Die abrupte Kehrtwende der «Politika»
Das Kampfblatt des Milosevic-Regimes wird demokratisch
Buchstäblich über Nacht hat sich die Belgrader
Tageszeitung «Politika» vom Hetzblatt des Milosevic-Regimes zum Tugendwächter
journalistischer Ethik und pluralistischer Diskussion gewandelt. Dabei
sitzen immer noch die gleichen Leute an den Redaktionspulten wie vor der
Revolution; nur die Führung wurde ausgewechselt.
Von unserem Südosteuropa-Korrespondenten Andres Wysling
Der Chefredaktor und seine Getreuen seien über eine Feuerleiter aus
dem Redaktionsturm geflohen und in einem Kleinbus unter Polizeischutz
weggebracht worden - so wird es von Redaktoren der Belgrader Tageszeitung
«Politika» kolportiert. Die Anekdote ist zu schön, um wahr zu sein. Die
Portiers vom Betriebsschutz haben den Abgang des Chefredaktors am
Revolutionstag in Belgrad selbst gesehen. Sie erzählen, der Chefredaktor
habe am Donnerstag, dem 5. Oktober, um sechs Uhr abends das Hochhaus
ganz einfach durch einen Hinterausgang verlassen und sei mit seinem Auto
davongefahren. Seither hat man ihn nicht mehr gesehen. Niemand weiss, wo
Hadzi Dragan Antic ist.
Ein Volksheld hat Angst
Früher war der Hauptlift für die Direktion reserviert. Jetzt steht er
allen zur Verfügung. Die Belgrader Lokalredaktion befindet sich im zwölften
Stock. Hier arbeitet der 29-jährige Polizeireporter Milan Galovic. Im
letzten Jahr, während der Nato-Bombardierungen, war er beinahe ein
Volksheld, denn er hatte als Schütze der Fliegerabwehr einen Harrier
getroffen; das Flugzeug musste in Bosnien notlanden. Die jugoslawischen
Zeitungen berichteten über ihn, und später wurde er sogar von CNN
interviewt. Dieses Jahr machte Galovic wieder Schlagzeilen. Er veröffentlichte
einen üblen Artikel unter dem Titel «Otpor: nervlich labile Personen,
bekannt als Straftäter». DerArtikel beschrieb drei namentlich genannte
Aktivisten der Oppositionsgruppe Otpor (Widerstand) als Psychopathen,
Homosexuelle, Schwarzhändler. Daneben stand das Faksimile einer
psychiatrischen Diagnose.
Galovic erzählt, wie es zu dieser Entgleisung kam. Er sei am
Sonntagnachmittag, dem 7. Mai, dringend auf die Redaktion gerufen
worden. Dort habe ihn der Chefredaktor telefonisch beauftragt, einen
Artikel über Otpor-Aktivisten in Pozarevac zu schreiben, auf der
Grundlage eines Polizeiberichts, der per Fax eingetroffen war. In
Pozarevac hatte es wenige Tage zuvor bei einer Begegnung zwischen
Otpor-Mitgliedern und Schlägertypen des Präsidentensohnes Marko
Milosevic blutige Köpfe gegeben; das war damals eine Staatsaffäre. Die
Aufgabe sei ihm nicht angenehm gewesen, erklärt Galovic. Er habe aber
nicht ablehnen können. Er habe Angst gehabt um seine Stelle und sein
Einkommen. So habe er einen Einleitungstext über die Ereignisse in
Pozarevac geschrieben und den Fax mit dem Bericht über die
Otpor-Aktivisten daran gehängt, ohne weitere Bearbeitung. Alles zusammen
sei dann mit seinen Initialen erschienen. Den Titel habe der Chefredaktor
gesetzt; dieser habe auch das Faksimile dazugestellt.
Tiefschläge aus dem Nichts
Der Artikel fand im In- und Ausland grosse Beachtung, als Beispiel für
die menschenverachtende Berichterstattung der «Politika» und des ganzen
Medien- und Propagandaapparats des Regimes Milosevic. Heute bekennt
Galovic, dass er einen Fehler gemacht hat, und er ist bereit, die
Verantwortung dafür zu übernehmen, nötigenfalls auch vor Gericht. Eine
Kollegin von ihm berichtet, er sei nach der Veröffentlichung seines
Machwerks wochenlang nur noch apathisch herum gesessen; die Sache habe
sehr an ihm genagt. Wie haben die Kollegen reagiert? «Hier im Hause nett.
Sie bedauerten mich, weil es mich getroffen hatte. Sie waren ja auch ein
Teil dieses Systems, sie kannten es, sie wussten, wie so etwas läuft.»
Ausserhalb des Hauses gab es keine direkten Reaktionen. Viele Journalisten
schrieben über den Fall, aber kein einziger befragte Galovic dazu, was
diesen ziemlich verwunderte. Nur der Anwalt einer Oppositionsgruppe rief
ihn an. Einen direkten Kontakt zu seinen Opfern hatte Galovic bisher
nicht.
