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4. Auswertung der Projektreisevon Roland Brunner, Medienhilfe Ex-Jugoslawien Die einwöchige Projektreise war anstrengend, aber eindrücklich. Bei kurzen Nächten, langen Gesprächen und den im ehemaligen Jugoslawien beschwerlichen Reisevoraussetzungen waren alle TeilnehmerInnen recht erschöpft am Schluss.Im folgenden soll versucht werden, eine Einschätzung der Erfahrungen vorzunehmen, um daraus auch Schlüsse für die weitere Arbeit der Medienhilfe Ex-Jugoslawien zu ziehen. A. Bosnien-Herzegowina:Gegenläufige EntwicklungenDie Diskussionen mit Medienschaffenden in Sarajewo waren mehrheitlich von einem sehr kritischen Blick auf die aktuelle Situation und die weiteren Perspektiven gekennzeichnet. Bewegungsfreiheit und damit auch eine freie Zirkulation von Medien und Medien-schaffenden ist auch mehr als ein Jahr nach Abschluss des Dayton-Abkommens nicht gewährleistet. Im Gegenteil: Genau so, wie sich die drei Teile Bosnien-Herzegowinas, das bosniakisch dominierte Kerngebiet, der kroatisch kontrollierte Phantomstaat Herzeg-Bosna und die serbische Entität Republika Srpska immer mehr verselbständigen, so bilden sich völlig voneinander abgeschottete Öffentlichkeitsbereiche heraus. Die von den jeweiligen Machthabern und Regierungen kontrollierten Medien sind nicht willens, die unabhängigen Medien kaum fähig, diese Entwicklung zu durchkreuzen. In einer Stärkung aller Ansätze, die einen gemeinsamen Diskussions- und Kommunikationsraum herausbilden wollen, muss unsere prioritäre Bestrebung liegen. Es ist zwar möglich, dass sich drei selbständige respektive den Nachbarländern angeschlossene Gebiete herausbilden, doch selbst in diesem Fall (der inzwischen selbst von der bosnischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft nicht mehr ausgeschlossen wird) kann nur eine Normalisierung der Beziehungen dazu führen, dass zukünftige Konflikte nicht mit neuen Kriegen ausgetragen werden. Aussagen in diese Richtung waren während unserer Reise gerade von bosnischer Seite zu lesen: Wenn es nicht mit dem Dayton-Frieden geht, dann ziehen wir halt wieder in den Krieg... 1. Konflikte zwischen Stadt und Land:Sarajewo steht heute unter grossem Druck: Viele der urbanen EinwohnerInnen, die den ganzen Krieg über in Sarajewo ausgeharrt haben oder ausharren mussten, verlassen die Stadt und wandern aus. Täglich werden heute allein bei der kanadischen Botschaft in Sarajewo rund 300 Visaanträge gestellt. Andererseits hat sich die Bevölkerungsstruktur der Stadt durch den Zuzug von Vertriebenen aus ländlichen Gebieten verändert. Diese ländliche Bevölkerung bringt kulturelle und soziale Werte mit, die denjenigen der städtischen Bevölkerung diametral entgegenstehen. Während die Stadt jahrhundertelang von multiethnischem und multikulturellem Zusammenleben geprägt war, bildeten die Dörfer und Siedlungen viel homogenere Siedlungsstrukturen. Während die Stadt eine urbane Anonymität und damit Freiheit bedeutete, unterlag das Leben in den Dörfern einer viel stärkeren sozialen Kontrolle. Diese zwei verschiedenen Kulturen treffen heute in Sarajewo hart aufeinander und werden verstärkt durch den Konflikt zwischen der Bevölkerung, die den Krieg über in Sarajewo und Bosnien ausharrte und den "HeimkehrerInnen", die einige Kriegsjahre im sicheren Ausland verbringen durften. Sie werden heute als VerräterInnen angesehen, die mit Taschen voll Geld zurückkommen, während diejenigen, die die Stadt und das Land verteidigt haben, mittel- und arbeitslos sind. Viele Medienschaffende, die sich und ihre Medienprodukte im urbanen Kontext Sarajewos definiert haben, sind heute frustriert und resigniert angesichts der aktuellen Entwicklungen. Sie sehen kaum Chancen, gegen die Regierungspolitik und die Politik der internationalen Gemeinschaft eine multikulturelle Perspektive aufrechtzuerhalten. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand, ihre LeserInnen, HöhrerInnen und ZuschauerInnen verlassen das Land und die Projekte werden immer mehr zu kleinen Inseln, die urbane Kultur gegen die Brandung der ländlichen Werte verteidigen. Medienprojekte, die spezifische Überlegungen anstellen, wie die Kluft zwischen städtischer, alteingesessener und ländlicher, neuzugezogener Bevölkerung zu überbrücken wäre, scheinen heute für Sarajewo (aber auch für Tuzla) zentral. Die Integration der neuen städtischen EinwohnerInnen muss über eine Vermittlung der städtischen Kultur erfolgen. Medien spielen damit eine zentrale Rolle, wenn Sarajewo seiner Bevölkerung wieder eine Lebensperspektive bieten soll. 2. Erwartungen und Enttäuschungen:Die Unterzeichnung des Dayton-Abkommens führte im
mehrheitlich bosniakischen Teil und vor allem in Sarajewo zu
einem "Hoffnungsschub". Die Menschen erwarteten, dass
sich mit dem Ende der bewaffneten Kriegsführung auch der Frieden
einstellen und sich die Situation sehr schnell normalisieren
werde. Heute, eineinhalb Jahre nach dem
"Friedensschluss", sind diese Hoffnungen enttäuscht.
Die Frustrationen sind in Sarajewo allgegenwärtig.
