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Medien als Instrument zur Kriegsvorbereitung in Ex-Jugoslawien
– der Fall Serbien
Nena Skopljanac Brunner (erscheint in OLYMPE
1/2001) Download
als Word-File
Seit Anbeginn
der «Ära Milosevic» waren der Gehalt der neuen Legitimationsgrundlage der
Autorität die «spirituelle Matrix des Anti-Individualismus und militanter
Nationalismus, charakterisiert durch den Glauben an Verschwörungen, Angst vor
dem Anderen (vor allem vor dem «Fremden»), Hass auf Unterschiede zwischen
Individuen und Nationen und die Bereitschaft, diese Unterschiede mittels Gewalt
zu beseitigen» (Popov, 1993:33). Die nationalistische Ideologie, die in Serbien
in den späten 80er Jahren postuliert wurde, war ein «Ressentiment-Nationalismus»,
basierend auf der psychologischen Dimension einer Nation, auf ihrer Subjektivität,
die sich offenbart in der Aktivierung der «nationalen Identität» als
gespeicherte Muster, die die Nation von sich selber erzeugt («ausgedacht») hat
(Pesic, 1995:XX). Nationale Identität stellt ein komplexes «mehrdimensionales
Konzept [dar], das breit ist und eine spezielle Sprache, Gefühle und Symbolik
einschliesst» (Smith, 1993:vii). Sie ist anfällig für Manipulation und enthält
in sich selbst ein enormes Potenzial zur Mobilisierung, das in unterschiedliche
Richtungen gelenkt und recht schnell erfolgreich von der einen in die andere
bewegt werden kann, je nach tagespolitischen Zielen der Obrigkeit. Nationalismus
dieser Art grenzt an «Fundamentalismus» und ist immer «reaktiv und reaktionär»,
basierend auf den Prämissen, die «immer abgeleitet sind aus einem früheren,
mutmasslichen, wesentlichen und reinen … Ableger der eigenen glorreichen
Geschichte», während das Individuum, das sich damit identifiziert, darin «eine
Kraft finden muss … oder einen Feind, der die Bewegung, zu der es gehört,
oder das, was die Bewegung respektiert, potentiell oder tatsächlich zerstört,
untergräbt oder gefährdet» (Hobsbawm, 1993:191). Zusätzlich zur Schaffung
der nationalen Identität als einer Stärke erklärte die neu etablierte
Nationalismusideologie die Verteidigung und komplette Verwirklichung der
serbischen Nationalinteressen zum Hauptziel. Innerhalb der Koordinaten des so
geschaffenen ideologischen Diskurses interpretierte die nationalistische
Ideologie in Serbien die Krise der jugoslawischen Gesellschaft im
nationalistischen Code: «Sie schuf absichtlich und systematisch zunehmend
tiefere nationale Konflikte, während sie anderseits die Frage multiethnischer
Konflikte intensiv der ganzen politischen Öffentlichkeit als Priorität
aufzwang» (Brankovic, 1994:200). Parallel zur Errichtung der neuen,
nationalistischen Ideologiematrix entwickelte sich der Prozess ihrer
Medienlegitimation. Indem sie rasch Kontrolle über die wichtigsten und
einflussreichsten Medien gewann (zuerst über die Tageszeitung «Politika»,
dann über Radio-Television Serbia und letztlich über Zeitungen mit grosser
Auflage wie «Vecernje novosti», «Ekspres politika» und «Duga»), sicherte
sich die Regierungspartei – der Bund der Kommunistischen Serbiens, später in
die Sozialistische Partei Serbiens umgewandelt – «privilegierten Zugang zu
Diskurs und Kommunikation» (Van Dijk, 1993:255). Das Regime in Serbien war sich
bewusst, dass «moderne und oft wirksamere Macht mehrheitlich kognitiv ist und
durch Überzeugungskraft, Heuchelei oder Manipulation sowie durch andere
strategische Mittel zur Veränderung der Meinung anderer im eigenen Interesse
ausgeübt wird» (Van Dijk, 1993:254). Das Regime verschaffte sich in relativ
kurzer Zeit Kontrolle über die öffentliche Meinung «und dadurch … [über]
die Produktion von Legitimation, Zustimmung und Einigkeit» (Van Dijk,
1993:257), wodurch die Prämissen für die erfolgreiche Reproduktion und die
Bewahrung der bestehenden Autorität geschaffen wurden.