Es wurden in den Monaten vor den Wahlen noch mehrere üble Artikel
publiziert, jedoch allesamt unter fiktiven Kürzeln. Niederträchtigkeitund
Feigheit - das war der Stil der «Politika». Berühmt wurde ein Angriff
gegen den Oppositionskandidaten und jetzigen jugoslawischen Präsidenten
Kostunica, in welchem dieser als perverserKatzenliebhaber dargestellt
wurde, der keine Kinder zustande bringe. Niemand im Haus will wissen, wer
diese Perfiditäten schrieb. «Sie wareneinfach da», sagt die
Kulturredaktorin Zorana Suvakovic. Doch dann war plötzlich alles
anders:Sie selbst hat vor kurzem einen Artikel über Kostunica geschrieben
und mit vollem Namen gezeichnet, unter dem Titel: «Bei Rot hält der Präsident
immer an.» Da erschien das Staatsoberhaupt im besten Licht, als
einfacher, bescheidener, gesetzestreuer Bürger.
Langes Hoffen auf eine Änderung
Suvakovic gehört nach eigener Aussage zu denen, die bei der «Politika»
geblieben sind, obwohl sie mit dem politischen und journalistischen Kurs
des Blattes eigentlich nicht einverstanden waren. Intern wurde sie ins
Abseits geschoben; sie war zuständig für internationale Kultur. Warum
hat sie nicht gekündigt? «Die ‹Politika› hatte früher einen guten
Ruf, sie war fast die älteste und wahrscheinlich auch die beste Zeitung
auf dem Balkan. Wir fühlten uns dem Blatt zugehörig. Wir dachten, die
Situation werde sich schon wieder ändern. Aber sie änderte sich dann
eben lange nicht.» Und wie kommt Suvakovic jetzt mit der politischen
Umstellung des Blattes zurecht? «Manchmal habe ich Zweifel, ob die Leute
uns überhaupt glauben, wenn wir jetzt das Gegenteil von dem schreiben,
was wir früher immer geschrieben haben.»
Ein Qualitätssturz mit Folgen
Die Kulturredaktion befindet sich im achten Stock des «Politika»-Hochhauses.
Hier haben auch die Photographen ihre Arbeitsplätze. Der berühmteste von
ihnen ist Dragan Jevremovic, der Hofphotograph Slobodan Milosevics. Er war
jeweils als Einziger zu den offiziellen Terminen im «Weissen Schloss»
zugelassen. Mit seinem Foto-Monopol und seinen Copyright-Einnahmen hat er
den Neid mancher Kollegen hervorgerufen. «Er hat wahrscheinlich gut
verdient, während wir schauten, wie wir mit unseren Löhnchen über die
Runden kamen», sagen sie etwa. Jetzt muss Jevremovic sich andern Sujets
zuwenden. Zuletzt hat er die Gänse im Stadtpark photographiert. Die Tage
des politischen Umbruchs in Jugoslawien waren begleitet von endlosen
Sitzungen in der «Politika». Die redaktionelle Hierarchie wurde
umgebaut, unter Führung des Krisenstabs. Das gesamte Personal blieb, aber
es wurde eine neueÜbergangs-Redaktionsleitung eingesetzt. Sie besteht
hauptsächlich aus früheren Chefs, die abgesetzt worden waren. Zu ihnen
gehört der neue Auslandchef Momcilo Pantelic. Er arbeitet im fünften
Stock. 1992 und 1993 war er Chefredaktor, gewählt von der Redaktion.
Damals sei die «Politika», so erklärt er, erstmals und nur für kurze
Zeit eine parteiunabhängige Zeitung gewesen, auf kritischer Distanz zum
Regime. Unter grossem Druck sei er zurückgetreten, dann für einige Jahre
als Korrespondent ins ferne Chile gegangen.
Laut Pantelic brachte die Ära unter dem bisherigen Chefredaktor Hadzi
Dragan Antic - erwar gelernter Elektriker und hatte gute Beziehungen zu
Mariana Milosevic, der Tochter des Präsidentenpaares - einen Qualitätssturz
der «Politika», vor allem im Inlandteil: «Alle journalistischen
Standards waren ausser Kraft gesetzt. Die Sprache in den Kommentaren
kippte ins Vulgäre. In der Berichterstattung ging der Bezug zur Realität
unseres Landes verloren; es gab keine Berichte mehr über das, was in
unserem Leben vorkam und von Bedeutung war.» In verschiedenen Nischen
habe man noch einige Freiheiten gehabt, im Übrigen habe die Redaktion nur
noch auf Befehl von oben gehandelt: «Niemand hatte etwas zu sagen ausser
dem Regierungsapparat.» Die jahrelange Vernachlässigung oder
Verhinderung von journalistischer Eigeninitiative und Eigenverantwortung
zeitigt laut Pantelic jetzt, in der neuen Situation, schwerwiegende
Folgen: «Viele unserer Leute wissen gar nicht mehr, wie man schreibt.»
