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Fragezeichen zur Hofberichterstattung Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling Am 14. April erschien in der Neuen Zürcher Zeitung ein Artikel von Matthias Böhni: "Erste (Medien-)Hilfe in Krisengebieten. Die Westschweizer Stiftung Fondation Hirondelle". Der Beitrag ist mehr Hofberichterstattung als journalistische Arbeit, verzichtet er doch auf jede kritische Fragestellung. "Die noch junge, weltweit tätige und durchaus erfolgreiche Nonprofit-Organisation", so wird die Fondation Hirondelle bezeichnet. Kein Wort verliert Böhni darüber, dass die Arbeit der Schwalbe (Hirondelle) schon mehrmals das Ziel von Kritik war oder dass der arme Vogel kurz vor dem Verhungern war, als er sich mit einem neuen Radioprojekt ins Kosovo-Nest setzen konnte. Die Stiftung stand damals im Sommer 1999 vor dem Aus. Seit Monaten waren keine Löhne mehr bezahlt worden und man diskutierte ernsthaft die drohende Auflösung der Stiftung. Um so erbitterter kämpfte man um den möglichen Auftrag, im Namen der UNO und mit Geldern der Schweiz im Kosovo tätig zu werden. Das Projektpapier für den Sender, der in Pristina aufgebaut werden sollte, umfasste knappe zwei Seiten und zeichnete sich vor allem durch eines aus: absolute Unkenntnis der Mediensituation im Kosovo. Dafür war das Budget dann entsprechend umfangreicher: Rund 2 Millionen Franken brauche am, um die Arbeit leisten zu können. "Gedacht war es (das UNO-Radioprojekt) zunächst als Produktionsstudio für lokale Sender ('Studio Unmik'). Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde daraus aber ein eigener Sender, 'Blue Sky'. Seit dem 1. Oktober 1999 ist 'Blue Sky' im grösseren Umkreis von Pristina rund um die Uhr zu empfangen." Was aber die Probleme waren, die den Aufbau eines eigenen Senders erforderlich scheinen liessen, dazu schweigt der NZZ-Autor. Deshalb hier ein Nachtrag: Eigentlich war zuallererst ein Radio mit eigenem Sendebetrieb vorgesehen. Erst verschiedene scharfe Interventionen - unter anderem auch der Medienhilfe Ex-Jugoslawien - bei Hirondelle und der Schweizer Regierung veranlasste die Stiftung, den Vorschlag der Medienhilfe zu akzeptieren und das Projekt auf ein Produktionsstudio zu reduzieren. Also produzierte man Kassetten mit Sendungen, die der Informationspflicht der UNO genüge tun sollten. Nur waren diese Sendungen so schlecht, dass sich einige lokale Radiostationen weigerten, die Sendungen zu übernehmen. Einerseits habe man all das, was wichtig sei, sowieso schon im eigenen Programm gehabt, und andererseits fehle es den Sendungen an Pepp in der Aufbereitung. Lokale Radioleute meinten gar, die Sendungen hörten sich an wie die Berichterstattung aus den Sitzungen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Langes Gerede abgelesen vom Blatt ohne Sprechausbildung, fehlende Dynamik im Schnitt, Langeweile pur. Da mehrere lokale Stationen die Programme nicht mehr ausstrahlen wollten, musste man sie selber senden. Da sie aber auch niemand hören wollte, ging auch diese Übung am Ziel vorbei. "Gemäss Jean-Marie Etter (Präsident des Stiftungsrates) kommt das Programm gut an", schreibt Böhni. Nun, dass Etter das so sieht, mag stimmen. Und es stimmt tatsächlich, mindestens was rein radiotechnisch den Empfang und die Sendequalität in Pristina betrifft. Nur: Gehört wird der Sender nicht, wie alle bisher von der internationalen Gemeinschaft bei den Umfragespezialisten Gallup in Auftrag gegebenen Untersuchungen zeigen. "Die professionelle Leistung von 'Blue Sky' wird auch von der DEZA gelobt", heisst es weiter im NZZ-Beitrag. Herr Felix von Sury, von dem dieses Lob stammt, ist zugleich zuständiger DEZA-Chef der Sektion, die das Projekt finanziert. Da hinter Hirondelle Leute mit Rang und Namen stehen, ist eine seriöse Projekterarbeitung nicht so wichtig. Die Namen bürgen für Qualität, scheint man sich zu sagen. Die Realität beweist das Gegenteil. Auch wenn Böhni in seinem Artikel von "Kriterien eines unabhängigen Qualitätsjournalismus" spricht und die Stiftung zitiert ("Making news reporting into an instrument of peace"), so zeigen das Projekt selber sowie die konkrete Arbeit vor Ort nichts davon. Wer schon einmal im Kosovo war und dort mit Leuten gesprochen hat, wird sich schnell ein anderes Bild machen: Während normale Leute noch nie etwas von dieser Stiftung und ihrem Radio gehört haben, kritisieren lokale Medienschaffende die Arbeit von Blue Sky scharf: