auf Sendung gingen. «Blue Sky» soll Albaner und Serben ansprechen. Alle Nachrichten werden auf Englisch, Albanisch und Serbisch gelesen, es gibt nur internationale Musik, um nicht die eine oder andere Gruppe zu vergrämen. Die Schweiz finanziert das Projekt über die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) mit zwei Millionen Franken. Mit der Durchführung wurde die Lausanner Fondation Hirondelle beauftragt. Die 1996 gegründete Stiftung hat sich einen guten Ruf beim Aufbau von Radiostationen in Rwanda und Liberia erworben.

Ihr Radio im Kosovo dürfte sich hingegen kaum als Referenz für künftige Projekte eignen. «Blue Sky» gilt unter Albanern und Serben als Propagandainstrument des unbeliebten Uno-Verwalters Bernard Kouchner. Wer sich in Pristina etwas umhört, bekommt schnell den Eindruck, dass «Radio Kouchner», wie die Station bei den Kosovaren heisst, zwar bekannt ist, aber nicht gehört wird.

Dieser Tage verhandeln die «Blue Sky»-Verantwortlichen über eine Fusion mit dem öffentlich-rechtlichen «Radio Kosovo» (RTK). Das ambitionierte und hochsubventionierte Radioprojekt kann wahrscheinlich nicht einmal mehr seinen ersten Geburtstag feiern. Wurden die zwei Millionen Franken in den Sand gesetzt?

Stimme zur Portierung der Toleranzbotschaft «Blue Sky» sei immer nur als Übergangslösung geplant gewesen, erklärt Reinhard Voegele, Sprecher der Deza: «Uns ging es darum, der Unmik eine Stimme zu geben, mit der sie schnell und aktuell ihre Botschaft unters Volk bringt.» Ein ähnliches Konzept hat die Deza schon in Bosnien realisiert: In Zusammenarbeit mit der OSZE finanzierte sie ab 1996 das «Free Election Radio Network» (Fern). «Radio Fern» wurde nach Startschwierigkeiten zu einem gut beachteten Sender ­ nachdem es mit Löhnen, die ein Vielfaches über dem Ortsüblichen lagen, den lokalen Medien die Journalisten abgeworben hatte.

Radios und Zeitungen, die im Sinne von «Fern» unabhängig informierten, hatte es im bosnischen Krieg sehr wohl gegeben. Auch im Kosovo betraten die Helfer aus dem Westen keineswegs mediale Wüste: Unabhängige Medien wie die Tageszeitung «Koha Ditore» oder der Sender «Radio 21» kehrten schon in den ersten Tagen nach Kriegsende in das Kosovo zurück. Aber auch die albanische Befreiungsarmee UCK griff nach den Medien: Sie setzte loyale Journalisten als Direktoren lokaler Radiostationen ein, die seither ihr nationalistisches Programm abspulen und Stimmung gegen Serben, Roma und politisch Andersdenkende machen. Nur in wenigen Fällen schritt die internationale Schutztruppe Kfor ein und beschlagnahmte Sendegeräte.

Während albanische Hardliner ihr Mediennetz ausbauten, verlor sich die Medienpolitik der internationalen Verwaltung in Planlosigkeit. Es dauerte Monate, bis entschieden wurde, dass die OSZE eine öffentlich-rechtliche Radio- und TV-Station namens RTK einrichten und Lizenzen an private Medienbetreiber vergeben sollte. Die internationale Verwaltung (Unmik) fürchtete, dass ihre Botschaft von Toleranz und Zusammenleben untergehen würde. Eine eigene Unmik-Stimme musste her. Das erste Konzept, albanischen und serbischen Sendern Unmik-Nachrichten zu verkaufen, scheiterte, weil kein Sender am Angebot interessiert war. Also startete Unmik eine eigene Radiostation, finanziert über die Deza, betrieben von Hirondelle.

«Blue Sky» mache ein «unabhängiges Programm nach westlichem Muster: Viel Musik, kurze News», betont Projektleiterin Thérèse Obrecht. Unmik bekomme für ihre Nachrichten nur Sendezeit, die von einem eigenen Uno-Team gestaltet und in der Sendung klar deklariert sei. Kritik nimmt sich die ehemalige Moskau­Korrespondentin von «Radio DRS» nicht zu Herzen: «Wer uns hört, findet uns gut, wer nicht, findet uns Scheisse.»