Die Phase der
auf der Ideologie des Nationalismus basierenden Propaganda kann in drei
allgemeine Stadien unterteilt werden, die sich voneinander unterscheiden a) in
Bezug auf die Themen, auf die die Inhalte sich beziehen, b) in Bezug auf die
verwendeten Förderstrategien und Mechanismen und schliesslich c) in Bezug auf
die Ziele, die sie zu erreichen versuchten.
Die erste
Phase (September 1987 bis Juni 1989) fällt mit dem Prozess der
Konsolidierung der alten (neuen) Macht in Serbien zusammen. Auf der politischen
Ebene war sie gekennzeichnet durch die Zusätze zur Verfassung der Republik
Serbien, die die Autonomie von Vojvodina, Kosovo und Metohija vollständig
abschafften, ebenso wie durch einen rücksichtslosen Machtkampf mit den «ungehorsamen»
Kadern in der Kommunistischen Liga Serbiens. Auf der Diskursebene wurde das
Endziel dieser politischen Prozesse in einem folkloristisch-politischen Slogan
formuliert: «Serbien muss ganz und nicht dreigeteilt sein.» Parallel zum
Versuch, die Bevölkerung zu homogenisieren und für die Schaffung eines
geeinten und starken Serbiens zu gewinnen, wurden einige unterschiedliche
diskursive Strategien angewandt.
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Das
praktisch-politische Ziel (geeintes und starkes Serbien) wurde als zentrales
und vorrangiges Interesse der serbischen Nation gedeutet. Dabei wurde dieses
Syntagma als grundlegendes Kriterium zur Benennung von Feinden eingeführt
und während späteren Phasen weiter verwendet. All jene, deren Meinungen
oder Handlungen seitens der Partei-Staat-Maschinerie als abweichend von,
verschieden von oder als dem serbischen Nationalinteresse zuwiderlaufend
erachtet wurden, wurden zu Feinden erklärt. Das Ziel war, jegliche Zweifel
an der Rechtmässigkeit der Regierungspolitik zu diskreditieren und das Volk
zu zwingen, in Einklang mit den Ansprüchen einer Ideologie, einer Partei
und eines Führers zu denken und zu handeln.
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Das
(serbische) Volk wurde zum Hauptakteur politischer Prozesse erhoben, indem
die Illusion erzeugt wurde, dass es bei allem um den authentischen «Volkswillen»
ging, den die Obrigkeit nur so erfolgreich als möglich zu verwirklichen
suchte. Das beste Beispiel für die propagandistische Mediendarstellung des
«Volkswillens» war die Kolumne «Echos und Reaktionen» in der
Tageszeitung «Politika». In den Texten dieser Kolumne wimmelte es von
emotional aufgeladener Rhetorik, Stereotypen, euphemistischen Syntagmen und
Etiketten (Nenadovic, 1996). Sie wurden in Form einer aufrichtigen vox
populi als «Worte, die das Leben verändern» und unmittelbarer Dienst an
der Wahrheit präsentiert. Damit wurden die Botschaften zusätzlich verstärkt,
was als Funktion die explizite Unterstützung seines Führers durch das Volk
hatte. Letztlich begann in dieser Kolumne der Prozess der Nationalisierung
und Militarisierung des Diskurses, der sich mit grösserer Heftigkeit in den
nachfolgenden Stadien der Propaganda fortsetzte.