Medienschaffende sehen ihre Hoffnungen enttäuscht, dass die
internationale Gemeinschaft tatsächlich die Medien- und
Bewegungsfreiheit durchsetzen werde. Die vielen Versprechungen
werden nur noch zynisch kommentiert. Der Glaube an eine wirkliche
Verbesserung fehlt. Verbunden mit der weiterhin fragwürdigen
Medienpolitik der Regierung führt dies zu viel Resignation und
zu einer zunehmenden Perspektivelosigkeit vieler Medienprojekte -
sowohl was die menschlichen und materiellen Ressourcen betrifft
als auch für die politische Entwicklung. Die gegenläufige Erwartungshaltung im mehrheitlich bosniakischen und im serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas mag zu einer Angleichung der realen Arbeitsbedingungen führen. Sie erschwert jedoch zusätzlich die zu entwickelnde Zusammenarbeit über die Entitäts-grenzen hinweg. Eine spezifische Unterstützung aller Projekte, die sich diese Vernetzung zum Ziel setzen, scheint uns zentral. Bisher gelingt es erst wenigen Medien, durch die internationalen Organisationen wenigstens einige wenige Kopien ihres Produktes auf die jeweils andere Seite zu bringen. Wichtig ist hier der Aufbau von Informations- und Vertriebsnetzen, die eine neue gemeinsame Diskussionskultur und Öffentlichkeit schaffen. 3. Alte und neue "unabhängige" Medien:Seit Ende der bewaffneten Kriegsführung und seit die
internationale Gemeinschaft die Unterstützung unabhängiger
Medien zu einer wichtigen Aufgabe erklärt hat, nimmt die Zahl
"unabhängiger Medien" ständig zu. Dabei erwächst den
nichtnationalistischen Medien, die während der Kriegsjahre
profiliert und engagiert gegen die herrschende Ideologie und
Politik angeschrieben haben, heute Konkurrenz durch Medien, die
neu gegründet wurden oder die sich neu unabhängig nennen. Dazu
gehören vor allem in der Republika Srpska Zeitungen und
Zeitschriften wie "Alternativa" (Doboj),
"Panorama" und "Ekspres Magasin" (Bijeljina).
Diese Medien sowie einige "unabhängige" lokale
Radiostationen, die von den Stadtbehörden oder ihnen politisch
nahestehenden Kreisen betrieben werden, profitieren häufig von
der mangelnden Kenntnis und Konsequenz seitens der
internationalen Politik. Sie erhalten Unterstützung, die dafür
den Medien entzogen wird, die einen wirklichen Leistungsausweis
erbracht haben. Wir müssen die Entstehungsgeschichte der unabhängigen Medien in die Projektevaluationen einbeziehen. Es gilt zu verhindern, dass "Kriegsprofiteure" in der Medienszene den durch ihre Arbeit gegen den Krieg profilierten Medien das Wasser abgraben. Gleichzeitig gilt es, die Professionalisierung der Medienschaffenden zu unterstützen und ihnen den Umstieg von einer Kriegs- zu einer Nachkriegs-Berichterstattung zu erleichtern. B: Serbien / Bundesrepublik JugoslawienDie Mediensituation in Belgrad und ganz Serbien ist wenige
Monate nach dem Sieg der Opposition in den Lokalwahlen, den
monatelangen Protestkundgebungen in vielen Städten und kurz vor
den wieder bevorstehenden Wahlen für das Bundesparlament
Jugoslawiens (Serbien und Montenegro) und für den Präsidenten
(Kandidatur Milosevics?) weiterhin offen. Einige Medien wie die
Zeitschrift "Republika" oder "VREME" konnten
ihre Auflage während der Proteste vervielfachen. Heute liegt der
Absatz wieder bei Zahlen wie zuvor. Die elektronischen Medien benötigen finanzielle Unterstützung, welche die Möglichkeiten der Medienhilfe Ex-Jugoslawien bei weitem überschreitet. Radio B92 hat es allerdings bisher recht erfolgreich verstanden, auch grosse internationale Geldgeber für diese Projekte zu finden. Wir konzentrieren uns daher auf die Unterstützung der Printmedien. SchlussfolgerungenAuch wenn das ehemaligen Jugoslawien weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist, herrscht bei weitem noch keine Normalität und bleibt die zukünftige Entwicklung offen. Die langfristige Stabilisierung der Region kann nur durch eine Stärkung demokratischer zivilgesellschaftlicher Strukturen geschehen. Unabhängige Medien spielen eine zentrale Rolle dabei, diese regierungsunabhängige Öffentlichkeit herzustellen und damit ein gesellschaftliches Gegengewicht zur herrschenden Macht zu schaffen. Solange die Bevölkerung einseitig der regierungskontrollierten Medienpropaganda ausgesetzt ist, bleibt das Potential für weitere gewaltsame Konflikte gross, vor allem da auf allen Seiten weiterhin diejenigen Kräfte an der Macht sind, die den Krieg vorbereitet und geführt haben. Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien wird mit ihren beschränkten Möglichkeiten weiterhin versuchen, diejenigen Kräfte zu stärken, die sich dem Nationalismus entgegensetzen und die für ein Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen und Ethnien einstehen. Wir konzentrieren unsere Kräfte auf kleinere Medienprojekte, die von den grossen Geldgebern oft übersehen werden, die jedoch in ihrem Umfeld eine wichtige Bedeutung haben. Besonders gelten unser Augenmerk und unsere Unterstützung allen Projekten, die eine Vernetzung im exjugoslawischen Raum und darüber hinaus zu Vertriebenen und Flüchtlingen befördern, indem sie eine Brücke der Verständigung schaffen. Weitere Hintergrundbeitäge zur Mediensituation im ehemaligen Jugoslawien können bei uns bestellt werden:
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