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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Neue Zürcher Zeitung MEDIEN UND INFORMATIK Freitag, 14.04.2000 Nr.89 73
zu finden unter http://archiv.nzz.ch/books/nzzmonat/0/$6A4KX$T.html

Erste (Medien-)Hilfe in Krisengebieten

Die Westschweizer Stiftung Fondation Hirondelle

Die Fondation Hirondelle in Lausanne ist die einzige internationale Organisation, die unabhängige Medien in Krisenzonen betreibt. Sie hat für Rwanda einen Radiosender aufgebaut, betreibt einen in Liberia und zeichnet seit einem halben Jahr verantwortlich für «Blue Sky», das Uno-Radio in Kosovo.

In einem unscheinbaren Gebäude in Lausanne, versteckt hinter einem Coop-Geschäft, ist die Westschweizer Stiftung Fondation Hirondelle untergebracht. Hier, an der Rue Traversière, in der Nähe des Palais de Beaulieu, arbeiten sechs Personen für die noch junge, weltweit tätige und durchaus erfolgreiche Nonprofit-Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in Krisengebieten Erste Hilfe in Sachen Information zu leisten. Sie tut dies, indem sie unabhängige und glaubwürdige Radiosender aufbaut und betreibt; weltweit beschäftigt Hirondelle zurzeit gegen 100 Personen. In den fünf Jahren ihres Bestehens hat sie wertvolle Erfahrungen sammeln können, was nicht zuletzt von der Uno anerkannt wird: Sie übertrug der Stiftung im Juni 1999 ein Mandat zum Aufbau eines Uno-Radios in Kosovo.

Informationen statt Propaganda

Hirondelle (Schwalbe) wurde 1995 von einer Handvoll Westschweizer Journalisten gegründet. Der Präsident des Stiftungsrates, Jean-Marie Etter, ist Ausbildungschef bei Radio Suisse Romande; im Stiftungsrat sind unter anderen Jean de Courten (IKRK), Philippe Dahinden, François Gross (Ex-Direktor von Schweizer Radio International) und Gérald Sapey (Ex- Direktor von Radio Suisse Romande). Unter den Geldgebern figurieren die Schweiz, Schweden, Holland, die USA, die EU sowie Uno-Organisationen.

Zwei Ziele verfolgt Hirondelle: Einerseits sollen die Menschen in Krisengebieten Zugang zu Informationen erhalten, anderseits sollen diese Informationen keinesfalls mehr der Propaganda entsprechen, der die Bevölkerung während eines Bürgerkriegs ausgeliefert war, sondern den Kriterien eines unabhängigen Qualitätsjournalismus genügen nach dem Vorbild des BBC World Service. «Making news reporting into an instrument of peace», nennt Hirondelle ihr Ziel selber. Die Stiftung glaubt, dass Journalisten durchaus sinnvoller arbeiten können, als die immergleichen und marktschreierischen Bilder aus Krisengebieten in unsere TV-Stuben zu schicken. Das Radio sei für diese Aufgabe das geeignete Medium, sagt Hirondelle-Geschäftsführer Jean-Pierre Husi, Agronom und Entwicklungsspezialist. Es ist technisch nicht sehr aufwendig und verlangt weniger Geldmittel als die Herstellung von Zeitungen oder die Produktion von Fernsehbeiträgen.

Für den Betrieb der Hirondelle-Radios werden einheimische Journalisten rekrutiert und geschult. Hirondelle stellt «nur» das Know-how und die technischen Geräte zur Verfügung; im Idealfall zieht sich die Stiftung zu einem späteren Zeitpunkt ganz zurück. Ihr erstes Radio betrieb Hirondelle von 1994 bis 1996 für die Krisenregion in Rwanda und Burundi. Es hiess Radio Agatashya und versorgte die Bevölkerung nach dem Genozid mit lebenswichtigen Informationen, etwa über Nahrungsmittellieferungen oder den Verbleib von «displaced persons». Hirondelle leitet heute auch eine Presseagentur am Internationalen Gerichtshof in Arusha in Tansania, der die Rwanda-Kriegsverbrechen untersucht.