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Während
dieser Zeit wurde eine ganze Reihe verschiedener Feinde
bezeichnet, von spezifisch bis abstrakt, individuell bis kollektiv. In
Anbetracht der durch Homogenisierung der Mitglieder der serbischen Nation
und durch ihre Mobilisierung für Machtkämpfe erzielten Resultate –
reihenweise «spontane» Massenkundgebungen überall in Serbien, allgemein
als «Volkshappenings» bezeichnet –, können zwei spezifische Feinde
unterschieden werden. Der erste Typ Feind waren Individuen und Strömungen
innerhalb der Regierungspartei, die die Wahrung der Autonomie Vojvodinas,
Kosovos und Metohijas unterstützten. Die auf lexikalischer Ebene am meisten
verwendeten Ausdrücke zu ihrer Bezeichnung waren: «Sesselpolitiker», «Autonomisten»,
«Separatisten», «Sezessionisten», «Degenerierte», «Verräter», «Bürokraten»
…, während in den Fällen von Kosovo und Metohija Wörter wie «Irredentisten»
oder «Terroristen» ebenfalls häufig verwendet wurden. Der zweite Feind
waren Angehörige der albanischen Nation in Kosovo und Metohija. Der
diskursive Umgang mit diesen beiden Feinden (vor allem mit letzterem) gründete
auf einer Kombination von militanter Rhetorik, Verwendung von abträglichen
Stereotypen, Verallgemeinerungen, Zuschreibungen und disqualifizierender
Terminologie. Der so geformte Diskurs brachte einen Geist des Misstrauens,
der Intoleranz, des Ausschlusses, des Revanchismus und das Bedürfnis nach
Konfrontation hervor. Der Diskurs über die AlbanerInnen erzeugte und verstärkte
ethnische Distanz und Hass auf die Angehörigen dieser Nation. Dies wurde
insbesondere erreicht durch die Verwendung des Begriffs Shiptar zur
Bezeichnung von Angehörigen der albanischen Nation. Der Begriff ist tatsächlich
die «serbisierte» Version des Ausdrucks in albanischer Sprache und wird
von den AlbanerInnen als erniedrigend, beleidigend, demütigend und
rassistisch empfunden. Vereinfachende Beschreibungen von multiethnischen
Beziehungen in dieser Provinz und deren einseitige Interpretation (Selektion
von Information und Argumenten, indem nur jene gewählt wurden, die die
Botschaft stützten, die der Öffentlichkeit vermittelt werden sollte) sowie
der Gebrauch von – bereits kurz eingeführter – militanter Rhetorik
erschufen ein Medienbild von bedrohten SerbInnen und MontenegrinerInnen in
Kosovo und Metohija, das später zusammen mit den wiederbelebten Mythen in
einen Opferkult überführt wurde.
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Die
zentrale Stellung im Diskurs dieser Zeit gehörte sicherlich dem Prozess der
medialen Schöpfung eines «Wir»-Bildes, das heisst der serbischen
Nation/der SerbInnen. Das Ziel bestand darin, nationale Identität zu
erneuern und zu verstärken. Die Inhalte, mit dem dieses Bild gefüllt
wurde, ebenso wie die Art seiner Vermittlung in der Öffentlichkeit weisen
auf systematischen Ausschluss und Alleingültigkeit als Grundzüge hin. Es
erzwang die Reduktion aller anderen möglichen individuellen Identitäten
auf eine einzige – einer spezifischen nationalen Gruppe gehörende –,
die Individualismus unterdrückte und kollektives Bewusstsein stützte mit
der Absicht, ein Individuum in seiner Meinungsbildung und seinen Handlungen
auf ein Mitglied der Masse zu reduzieren. Das Hauptmerkmal des
Mediendiskurses, in dem die so verstandene nationale Identität geformt
wurde, war seine Nationalisierung. Die in den Diskurs eingeführten Themen,
die mit unterschiedlichen Inhalten und verbunden mit verschiedenen
Mechanismen der Manipulation, in den nachfolgenden Zeiträumen verwendet
wurden, beinhalteten: a) Neuinterpretation, Mythologisierung und
Ideologisierung der Geschichte; b) Rückkehr zur nationalen Tradition und c)
Verbreitung der These von den bedrohten SerbInnen. Durch sie wurde die
nationale Identität gebildet in einer Reihe mythisch-poetischer Verknüpfungen,
die «die nationalen und mythischen Erinnerungen formten» (Denitch,
1994:115). Vorbereitungen zur Feier und die Feier zum 600. Jahrestag der
Schlacht von Kosovo selbst wurden benutzt, um den Mythos des Kosovo medial
neu zu beleben (Zirojevic, 1996), für die Rückkehr der serbischen Nation
zum «Kosovo-Versprechen» – zu ihren Wurzeln. Kosovo wurde zur «Wiege
des Serbentums», zur «serbischen Region seit Jahrhunderten», zu «serbischem
Land», was den AlbanerInnen explizit jegliches «historische Recht» auf
diesen Raum absprach und implizit auch das Recht, darin unter gleichen
Bedingungen zu leben. Der Mythos von ritterlicher Aufopferung, serbischem
Leiden, Märtyrium und Heldenmut erschuf auf der serbischen Seite Übereinstimmung
und der andauernde Gebrauch einer Vielzahl stereotyper Lexeme (Wiege,
Relikte, Herd, Versprechen, Grab, Leiden, Märtyrer/Martyrium, Heldentum
…) ein mythisches Bewusstsein der SerbInnen als «himmlisches Volk».