unprofessionell, diletantisch, ja oft direkt bedrohend für die lokalen Medienprojekte, indem man einen wichtigen Teil internationaler Gelder abzieht, die sonst lokalen Projekten zur Verfügung stehen könnten. "Überdies war in Kosovo vor allem zu Beginn die medienpolitische Situation alles andere als klar." Wem war die Situation nicht klar? Etwa den Verantwortlichen von Hirondelle, die noch nie in ihrem Leben im ehemaligen Jugoslawien geschweige denn im Kosovo waren? Oder Thérèse Obrecht, die als Projektleiterin vor Ort die Arbeit übernahm? Sie erzählte uns bei einem internationalen Treffen von Medienorganisationen in Pristina, wie frustrierend die Arbeit sei. Vorher in Russland hätten sich alle darüber gefreut, dass sie gekommen sei, aber hier wolle sie gar niemand. Wohl kein Wunder, denn in Russland setzte sich Frau Obrecht auch nicht als Chefin an die Spitze eines neuen Senders, der in direkter Konkurrenz zu bestehenden unabhängigen und professionellen Stationen steht. Zudem ist Kosovo nicht medienmässiges Entwicklungsland. Die Region verfügt über eine viele hochqualifizierte und professionelle Medienschaffende und Medienprojekte. Wenn die "medienpolitische Situation alles andere als klar" war, dann wohl, weil es an Leuten fehlten, die die Situation kennen. Wenn aber 'Blue Sky' wirklich so ein Erfolg wäre, weshalb soll es denn nun eingestellt werden? "Inzwischen zeichnet sich gemäss von Sury ab, dass 'Blue Sky' noch heuer ins RTK (Radio Television Kosova) integriert wird", schreibt Böhni. Schuld daran seien die technische Probleme: "die alltäglichen Schwierigkeiten in einem kriegsversehrten Land" wie "Stromausfälle, mangelhafte Heizung im Winter, Gefahr für Leib und Leben bei Unruhen". Ach ja, da sind dann noch die "Unklarheiten auf organisatorischer Ebene" und die "Probleme" bei der "Rekrutierung von Medienschaffenden". Gescheitert ist 'Blue Sky' also an seiner technischen Unfähigkeit, während das Radioprogramm von RTK in den letzten Monaten ständig an Qualität und Profil gewonnen hat? Um so schlimmer, möchte man sagen, wenn nicht einmal das geklappt hat. Aber die Wirklichkeit ist noch viel ernüchternder: Seit Beginn ist offensichtlich, dass dieses Projekt an den konkreten Problemen vorbeizielt und dass hier Leute am Werk sind, die vielleicht die technischen Voraussetzungen mitbringen, ein Radio im kriegsversehrten Niemandsland zu betreiben, die aber keine Ahnung von der Umgebung haben, in die sie sich hier eingelassen haben. Deshalb ist die OSZE und das von ihr betriebene Radio RTK auch alles andere als darauf erpicht, die Trümmer von 'Blue Sky' einzusammeln. Alles halb so schlimm. "Die Schwalbe fliegt schon weiter. Ein weiteres Radio, finanziert von der belgischen Regierung und der Unesco, soll bald in Angola senden, und in der Zentralafrikanischen Republik, in der Stadt Bangui, hat Hirondelle vor kurzem einen Sender von der Uno übernommen." Die Schwalbe fliegt weiter und verspricht irgendwo sonst einen blauen Himmel. Hoffen wir, dass sie sich im dortigen Medienhorizont besser auskennt, um sich nicht zu verfliegen wie im Kosovo. Die Aufgabe, der sich Hirondelle gewidmet hat, ist wichtig und dringlich genug. Die Geschichte von Radio 'Blue Sky' im Kosovo erinnert sehr an die Erfahrungen mit Radio FERN, dem "Free Election Radio Network", das mit Schweizer Geldern in Bosnien betrieben wurde. Auch damals verteidigte man das Projekt auf Biegen und Brechen gegen unsere Kritik. Heute steht niemand mehr zum damals "geleisteten". Offen bekennt man heute ein, dass das ganze ein riesen Flop war, in dem viel Geld verbuttert wurde. Wie lange wird es wohl dauern, bis man sich dies auch für 'Blue Sky' eingesteht und vor allem, bis man die nächsten Projekte vielleicht mit Leuten abklärt, die die Situation und die Bedürfnisse kennen? Wir sind gerne bereit, Hand zu bieten zu guten Projekten, die mit viel weniger Geld viel mehr bewirken können. Roland Brunner, Medienhilfe Ex-Jugoslawien weitere Informationen auf der Homepage der Medienhilfe Ex-Jugoslawien: Media-Fuzz in Pristina: Swiss Flag on UN-Radio? Verschiedene Hintergrundbeiträge, Briefe und Artikel unter http://www.medienhilfe.ch/News/Archiv/1999/KosoWar/un-Radio.htmPresseerklärung der Medienhilfe Ex-Jugoslawien zum Schweizer Projekt eines "Unabhängigen Wahlradios in Bosnien-Herzegowina", Zürich, 12. Juli 1996 unter http://www.medienhilfe .ch/Briefe/mhfern1.htm |
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