1997 öffnete der Hirondelle-Sender Star Radio in Liberia seine Mikrophone, einem Land, das ebenfalls von einem Bürgerkrieg verwüstet worden war. Am Mittwoch, 15. März 2000, wurde Star Radio jedoch von der liberianischen Regierung geschlossen, weil die Station angeblich durch ihre Informationstätigkeit als «agent provocateur» wirke und soziale Konflikte anheize. Wann und ob Star Radio wieder senden kann, ist derzeit unklar. Star Radio ist in Monrovia domiziliert und wird vor allem von Exil-Liberianern gelobt, die bis zum 15. März täglich eine Nachrichtenauswahl auf der Hirondelle-Website* lesen konnten.

Engagement in Kosovo

Im vergangenen Sommer bat die Uno die Schweizer Regierung um finanzielle Unterstützung für ein Radio in Kosovo; gleichzeitig klärte Hirondelle in eigener Regie entsprechende Möglichkeiten ab. Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa (DEZA) und Hirondelle setzten in der Folge das Uno-Radio gemeinsam um. Gedacht war es zunächst als Produktionsstudio für lokale Sender («Studio Unmik»). Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde daraus aber ein eigener Sender, «Blue Sky». Seit dem 1. Oktober 1999 ist «Blue Sky» im grösseren Umkreis von Pristina rund um die Uhr zu empfangen.

Der Sender richtet sich an ein junges Publikum. Projektleiterin ist die Westschweizer Journalistin Thérèse Obrecht. «Blue Sky» strahlt als einer der wenigen Sender in Kosovo Beiträge in albanischer und serbischer, teilweise auch in türkischer Sprache aus. Zweimal täglich sendet die Uno auch in Englisch. Gemäss Jean-Marie Etter kommt das Programm gut an. Der Sender trage dazu bei, Spannungen zwischen den verfeindeten Volksgruppen abzubauen. Die professionelle Leistung von «Blue Sky» wird auch von der DEZA gelobt: «Fondation Hirondelle hat es geschafft, in sehr kurzer Zeit unter schwierigen Bedingungen ein funktionierendes Radio einzurichten», so Felix von Sury, zuständiger DEZA-Sektionschef.

Für die Fondation Hirondelle indessen ist es eine neue Erfahrung, im Auftrag einer grossen, manchmal schwerfälligen Organisation wie der Uno ein Radio zu betreiben. Überdies war in Kosovo vor allem zu Beginn die medienpolitische Situation alles andere als klar: Es gab lokale Radiosender, dann kamen Nato-Armeesender und das Service-public-Projekt Radio Television Kosovo (RTK) hinzu, das der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) untersteht und vom SRG-Präsidenten Eric Lehmann geführt wird. Klar war einzig, dass die Uno und ihre Unmik-Übergangsregierung ein glaubwürdiges Radio brauchten, um über ihre Aktivitäten informieren zu können. Inzwischen zeichnet sich gemäss von Sury ab, dass «Blue Sky» noch heuer ins RTK integriert wird. Abgesehen von Unklarheiten auf organisatorischer Ebene sind die alltäglichen Schwierigkeiten in einem kriegsversehrten Land zu meistern: Stromausfälle, mangelhafte Heizung im Winter, Gefahr für Leib und Leben bei Unruhen wie jenen in Mitrovica. Probleme bereitete auch die Rekrutierung von Medienschaffenden.

Doch die Schwalbe fliegt schon weiter. Ein weiteres Radio, finanziert von der belgischen Regierung und der Unesco, soll bald in Angola senden, und in der Zentralafrikanischen Republik, in der Stadt Bangui, hat Hirondelle vor kurzem einen Sender von der Uno übernommen.

Matthias Böhni

*www.hirondelle.org

siehe dazu die Antwort von Roland Brunner, Medienhilfe Ex-Jugoslawien:
Fragezeichen zur Hofberichterstattung. Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling

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