Die zweite
Phase (Juli 1989 bis Ende 1990) war gekennzeichnet durch die politischen
Auseinandersetzungen der Parteieliten in den früheren jugoslawischen Republiken
über die Änderung der Staatsstruktur der früheren Sozialistischen Föderativen
Republik Jugoslawiens (geführt mittels einer scharfen Konfrontation von AnhängerInnen
der Föderation und der Konföderation) und die ersten Mehrparteienwahlen. Der
Mediendiskurs war gekennzeichnet durch den fortlaufenden Prozess der
Neuinterpretation und der Mythologisierung der Geschichte sowie durch die
Schaffung des Feindbildes des/der «Anderen» (SlowenInnen und vor allem
KroatInnen).
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Die
Neuinterpretation der Geschichte war ein sehr komplexer Prozess, der für
den Erfolg gewisse Bedingungen voraussetzte. Zuerst musste diese
Neuinterpretation auf objektiven historischen Fakten beruhen. Das wichtigste
Moment dabei war die Festlegung der Kriterien, die bei der Auswahl dieser
Fakten (was recht häufig gemacht wurde, indem sie aus ihrem spezifischen
Kontext, in dem sie tatsächlich stattgefunden hatten, herausgelöst wurden)
und dann auch in der Argumentation für ihre Interpretation aus der
Perspektive der momentanen politischen Ziele angewandt wurden. Geschichte
wurde manipuliert, um Botschaften für die Gegenwart zu erschaffen. Um die
Auswirkungen der Überzeugungsfunktion der Propaganda noch weiter zu verstärken,
war es nötig, dass sich führende ExpertInnen und Personen des öffentlichen
Lebens an diesem Prozess beteiligten, was einige auch tatsächlich taten.
Die Vergangenheit wurde zu einem «bevorzugten Raum ununterbrochener
Herrschaft und [zu einer] endlosen Quelle verbaler Leidenschaften» (Slapsak,
1996:29). Die Änderung der politischen Ziele, die die Regierungspartei in
Serbien als die wichtigsten zur Verwirklichung des Serbischen
Nationalinteresses darstellte – das Leben «aller Serben in einem Staat»
und damit einhergehend der Kampf für Jugoslawien als «starke und
leistungsfähige Föderation» –, führte zur Konzentration des Prozesses
der Neuinterpretation der Geschichte auf den Zeitraum der Existenz des
gemeinsamen Staates (seit 1918). Zwei wichtige Mythen wurden
gebildet. Der erste war der Mythos der serbischen Armee im I. Weltkrieg.
Lange Feuilletons berichteten detailreich von «glorreichen Schlachten» für
«Freiheit und Ehre des Vaterlands», glorifizierten die von der «siegreichen
serbischen Armee» bekundete «in der Kriegsgeschichte einmalige Tapferkeit»,
so dass die «ganze Welt die tapferen serbischen Soldaten bewunderte».
Dieser mythologisierte Diskurs diente zur Erreichung mehrerer Ziele. Erstens
wies die Rede von der «glorreichen Vergangenheit» auf die historische Überlegenheit
der SerbInnen gegenüber anderen Nationen hin und half, ein Gefühl von
Nationalstolz, Würde und Selbstachtung zu schaffen, ausserdem verstärkte
sie den Patriotismus. SerbInnen wurden dargestellt als Angehörige einer
Nation mit «jahrhundertelanger Tradition» und «freiheitsliebendem Geist»,
während die «Anderen» (KroatInnen und SlowenInnen) «während
Jahrhunderten ihren Herrschern unterworfen» waren und gehorsam die Rolle
der «Lakaien am habsburgischen Hof» spielten. Zweitens wurde dieser
Mythos, in den Kontext der gegenwärtigen politischen Kämpfe eingebettet,
mit einer Reihe von Ansichten ausgestattet, die in zwei bipolaren Reihen
dargestellt wurden: «wir» (SerbInnen) und «sie/Andere» (SlowenInnen und
vor allem KroatInnen). Das Ziel lag darin, einerseits die Argumentation für
politische Ziele zu liefern, die die serbische Führung auf der Ebene der Föderation
zu verwirklichen suchte, und anderseits ein Bild der eigenen historischen Überlegenheit
in Bezug auf das «Andere» zu schaffen, aus dem die Rechtfertigung für «unsere»
Forderungen abgeleitet wurde.
