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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

 Neue Zürcher Zeitung NZZ, 18. Oktober 2000

Die abrupte Kehrtwende der «Politika»

Das Kampfblatt des Milosevic-Regimes wird demokratisch

Buchstäblich über Nacht hat sich die Belgrader Tageszeitung «Politika» vom Hetzblatt des Milosevic-Regimes zum Tugendwächter journalistischer Ethik und pluralistischer Diskussion gewandelt. Dabei sitzen immer noch die gleichen Leute an den Redaktionspulten wie vor der Revolution; nur die Führung wurde ausgewechselt.

Von unserem Südosteuropa-Korrespondenten Andres Wysling

Der Chefredaktor und seine Getreuen seien über eine Feuerleiter aus dem Redaktionsturm geflohen und in einem Kleinbus unter Polizeischutz weggebracht worden - so wird es von Redaktoren der Belgrader Tageszeitung «Politika» kolportiert. Die Anekdote ist zu schön, um wahr zu sein. Die Portiers vom Betriebsschutz haben den Abgang des Chefredaktors am Revolutionstag in Belgrad selbst gesehen. Sie erzählen, der Chefredaktor habe am Donnerstag, dem 5. Oktober, um sechs Uhr abends das Hochhaus ganz einfach durch einen Hinterausgang verlassen und sei mit seinem Auto davongefahren. Seither hat man ihn nicht mehr gesehen. Niemand weiss, wo Hadzi Dragan Antic ist.

Ein Volksheld hat Angst

Früher war der Hauptlift für die Direktion reserviert. Jetzt steht er allen zur Verfügung. Die Belgrader Lokalredaktion befindet sich im zwölften Stock. Hier arbeitet der 29-jährige Polizeireporter Milan Galovic. Im letzten Jahr, während der Nato-Bombardierungen, war er beinahe ein Volksheld, denn er hatte als Schütze der Fliegerabwehr einen Harrier getroffen; das Flugzeug musste in Bosnien notlanden. Die jugoslawischen Zeitungen berichteten über ihn, und später wurde er sogar von CNN interviewt. Dieses Jahr machte Galovic wieder Schlagzeilen. Er veröffentlichte einen üblen Artikel unter dem Titel «Otpor: nervlich labile Personen, bekannt als Straftäter». DerArtikel beschrieb drei namentlich genannte Aktivisten der Oppositionsgruppe Otpor (Widerstand) als Psychopathen, Homosexuelle, Schwarzhändler. Daneben stand das Faksimile einer psychiatrischen Diagnose.

Galovic erzählt, wie es zu dieser Entgleisung kam. Er sei am Sonntagnachmittag, dem 7. Mai, dringend auf die Redaktion gerufen worden. Dort habe ihn der Chefredaktor telefonisch beauftragt, einen Artikel über Otpor-Aktivisten in Pozarevac zu schreiben, auf der Grundlage eines Polizeiberichts, der per Fax eingetroffen war. In Pozarevac hatte es wenige Tage zuvor bei einer Begegnung zwischen Otpor-Mitgliedern und Schlägertypen des Präsidentensohnes Marko Milosevic blutige Köpfe gegeben; das war damals eine Staatsaffäre. Die Aufgabe sei ihm nicht angenehm gewesen, erklärt Galovic. Er habe aber nicht ablehnen können. Er habe Angst gehabt um seine Stelle und sein Einkommen. So habe er einen Einleitungstext über die Ereignisse in Pozarevac geschrieben und den Fax mit dem Bericht über die Otpor-Aktivisten daran gehängt, ohne weitere Bearbeitung. Alles zusammen sei dann mit seinen Initialen erschienen. Den Titel habe der Chefredaktor gesetzt; dieser habe auch das Faksimile dazugestellt.

Tiefschläge aus dem Nichts

Der Artikel fand im In- und Ausland grosse Beachtung, als Beispiel für die menschenverachtende Berichterstattung der «Politika» und des ganzen Medien- und Propagandaapparats des Regimes Milosevic. Heute bekennt Galovic, dass er einen Fehler gemacht hat, und er ist bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen, nötigenfalls auch vor Gericht. Eine Kollegin von ihm berichtet, er sei nach der Veröffentlichung seines Machwerks wochenlang nur noch apathisch herum gesessen; die Sache habe sehr an ihm genagt. Wie haben die Kollegen reagiert? «Hier im Hause nett. Sie bedauerten mich, weil es mich getroffen hatte. Sie waren ja auch ein Teil dieses Systems, sie kannten es, sie wussten, wie so etwas läuft.» Ausserhalb des Hauses gab es keine direkten Reaktionen. Viele Journalisten schrieben über den Fall, aber kein einziger befragte Galovic dazu, was diesen ziemlich verwunderte. Nur der Anwalt einer Oppositionsgruppe rief ihn an. Einen direkten Kontakt zu seinen Opfern hatte Galovic bisher nicht.