«Keine Zeit für Kommentare»
Auf derselben Etage arbeitet Radivoje Petrovic. Er hat sich in
Kommentaren und Kolumnen als Scharfschütze des alten Regimes hervorgetan,
zehn Jahre lang, zuletzt mit heftigen Attacken gegen «Verräter» und «Nato-Parteien»
und anderes antipatriotisches Gesindel. Er habe seine Meinung geschrieben,
in seiner eigenen Verantwortung, betont er. Mit dem Chefredaktor habe er
kaum je Kontakt gehabt. Erörterungen über sprachliche Entgleisungen hält
er für akademisch-überflüssig. Seine Sprache sei der Lage angemessen
gewesen. Schliesslich sei Serbien im Krieg gestanden und unter enormem
Druck. Sein Land und seine Familie seien gefährdet gewesen. «Ich hoffe für
euch, dass ihr nie in eine solche Lage kommt, wie wir sie hier erlebt
haben», fügt er an.
Derzeit berichtet Petrovic von Pressekonferenzen. Sonst schweigt er.
Seit dem Umsturz ist inder «Politika» kein einziger Kommentar mehr
erschienen. «Jetzt ist nicht die Zeit für Kommentare, jetzt ist die Zeit
für Informationen», sagt Petrovic. Es wäre nicht gut, wenn die Zeitung
jetzt mit Kommentaren hervorträte, wo sich ihr Standpunkt doch stark verändert
habe. Man könne nicht Position beziehen, solange man noch gar nicht
wisse, in welche Richtung die politische Entwicklung gehe. Er hoffe aber,
gelegentlich wieder Kommentare schreiben zu können.
Andauernder Machtkampf
Petrovic ist im Machtkampf um die «Politika» engagiert, der immer
noch in vollem Gange ist. Er will verhindern, dass die Demokratische
Opposition Serbiens und somit die künftige Regierung die redaktionelle
Linie vorgibt. Die Zeitung müsse jetzt unabhängig werden, findet er.
Zusammen mit Gesinnungsfreunden hat er einen neuenChefredaktor in
Vorschlag gebracht: Darko Ribnikar, den Korrespondenten in New York.
Dieser ist aufgefallen durch seriöse Analysen einerseits und
propagandistische Ausfälle anderseits - er kann auf beiden Klavieren
spielen. Er ist ein Abkömmling aus der Gründerdynastie; seine Mutter ist
Präsidentin des Verwaltungsrats. In diesem Gremium sind als Grossaktionäre
wichtige Staatsfirmen vertreten, etwa Jugopetrol, Beogradska Banka und die
Post von Serbien. Wahrscheinlich haben sie bisher das Defizit der «Politika»
getragen, aber offenbar weiss niemand über die Finanzen des Verlags
Bescheid. Jedenfalls muss die Zeitung seit der Wende sparen; ihr Umfang
hat auf die Hälfte abgenommen. Aber sie wird überleben - daran zweifelt
niemand.
Im Übrigen lief die Revolution vom 5. Oktober in der «Politika»
in grosser Ruhe ab, «fast unmerklich», wie ein Journalist sagt. Gut 60
von etwa 120 Redaktionsmitgliedern hatten in einer Resolution eine
journalistische Neuausrichtung des Blattes gefordert. Ein Streikkomitee
bereitete die Übergabe oder Übernahme des Betriebs vor. Am Abend des
Revolutions-Donnerstags forderte die Geschäftsleitung die Angestellten
auf, nach Hause zu gehen. Die meisten verliessen das Gebäude durch die
eine Tür, gingen um das Haus herum und durch die andere Tür wieder
hinein. Redaktoren und Setzer beschlossen, ihre Arbeit fortzusetzen. Sie
brachten am Freitag früh eine Sonderausgabe mit Berichten über die
Ereignisse auf den Strassen Belgrads heraus. Der Andrang der Leser vor der
Redaktion war so gross, dass in der Eingangshalle eine Scheibe zu Bruch
ging - das war der einzige Revolutions-Schaden am Gebäude der «Politika».
Eine Art Entschuldigung
Einen Tag später erschien auf der Frontseite eine Erklärung zuhanden
der Leser. Darin verpflichtete sich die Redaktion zur Achtung der «grundlegenden
menschlichen, politischen und journalistischen Tugenden». Leitlinie der
Berichterstattung seien Objektivität, Ausgewogenheit, Toleranz und Schutz
der Würde von Personen und Gruppen. Die Redaktion wolle einen Beitrag
leisten zur Überwindung der Krise, in der das Land sich befinde. In einem
Nebensatz wurde eingeräumt, die Krise sei zu einem guten Teil die Folge
der Missachtung solcher Tugenden - das sollte wohl eine Art Entschuldigung
sein. Im Übrigen wurde an die stolze Tradition der «Politika» erinnert,
die schon in ihrer ersten Ausgabevon 1904 die Aufgabe der freien und unabhängigen
Presse unterstrichen habe. An anderer Stelle wurde es etwas doppelbödig
so formuliert: «Die neue ‹Politika› ist die alte.»