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Zusammen
mit dem Bild der «historischen Überlegenheit» wurde ein anderes Bild
kultureller und zivilisatorischer Überlegenheit geschaffen. Es wurde mit
der Wiederherstellung der Orthodoxie als Basis der serbischen
nationalen Spiritualität begonnen (Radic, 1996). Ihr Gegenstück war der
Katholizismus, der als Kern der nationalen Tradition und Spiritualität des
«Anderen», insbesondere der KroatInnen und der SlowenInnen, hervorgehoben
wurde. Die Methode basierte vorwiegend auf der Verwendung von Metaphern zur
Schaffung stereotyper Bilder, die Vorurteile hervorbringende Einstellungen
formten. Die Absicht war, zwei in Bezug auf ihre Eigenschaften absolut
gegensätzliche Bilder zu schaffen, um es ganz klar zu machen, wer und
welche Art Volk «wir» waren im Vergleich dazu wer und welche Art Volk die
«Anderen» waren. «Wir» waren geziert mit Ehrlichkeit, Gerechtigkeit,
Barmherzigkeit, Nachsicht, während der/die «Andere» gekennzeichnet war
durch Listigkeit, Verschwörungsgeist, Heuchelei, Gewalt … «Wir» wurden
glorifiziert als eine der ältesten Nationen in Europa; mit eigenem
Alphabet, eigener Sprache und Kultur; mit einer missionarischen Rolle als
Verteidigerin Europas gegen die Eroberer aus dem Osten über Jahrhunderte
hinweg. Der/die «Andere» wurde dargestellt als einer/eine mit einer
Tradition, die nicht weit in die Vergangenheit reicht, als einer/eine
der/die unsere Sprache genommen hat, dessen/deren Kultur eine blasse Kopie
der westlichen war. Für Menschen, die überzeugt waren, dass die Nation,
der sie angehörten (die serbische), wirklich so besonders und perfekt war
(und ihre Zahl war ziemlich gross), bestand kein Zweifel daran, dass «wir»
unmöglich im Unrecht sein konnten. Natürlich konnten die «Anderen»
ihrerseits nicht nur im Unrecht sein, sondern sie waren vielmehr
vorbestimmt, nicht im Recht zu sein.
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3. Die
These von der Gefahr für SerbInnen in Kroatien stellte einen Hauptfaktor
des Propagandadiskurses dar, der den Zweck direkter Kriegsproduktion diente.
Der Opferkult, bereits in der vorangegangenen Phase stark
wiederbelebt, wurde abgerundet mit der mythologisierten Neuinterpretation
des an den Serben im unabhängigen Staat Kroatien während des Zweiten
Weltkriegs verübten Genozids, geschickt ausgestattet mit
Fakten zur gegenwärtigen Stellung der SerbInnen in Kroatien. Das Ziel des
so geformten Diskurses war die Erneuerung des historischen kollektiven
Gedächtnisses, das in unzähligen Fällen direkt auf die gegenwärtige
Situation übertragen wurde in unterschiedlichen Varianten der These von der
Gefahr eines erneuten Genozids. Verschiedene diskursive
Techniken wurden angewandt, aber die wichtigsten könnten die folgenden
sein: a) eine ausserordentlich detaillierte Mediendarstellung der Ereignisse
zur Zeit der Herrschaft der Ustashi-Bewegung im unabhängigen Staat Kroatien
mit sämtlichen Details von damals verübten Morden, von Folter und
Massakern; b) Vergleiche der gegenwärtigen offiziellen Politik Kroatiens
mit der Politik, die das Ustashi-Regime während des Zweiten Weltkriegs
verfolgte, was ermöglichte, sie als «ustashoid», «faschistisch» und «völkermordend»
zu bezeichnen, und c) Rituale und Riten in einer Vielzahl von Fällen bei
Ausgrabungen von Knochen von Opfern der Genozide aus Massengräbern und bei
ihrer erneuten Bestattung im Einklang mit der orthodoxen Tradition, deren
symbolische Botschaften aussergewöhnlich durchschlagende Überzeugungskraft
hatten. Ungewissheit, Sorge, Angst und ein instinktives Bedürfnis
nach Selbstverteidigung wurden häufig unter SerbInnen in Kroatien erzeugt,
während unter den SerbInnen in anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens
die Massenproduktion des Gefühls der Solidarität mit dem «Teil unserer
Nation» und das Bedürfnis, sich an seiner Verteidigung zu beteiligen,
angeregt wurden. Unter beiden Gruppen rief dies ebenfalls Hass hervor. Im
Kontext der bereits geschaffenen Bilder von «uns» und den «Anderen» auf
der Ebene der nationalen Kollektive war Hass notgedrungen auf die kroatische
Nation als Ganzes gerichtet. Die Grundlagen für den tatsächlichen
bewaffneten Konflikt wurden ebenso vorbereitet wie die Basis seiner
Akzeptanz als notwendig und die Rechtfertigung der Rolle der eigenen Partei
darin.