Es wurden in den Monaten vor den Wahlen noch mehrere üble Artikel publiziert, jedoch allesamt unter fiktiven Kürzeln. Niederträchtigkeitund Feigheit - das war der Stil der «Politika». Berühmt wurde ein Angriff gegen den Oppositionskandidaten und jetzigen jugoslawischen Präsidenten Kostunica, in welchem dieser als perverserKatzenliebhaber dargestellt wurde, der keine Kinder zustande bringe. Niemand im Haus will wissen, wer diese Perfiditäten schrieb. «Sie wareneinfach da», sagt die Kulturredaktorin Zorana Suvakovic. Doch dann war plötzlich alles anders:Sie selbst hat vor kurzem einen Artikel über Kostunica geschrieben und mit vollem Namen gezeichnet, unter dem Titel: «Bei Rot hält der Präsident immer an.» Da erschien das Staatsoberhaupt im besten Licht, als einfacher, bescheidener, gesetzestreuer Bürger.

Langes Hoffen auf eine Änderung

Suvakovic gehört nach eigener Aussage zu denen, die bei der «Politika» geblieben sind, obwohl sie mit dem politischen und journalistischen Kurs des Blattes eigentlich nicht einverstanden waren. Intern wurde sie ins Abseits geschoben; sie war zuständig für internationale Kultur. Warum hat sie nicht gekündigt? «Die ‹Politika› hatte früher einen guten Ruf, sie war fast die älteste und wahrscheinlich auch die beste Zeitung auf dem Balkan. Wir fühlten uns dem Blatt zugehörig. Wir dachten, die Situation werde sich schon wieder ändern. Aber sie änderte sich dann eben lange nicht.» Und wie kommt Suvakovic jetzt mit der politischen Umstellung des Blattes zurecht? «Manchmal habe ich Zweifel, ob die Leute uns überhaupt glauben, wenn wir jetzt das Gegenteil von dem schreiben, was wir früher immer geschrieben haben.»

Ein Qualitätssturz mit Folgen

Die Kulturredaktion befindet sich im achten Stock des «Politika»-Hochhauses. Hier haben auch die Photographen ihre Arbeitsplätze. Der berühmteste von ihnen ist Dragan Jevremovic, der Hofphotograph Slobodan Milosevics. Er war jeweils als Einziger zu den offiziellen Terminen im «Weissen Schloss» zugelassen. Mit seinem Foto-Monopol und seinen Copyright-Einnahmen hat er den Neid mancher Kollegen hervorgerufen. «Er hat wahrscheinlich gut verdient, während wir schauten, wie wir mit unseren Löhnchen über die Runden kamen», sagen sie etwa. Jetzt muss Jevremovic sich andern Sujets zuwenden. Zuletzt hat er die Gänse im Stadtpark photographiert. Die Tage des politischen Umbruchs in Jugoslawien waren begleitet von endlosen Sitzungen in der «Politika». Die redaktionelle Hierarchie wurde umgebaut, unter Führung des Krisenstabs. Das gesamte Personal blieb, aber es wurde eine neueÜbergangs-Redaktionsleitung eingesetzt. Sie besteht hauptsächlich aus früheren Chefs, die abgesetzt worden waren. Zu ihnen gehört der neue Auslandchef Momcilo Pantelic. Er arbeitet im fünften Stock. 1992 und 1993 war er Chefredaktor, gewählt von der Redaktion. Damals sei die «Politika», so erklärt er, erstmals und nur für kurze Zeit eine parteiunabhängige Zeitung gewesen, auf kritischer Distanz zum Regime. Unter grossem Druck sei er zurückgetreten, dann für einige Jahre als Korrespondent ins ferne Chile gegangen.

Laut Pantelic brachte die Ära unter dem bisherigen Chefredaktor Hadzi Dragan Antic - erwar gelernter Elektriker und hatte gute Beziehungen zu Mariana Milosevic, der Tochter des Präsidentenpaares - einen Qualitätssturz der «Politika», vor allem im Inlandteil: «Alle journalistischen Standards waren ausser Kraft gesetzt. Die Sprache in den Kommentaren kippte ins Vulgäre. In der Berichterstattung ging der Bezug zur Realität unseres Landes verloren; es gab keine Berichte mehr über das, was in unserem Leben vorkam und von Bedeutung war.» In verschiedenen Nischen habe man noch einige Freiheiten gehabt, im Übrigen habe die Redaktion nur noch auf Befehl von oben gehandelt: «Niemand hatte etwas zu sagen ausser dem Regierungsapparat.» Die jahrelange Vernachlässigung oder Verhinderung von journalistischer Eigeninitiative und Eigenverantwortung zeitigt laut Pantelic jetzt, in der neuen Situation, schwerwiegende Folgen: «Viele unserer Leute wissen gar nicht mehr, wie man schreibt.»