Unabhängig? Im Abkommen zwischen der Schweiz und der Uno wird festgelegt, dass das Studio unter der Weisungsgewalt des Unmik-Presse- und Informationsbüros steht und dass Unmik die «redaktionelle Kontrolle» über das Programm hat. Ausserdem kann die Uno über die weitere Verwendung des technischen Geräts nach Ablauf des Vertrags entscheiden.

Die Schweiz unterstützt also ein Uno-Radio, dessen Nutzen für den Aufbau einer unabhängigen Medienlandschaft nicht klar ersichtlich ist. Bei der für Medienentwicklung zuständigen OSZE war man von Anfang an nicht glücklich über die Idee eines eigenen Unmik-Radiosenders: Mit Entwicklungsarbeit und nachhaltigen Investitionen habe dieses Projekt nichts zu tun, meint ein OSZE­Mitarbeiter. Es werde viel Geld in eine Medienstrategie gepumpt, «die keinen Bodenkontakt hat», findet auch Roland Brunner von der schweizerischen «Medienhilfe Ex-Jugoslawien», die ihrerseits mehrere private Radiostationen und Zeitungen im Kosovo unterstützt und sich über mangelnde Hilfe aus Bern beklagt: «Blue Sky» hat zwei Millionen bekommen, aber unsere Projekte bleiben liegen.»

Heute gibt es im Kosovo sechs Tageszeitungen, unzählige Wochenmagazine, rund dreissig lokale Radiostationen und zwei TV-Stationen. Internationale Sender wie «Deutsche Welle», «Radio Free Europe» oder «BBC» haben eigene serbisch- und albanischsprachige Programme. Thérèse Obrecht behauptet zwar, «Blue Sky» sei das «einzige multiethnische Radio im Kosovo». Tatsächlich betreiben neben Unmik auch Kfor und der serbische Medienverbund «Radio Kontakt» mehrsprachige Radiostationen. Die Mitarbeiter von «Radio Kontakt» waren kürzlich Ziel eines Granaten-Angriffs. Auf diese Art der Medienrepression hatte die Unmik nur eine verzweifelte Antwort: Sie evakuierte die Serben am nächsten Tag in den serbischen Teil des Kosovo.

Fusion der Erfolglosen

In den albanischen Medien ist der Angriff auf die Medienfreiheit subtiler. «Koha Ditore» oder «Radio 21» sind zwar politisch unabhängig und gehören deshalb zu den Lieblingen westlicher Geldgeber. Sie alleine werden aber für eine faire Berichterstattung nicht ausreichen. Im Oktober sollen die Kosovaren ihre Gemeindevertreter wählen, im nächsten Jahr das Regionalparlament. Uno und OSZE fürchten nationalistische Hetzkampagnen der Medien. Die meisten einheimischen Zeitungen und Radiostationen stehen entweder der UCK oder dem ehemaligen Präsidenten Ibrahim Rugova nahe.

Auch im öffentlich-rechtlichen Sender «RTK» steckt Schweizer Hilfe. Der Bund zahlt 280 000 Franken für Betriebskosten und das Gehalt des «RTK»-Leiters und ehemaligen SRG-Direktors Eric Lehmann. Doch auch dieses Projekt will nicht so recht anlaufen. Der Sender hat noch immer einen schlechten Ruf aus den Tagen, als er unter dem Namen «Radio Pristina» serbische Propaganda verbreitete. «RTK-Fernsehen» sendet zwei Stunden täglich ­ und ist nur über Satellit zu empfangen.

Jetzt also verhandeln zwei erfolglose Unternehmen, «RTK» und «Blue Sky», über ihre Fusion. Alle Beteiligten haben ihre eigenen Vorstellungen von Medienhilfe im Kosovo: Thérèse Obrecht will «Blue Sky» als eigenständigen Sender weiterführen. Die Deza hat laut Voegele «zum heutigen Zeitpunkt die Absicht», «Radio Blue Sky» weiter zu finanzieren, doch werde auch die Finanzierung eines zweiten Radiosenders unter «RTK»-Dach diskutiert. Und «RTK» möchte von «Blue Sky» am liebsten nur eines: das technische Gerät.

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