Die dritte
Phase (ab 1991) war gekennzeichnet von Kriegen auf dem Gebiet der früheren
Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Die Kriegspropaganda
versuchte eine ganze Reihe von Zielen zu erreichen. Das Hauptziel, das für den
Diskurs zentral war, könnte definiert werden als Erbringung des Beweises, dass
«Gerechtigkeit» und «Wahrheit» auf der Seite der SerbInnen waren. Die danach
definierte diskursive Hauptprämisse wurde verwendet, um zu folgern, wer schuld
am Krieg war, wer unschuldig war, wer der Angreifer und wer das Opfer war. Das
Bild des Opfers und des Angreifers wurde dann medial geformt durch polarisierte
diskursive Modelle.[1]
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Bereits in der Phase der
medialen Kriegsvorbereitungen wurde die Nationalidentität der SerbInnen
geschaffen, basierend auf dem mythologischen Bewusstsein des «heldenhaften»
Volkes, das «während Jahrhunderten gelitten hat im Kampf für Wahrheit und
Gerechtigkeit». Auf der einen Seite wurden Wahrheit und Gerechtigkeit als
beinahe genetische Eigenschaften der SerbInnen dargestellt, während auf der
anderen Seite das negative Bild der KroatInnen als «völkermordende Nation»
geschaffen wurde. Die Einstellungen in Bezug auf «unsere» Veranlagung zu
Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit und die (ebenso veranlagte) Neigung zum Völkermord
der «Anderen» vermischten sich mit Interpretationen der Ursachen des
gegenwärtigen Krieges zur Rechtfertigung «unsere Seite». SerbInnen in
Kroatien kämpften für eine gerechte Sache, als sie «nicht gewillt waren,
die Stellung von ZweitklassbürgerInnen zu akzeptieren», weil «ihnen ihre
jahrhundertealten Rechte weggenommen worden waren», weil «sie für sich
nur dieselben Rechte forderten, die die KroatInnen in Kroatien bereits
genossen», weil «sie nicht erneut Opfer des Ustashi-Genozids werden
wollten». Im Grunde genommen wurde dasselbe Modell auf den Krieg in Bosnien
und Herzegovina angewandt. Die bei der Schaffung des Bildes von «uns» und
den «Anderen» (BosnierInnen) verwendete Schwarz-Weiss-Stereotypisierung gründete
auf der Gegenüberstellung von Orthodoxie und Islam. BosnierInnen wurden
dargestellt als die Nachkommen der «islamischen Eroberer», die «während
Jahrhunderten Unterdrücker der serbischen Nation» waren, was Anlass für
Bezeichnungen war wie: «muslimische Proleten», «Türken», «Fundamentalisten»
etc. Dieses negative Bild wurde zusätzlich verstärkt durch den
variantenreich wiederholten Gebrauch der These, dass die BosnierInnen tatsächlich
SerbInnen seien, die nach der Eroberung des Balkans durch die Türken im
Mittelalter den islamischen Glauben annahmen. Die Übertragung, dass es sich
dabei um die willentliche Zurückweisung des «Glaubens der Vorfahren»
zugunsten der «so gewonnenen Privilegien» handelte, wurde dem Mythos des
Verrats einverleibt, was ein enormes Mass an Hass hervorrief. In diesem
Diskurs über die «Anderen» wurde der Krieg in Bosnien-Herzegovina
gerechtfertigt durch die Verteidigung der bosnischen SerbInnen vor den
Gefahren, die drohten, falls die «Pläne zur Errichtung der <Jamahuria>
in Bosnien und Herzegovina» realisiert würden, was recht viele Menschen für
akzeptabel erachteten.
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Einer der wichtigsten
Bestandteile des Diskurses war der Aufbau des Bildes der SerbInnen als Opfer:
«abgebrannte serbische Dörfer», «dem Boden gleichgemachte serbische
Kirchen», «endlose Kolonnen verzweifelter serbischer Flüchtlinge», Fotos
von massakrierten Körpern «unschuldiger serbischer Zivilisten» … Die
Opfer der «anderen Seite» wurden nie erwähnt. Die «Anderen», auch wenn
sie ZivilistInnen waren, waren nicht Opfer, sondern Feinde, die «alles
Serbische auslöschen» wollten. In der Schaffung des Opferbildes wurde eine
ganze Reihe von metaphorischen, stereotypen Phrasen mit besonderen
semantischen Bedeutungen verwendet: «Herde», «Säuglinge», «Leidende»,
«Märtyrer» etc. (immer mit der zwingenden Zuschreibung «serbisch»). Zusätzlich,
um die Überzeugungskraft zu verstärken, wurden journalistische Genres
benutzt, die die Inhalte am besten mit hoher emotionaler Ladung abhandeln
konnten – meistens Geschichten und weniger häufig Berichte mit
Stellungnahmen. Die Darstellung der Schrecken des Krieges mittels
Geschichten von Einzelschicksalen und Zitaten von AugenzeugInnen über die
Einzelheiten der direkt erfahrenen Kriegstragödien ermöglichten und
ermutigten die Identifikation mit dem Opfer.