«Keine Zeit für Kommentare»

Auf derselben Etage arbeitet Radivoje Petrovic. Er hat sich in Kommentaren und Kolumnen als Scharfschütze des alten Regimes hervorgetan, zehn Jahre lang, zuletzt mit heftigen Attacken gegen «Verräter» und «Nato-Parteien» und anderes antipatriotisches Gesindel. Er habe seine Meinung geschrieben, in seiner eigenen Verantwortung, betont er. Mit dem Chefredaktor habe er kaum je Kontakt gehabt. Erörterungen über sprachliche Entgleisungen hält er für akademisch-überflüssig. Seine Sprache sei der Lage angemessen gewesen. Schliesslich sei Serbien im Krieg gestanden und unter enormem Druck. Sein Land und seine Familie seien gefährdet gewesen. «Ich hoffe für euch, dass ihr nie in eine solche Lage kommt, wie wir sie hier erlebt haben», fügt er an.

Derzeit berichtet Petrovic von Pressekonferenzen. Sonst schweigt er. Seit dem Umsturz ist inder «Politika» kein einziger Kommentar mehr erschienen. «Jetzt ist nicht die Zeit für Kommentare, jetzt ist die Zeit für Informationen», sagt Petrovic. Es wäre nicht gut, wenn die Zeitung jetzt mit Kommentaren hervorträte, wo sich ihr Standpunkt doch stark verändert habe. Man könne nicht Position beziehen, solange man noch gar nicht wisse, in welche Richtung die politische Entwicklung gehe. Er hoffe aber, gelegentlich wieder Kommentare schreiben zu können.

Andauernder Machtkampf

Petrovic ist im Machtkampf um die «Politika» engagiert, der immer noch in vollem Gange ist. Er will verhindern, dass die Demokratische Opposition Serbiens und somit die künftige Regierung die redaktionelle Linie vorgibt. Die Zeitung müsse jetzt unabhängig werden, findet er. Zusammen mit Gesinnungsfreunden hat er einen neuenChefredaktor in Vorschlag gebracht: Darko Ribnikar, den Korrespondenten in New York. Dieser ist aufgefallen durch seriöse Analysen einerseits und propagandistische Ausfälle anderseits - er kann auf beiden Klavieren spielen. Er ist ein Abkömmling aus der Gründerdynastie; seine Mutter ist Präsidentin des Verwaltungsrats. In diesem Gremium sind als Grossaktionäre wichtige Staatsfirmen vertreten, etwa Jugopetrol, Beogradska Banka und die Post von Serbien. Wahrscheinlich haben sie bisher das Defizit der «Politika» getragen, aber offenbar weiss niemand über die Finanzen des Verlags Bescheid. Jedenfalls muss die Zeitung seit der Wende sparen; ihr Umfang hat auf die Hälfte abgenommen. Aber sie wird überleben - daran zweifelt niemand.

Im Übrigen lief die Revolution vom 5. Oktober in der «Politika» in grosser Ruhe ab, «fast unmerklich», wie ein Journalist sagt. Gut 60 von etwa 120 Redaktionsmitgliedern hatten in einer Resolution eine journalistische Neuausrichtung des Blattes gefordert. Ein Streikkomitee bereitete die Übergabe oder Übernahme des Betriebs vor. Am Abend des Revolutions-Donnerstags forderte die Geschäftsleitung die Angestellten auf, nach Hause zu gehen. Die meisten verliessen das Gebäude durch die eine Tür, gingen um das Haus herum und durch die andere Tür wieder hinein. Redaktoren und Setzer beschlossen, ihre Arbeit fortzusetzen. Sie brachten am Freitag früh eine Sonderausgabe mit Berichten über die Ereignisse auf den Strassen Belgrads heraus. Der Andrang der Leser vor der Redaktion war so gross, dass in der Eingangshalle eine Scheibe zu Bruch ging - das war der einzige Revolutions-Schaden am Gebäude der «Politika».

Eine Art Entschuldigung

Einen Tag später erschien auf der Frontseite eine Erklärung zuhanden der Leser. Darin verpflichtete sich die Redaktion zur Achtung der «grundlegenden menschlichen, politischen und journalistischen Tugenden». Leitlinie der Berichterstattung seien Objektivität, Ausgewogenheit, Toleranz und Schutz der Würde von Personen und Gruppen. Die Redaktion wolle einen Beitrag leisten zur Überwindung der Krise, in der das Land sich befinde. In einem Nebensatz wurde eingeräumt, die Krise sei zu einem guten Teil die Folge der Missachtung solcher Tugenden - das sollte wohl eine Art Entschuldigung sein. Im Übrigen wurde an die stolze Tradition der «Politika» erinnert, die schon in ihrer ersten Ausgabevon 1904 die Aufgabe der freien und unabhängigen Presse unterstrichen habe. An anderer Stelle wurde es etwas doppelbödig so formuliert: «Die neue ‹Politika› ist die alte.»

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