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Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Professionelle Solidarität gegen Nationalismus und Chauvinismus
Professional solidarity against nationalism and chauvinism

Basler Zeitung BAZ, 30.06.1999; Ausland

«Kosovo ist die Heimat der Serben ebenso wie die unsere»

Veton Surroi, eine der führenden Persönlichkeiten unter den Kosovo-Albanern, verurteilt die Plünderungen und Racheakte an den Serben im Kosovo. Mitschuld für das zurzeit herrschende Chaos trage auch die internationale Gemeinschaft: Sie habe es versäumt, die zivile Verwaltung der Provinz während der langen Zeit der Luftangriffe vorzubereiten.

Basler Zeitung: Veton Surroi, Sie haben sich während des ganzen Kosovo-Krieges in der Hauptstadt Pristina aufgehalten. Wie haben Sie die Monate der Vertreibungen überlebt?

Veton Surroi: Indem ich mich «unsichtbar» machte, zu Hause blieb und nur hinausging, wenn ich das Versteck wechselte. Niemand hat genau gewusst, wo ich mich aufhalte. Freunde verbreiteten - zum Teil absichtlich, zum Teil unabsichtlich - widersprüchliche Gerüchte. Einmal hiess es, ich hätte mich der Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) angeschlossen. Andere meinten, ich wäre in Spanien in Sicherheit.

Was waren während dieser Zeit die schwierigsten Momente?

Ich habe erst spät erkannt, was es eigentlich bedeutet, in der Stadt zu bleiben. Ich war geblieben, weil ich solidarisch sein und helfen wollte, so gut es ging. Aber ich musste feststellen, dass ich nicht einmal in der Lage war, mir selber zu helfen. Im Gegenteil, ich brauchte Hilfe von anderen, die mich schützten. Und so brachte ich andere in Gefahr. Ich war in einem Versteck mit vier anderen Familien, und wären wir erwischt worden, hätte dies Konsequenzen für sie gehabt, auch für die Kinder. Das zu erkennen, war ein schlimmer Moment. Und dann habe ich natürlich die Fernsehbilder gesehen von den Menschen, die von hier vertrieben wurden und die ich zum Teil erkannte.

Wir erleben jetzt in Pristina Chaos, Racheakte und Selbstjustiz. War dieses Chaos unvermeidlich?

Das würde ich nicht sagen. Gestern habe ich mit eigenen Augen Plünderer am Werk gesehen. Ich ging zu ihnen hin und sagte, sie sollten das bleiben lassen. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Einige schämten sich und drehten den Kopf zur Seite. Andere ignorierten mich. Einer sagte mir, er könne anders nicht überleben, er habe alles verloren. Wenn einer in einen Laden eindringt, glauben andere, alles ist erlaubt. Das ist das Problem in dieser Mob-Atmosphäre. Die Leute dringen in Wohnungen ein und sagen, es sei ihr natürliches Recht, einzudringen, weil ihr eigenes Haus im Dorf niedergebrannt ist. Das wird so weiter gehen, bis das klar gestoppt wird, bis es ein strenges Signal gibt. Doch die Kfor-Truppe kann nicht jeden Laden, jede serbische Wohnung beschützen.

Gibt es Platz für die serbische Minderheit im Kosovo?

Der Kosovo ist die Heimat der Serben ebenso wie die unsere. Ich bin auch bereit, zusammen mit Vertretern der Serben diese Botschaft so schnell wie möglich zu verbreiten. Aber es wird ein schwieriger Prozess werden. Diese Mob-Atmosphäre zeigt, wie stark das Pendel zurückschwingt. Das ist Teil des Spieles, das Milosevic betrieben hat. Milosevic spielte alles oder nichts, und er hat verloren. Es war ein schreckliches Spiel, vor allem für die Serben an der Peripherie, von Kroatien bis nach Bosnien und hinunter in den Kosovo. Auch im Kosovo haben die Serben auf Milosevic gesetzt und jetzt alles verloren. Sie können nicht Faschismus haben ohne Unterstützung der Mehrheit.

Also ein Fall von kollektiver Schuld?

Ich glaube an eine kollektive Verantwortung. Wir sind von Krieg zu Krieg gegangen, und ich hörte die Menschen in Belgrad sagen, sie wüssten nicht, was in Kroatien oder Bosnien passiert ist. Wenn man Augen und Ohren schliesst, wird man nie etwas erfahren. Ich bin aber gegen eine kollektive Bestrafung. Ich glaube nicht, dass die Serben den Kosovo verlassen müssen, weil sie zehn Jahre lang den Faschismus unterstützt haben. Über das UNO-Kriegsverbrechertribunal können wir einzelne Serben identifizieren, die sich schuldig gemacht haben.

Jetzt wirkt aber ein anderer Effekt. Eine kritische Masse von Serben verlässt den Kosovo und macht es schwierig für andere zu bleiben. Niemand will der letzte sein. Noch vor zwei Wochen waren die Serben allmächtig, und nun haben sie plötzlich alle Macht verloren. Sie haben die Zerstörung gesehen und sie wissen, was den Albanern angetan wurde. Jetzt fürchten sie die Rache.

Wenn es nicht die Kfor-Friedenstruppe tun kann, wer soll denn die Plünderungen und Racheakte unterbinden?

Ich hatte mir vorgestellt, dass die zweieinhalb Monate der Luftangriffe auch genutzt werden, um die zivile Verwaltung vorzubereiten. Jetzt haben wir militärischen Schutz, aber keine funktionierenden Behörden und Institutionen. Wen soll ich anrufen, wenn es in Pristina kein Wasser gibt? Wer stoppt die Plünderer, wenn es keine Polizei gibt? Die Militärs haben ihre Arbeit gemacht, die zivile Seite noch nicht. Es wurde im UNO-Sicherheitsrat um jedes Wort gerungen und darum, die Russen an Bord zu bringen. Aber niemand hat sich gross Gedanken gemacht, wie diese Provinz regiert werden soll.

Gibt es für den Kosovo eine Zukunft innerhalb Jugoslawiens?

Jugoslawien ist eine Fiktion. Belgrad hat den Markennamen in Beschlag genommen, um die Fiktion aufrechtzuerhalten. Heute besteht Jugoslawien aus einem faschistischen Serbien, aus einem Montenegro mit einer zunehmend stärkeren Demokratie und einem internationalen Protektorat im Kosovo. Diese drei unterschiedlichen Systeme können nicht in einem Staat zusammengefasst werden.

Das heisst, Sie plädieren für die Unabhängigkeit des Kosovo?

Ich habe immer gesagt, dass der definitive Status des Kosovo heute nicht entschieden werden kann. Das Endergebnis wird Frucht der demokratischen Institutionen sein, die wir hier erst noch bilden müssen. Die Staatengemeinschaft und die Kosovaren werden in ein paar Jahren besser erkennen, wie dieser Status aussehen könnte. Wenn wir aus dem Kosovo einen lebenswerten Platz gemacht haben, könnte auch «Unabhängigkeit» kein Schimpfwort mehr sein.

Interview Stephan Israel

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