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In der
Mediendarstellung spezifischer Kriegseinsätze wurden die Informationen
sorgfältig ausgewählt und neben wahren oder zurechtgeschneiderten
Nachrichten häufig euphemistische Phrasen verwendet wie: «Die Frontlinie
wurde zum Vorteil der Serben verschoben», «erfolgreich zurückgeschlagene
feindliche Angriffe», «neutralisierte feindliche Aktivitäten» etc. Diese
Lexik entpersönlichte das Vorgefallene vollständig, so dass das
Bewusstsein des Empfängers, der Empfängerin die Kriegseinsätze «unserer»
Seite nicht mit Kriegsverbrechen in Verbindung brachte. Eines der
drastischsten Beispiele war der Gebrauch der Formulierung, dass das «Gelände
komplett gesäubert wurde», was die Entfernung der übrig gebliebenen Minen
implizierte, aber auch die «Säuberung» von den Menschen, die zum
Zeitpunkt der Eroberung in diesen Gebieten gewesen waren, was im Bewusstsein
des Empfängers, der Empfängerin nicht mit möglichen Verbrechen verbunden
wurde. Inwiefern diese Art zu informieren ein verzerrtes Bild der Kriegseinsätze
bei den EmpfängerInnen schuf, zeigt sich am besten an den Antworten von
TeilnehmerInnen an einer Meinungsumfrage auf die Frage «Wer bombardiert
Sarajewo?»: Unter den Antwortenden, die sich auf Radio Television Serbien
als Informationsquelle stützten, antworteten 45% mit «kroatische und
muslimische Streitkräfte», 14% sagten «serbische Streitkräfte», während
24% «Niemand weiss es» sagten (Brankovic, 1995:164). Diese Antworten sind
eine direkte Folge der fortgesetzten Berichterstattung mit Formulierungen,
nach denen «Sarajewo heute erneut bombardiert wurde» oder es «aufgrund
der heutigen Bombardierung» Opfer gibt in Sarajewo etc., ohne dass
Informationen darüber geliefert werden, wer es getan hatte.
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Im
Mediendiskurs wurde auf die Jugoslawische Volksarmee vor allem mit neutralen
Ausdrücken Bezug genommen, während die Armeen der kroatischen und der
bosnischen SerbInnen glorifiziert wurden. Eine Reihe von Stereotypen mit
einer positiven Konnotation wurde gebildet: «tapfere Kämpfer», «Krajina-Männer»,
«Verteidiger», «beherzte Jungs», «Befreier» … Diese Armeen haben nie
gegen Waffenstillstandsabkommen verstossen, sie haben nur ehrenhaft gekämpft;
griffen nie an und haben sich nur verteidigt; sie haben nicht erobert, sie
haben «befreit». Die so oft verwendete Metapher der «Befreiung» hatte
eine Mehrfachfunktion. In erster Linie sublimierte sie alle glorifizierenden
Bilder «unserer Armee». Zudem diente sie dazu, die Menschen in Serbien
dazu zu ermutigen, auf die Mobilisierung zu reagieren oder in anderer
Hinsicht den «gerechten Kampf unserer serbischen Brüder» zu unterstützen.
Schliesslich diente sie auch dazu, jegliche Qualifikation Serbiens als
Aggressor zu kontern, die von der übrigen Welt kamen.
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Der
Hauptfeind in dieser Phase waren die militärischen Streitkräfte Kroatiens,
Bosniens und Herzegovinas. Eine Bandbreite negativer Stereotypen zur
Benennung und Qualifizierung der Mitglieder der «feindlichen Armeen» war
viel weiter und reichhaltiger, verglichen mit den positiven Qualifikationen
«unserer Armeen»: «Barbaren», «Kriminelle», «Ustashi», «Söldner»,
«Schwarze Legionen», «Tiere», «Schlächter», «Horden», «Krieger»,
«Kommandos», «Kriegshunde», «Mujaheddin», «Bösewichte», «Henker»,
«Schurken», «islamische Fanatiker», «Legionen von Fundamentalisten»
… Das Paradigma der Diffamierung der «feindlichen Armee» wird verkörpert
durch das Bild des Mitglieds der kroatischen Armee mit einer aus Fingern
serbischer Kinder hergestellten Halskette. Die Sprache wimmelte von
Botschaften im «Folklore-Stil» unter Verwendung der «üblichen
traditionellen Klischees und Formeln», die die Bedeutung von der
politischen auf die «mythologische Ebene verschieben, wo es nicht länger
um Politiken, sondern um spezifische Grundwerte und Antagonismen geht.
Beispielhaft dafür sind Antagonismen zwischen menschlichen und
unmenschlichen Wesen, zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod» (Colovic,
1994:37).
Der
offensichtliche Erfolg von Medienmanipulation und -propaganda ist auf den
vorherrschenden Typ politischer Kultur zurückzuführen. In erster Linie
handelte es sich um eine Gesellschaft praktisch ohne demokratische Tradition.
Demokratische Mechanismen zur Artikulation unterschiedlicher Interessen oder auf
demokratischen Prinzipien gründende Institutionen, durch die solche Interessen
verwirklicht werden könnten, existierten nicht. Mangels parlamentarischer
Demokratie, an deren Stelle jahrzehntelang das Erdulden eines monistischen
Systems stand, in dem ein Modell einer ausschliesslichen Wahrheit
(Regierungsideologie) wirkte, waren die Prämissen für die Errichtung einer
autonomen Gesellschaft oder einer kritischen Öffentlichkeit nicht entwickelt.
Andererseits waren auch andere Faktoren wichtig in Bezug auf einen ziemlich
niedrigen allgemeinen Bildungsstand der Bevölkerung sowie die Grundzüge ihres
soziopsychologischen Porträts. Die Ergebnisse einer Reihe von
Forschungsprojekten aus der Zeit zwischen den 60er und den frühen 90er Jahren,
sowie die Forschung, die während des letzten Krieges auf dem Gebiet des früheren
Jugoslawien durchgeführt wurde, weisen auf eine äusserst hohe Präsenz von
Autoritarismus, Konformismus, Kollektivismus, Patriarchalismus, Egalitarismus,
Traditionalismus und Konservatismus in der Bevölkerung hin, während das
Wertesystem, das auf den Errungenschaften der liberalen Tradition und des
Individualismus gründet, nur in relativ schwachem Masse vertreten ist. Dieses
Wertesystem wurde hergestellt und aufrechterhalten durch die vorwiegend
patriarchale und autoritäre Form der allgemeinen und politischen
Sozialisierung. Während Jahrzehnten wurden Menschen in der Absicht
sozialisiert, dass sie sich der Autorität der Macht unterwerfen, während sie
gleichzeitig das Bedürfnis verinnerlichten, so zu sein; dass sie in einer
Position waren, in der immer jemand anderes Entscheidungen in ihrem Namen traf;
dass sie sich mit einem Kollektiv identifizieren, unabhängig davon, ob es sich
um eine spezifische soziale Schicht, Klasse oder Nation handelte. Der Ende der
80er Jahre hervorgerufene Populismus schuf eine mächtige Symbiose zwischen dem
«gewöhnlichen Mann» mit dieser soziopsychologischen Struktur und dem Führer.
Gegenseitig geben sie «ein menschliches Versprechen, eine gegenseitige
unwiderrufbare Anerkennung: des Führers, den kleinen Mann anzuerkennen als
Teilnehmer der historischen Mission, und des Mannes selbst, seinem Führer in
dieser Mission zu folgen, bis dass der Tod sie scheide» (Brankovic, 1994:207).
Der Führer erhielt somit einen speziellen Platz im Alltag eines Individuums,
das das Versprechen abgegeben hat, und einen Platz «neben Gott, sein Bild an
der Wand … zusammen mit der Ikone des Heiligen, während fromme Gefühle Ausbrüche
profaner Gefühle ihm gegenüber nicht zulassen» (Brankovic, 1994:212).
Andererseits produzierte die Vorherrschaft der nationalistischen Ideologie im öffentlichen
Diskurs Ethnozentrismus und Fremdenfeindlichkeit, basierend auf einer Reihe
ethnischer Vorurteile und Stereotypen, die die eigene Nation glorifizieren auf
Kosten anderer, und Mythologie, gewoben aus Mythen, Mystifizierungen und
Fetischismen des nationalen Wesens und der nationalen Geschichte.
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